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Star Trek Enterprise – Ein Rückblick – Teil 1

ENT ist nun TV-Geschichte. Wir haben die Serie von Anfang an verfolgt (gut, oft mit Äxten und Heugabeln) und uns über sie lustig gemacht, damit sie später wenigstens als humorvoll in die Geschichtsbücher eingeht. Doch welche unserer Kritikpunkte hat auch noch heute Gültigkeit und visionäre Strahlkraft? Haben wir ENT gar unrecht getan? Unser Rückblick zu jeder Staffel klärt nun aus der Entfernung, wo die Brust die Locken hat…

Stückwerk oder Bückwerk? Uneinheitliches Herumgestoppel in der Vergangenheit oder verbeugungswürdiger Einblick in die Zeit vor Kirk? Wir klären auf, wir klären ab… Und mit einem beherzten Knopfdruck auf den Weichzeichner-Mechanismus begebe ich mich gedanklich nun in die Wunderwelt des Pilotfilms!

Ich besitze auf meiner inneren Festplatte noch heute ein klares Bild von meinen Empfindungen nach meiner allerersten ENTERPRISE-Folge! „Aufbruch in`s Unbekannte“! Ich sehe… dann immer so eine Art grieseligen Schnee vor meinem geistigen Auge, als würde ein Storchenpaar in der Satellitenschüssel nisten. Da ich sogar deren Namen weiß, kann ich nur bestätigen: In dieser Hinsicht ist meine Erinnerung sogar mehr als klar!

Doch eines weiß ich noch gewisser (Meine Lieblingssteigerungsform!): Erst wenige Wochen vorher hatte ich Voyagers „Endgame“ gesehen. Aufgrund der angedauten Nahrungsreste auf dem Bildschirm allerdings nur schemenhaft. Ich kann mich auch da nur noch an einen seltsamen Tunnel mit noch seltsameren Lichtern erinnern, der mich wider aller Vernunft hineinziehen wollte, in den ich aber partout nicht mochte. Ob es sich hierbei um eine Nahtoderfahrung im Fernsehsessel oder einen bescheuerten Transwarptunnel handelte, kann ich heute nicht mehr sagen. Da es mit Voyager zu tun hat, waren die Übergänge aber wohl sowieso fließend. Zumindest der hervorbrechende Nahrungsmittelbrei war es…

Allein schon deshalb KONNTE Enterprise in unser aller Augen ja nur besser werden! Es erschien uns unglaubwürdig und unseriös, wenn jemand die These aufstellte, dass die neue Serie unsere Voyager-Antagonisten noch unterbieten könnte. Und das hat sie ja letztendlich auch nicht. Auch wenn Rick Berman wie eine Löwin dafür gekämpft hat, auch der neuen Serie frühzeitig den erlösenden Nackenbiss zu verpassen.

Trümmercrew oder Putzkolonne? ENT sorgte bei den Fans für viele objektive Diskussionen und wohl überlegter, wohlformulierter, fundierter Kritik. – Zu Unrecht, da das Projekt im Rückblick einfach als „Scheiße!“ bezeichnet werden muss! Zwar gelangen in dieser Serie auch einige wenige Highlights, die ich durchaus mit einem Textmarker hervorheben könnte, doch wenn man diese mit den Trek-Serien 1-3 vergleicht, so muss man die Farbe jenes Textmarkers leider mit „Tümpelgrün“ angeben.

Doch lasst uns vorher noch einmal kurz ein Magengeschwür zurückspulen… Denn vor ENT hatte noch die Beschäftigung mit diesen Charakteren zur Hauptaufgabe einer jeden ST-Seite gehört: Loser-Kim, Esoterik-Chakotay, Schnarch-Tuvok, Küchenweisheiten-Neelix, Vielfliegermeilen-Tom, Unberechenbarkeits-Janeway, Schauwerte-Seven und der Menschenrechte-Doktor. Bei solch einer Masse an (immerhin) schillernd und abwechslungsreich gescheiterten Existenzen erschien es den Zuschauern der damaligen Zeit logisch, eine neue Crew zu bejubeln, die etwas durchschnittlicher war: Ami-Archer, USA-Tucker, Amerika-Mayweather, Engländer-Reed und Chinatown-Hoshi. Nur widerstrebend akzeptierte man Luder-T`Pol und Grimassen-Phlox, da man befürchtete, ENTERPRISE könnte farbenfroh und humorvoll werden. Ein Versuch, der schon im Deltaquadranten grandios gescheitert war, wo man sich manchmal ganze Episoden lang im Sylvesterprogramm des Westdeutschen Rundfunks wiederzufinden glaubte.

So jubelte man pflichtschuldig am ENT-Pilotfilm herum, obwohl schon dort klar war, dass eine Prä-Kirk-Serie irgendwie seltsam wirken würde. Groß angekündigte Features wie „Kein Beamen!“ oder „Kein Universaltranslator“ oder gar „Keinen blassen Schimmer“ wurden nach wenigen Folgen fallen gelassen. Man beamte zwar, wenn es notwendig war, musste dafür aber einen hohen Preis zahlen: Das Betriebsklima. Undeutliches Genörgel in der Kantine und die eidesstattlichen Erklärungen von alternden Liebhabern, Geschlechtsorgane wären nicht mehr in der vollständigen Größe rematerialisiert („Ehrlich!!“), sorgten für sparsameres Herumgefunke. Praktisch vergleichbar mit der hysterischen Feinstaub- und Acrylamid-Debatte unserer Tage. Die lebensgefährliche Gefahr des Beamens war rückblickend in etwa genau so groß wie der Verzehr von Vögeleien im Jahre 2005. Zwischen einem Beamabstinenzler und jemanden, der wegen der Vogelgrippe ein ChickenMcNugget nur noch schüchtern mit der Zungenspitze anstößt, liegen anscheinend wohl nur wenige Neuronen Unterschied…

Dabei war die Beam-Technologie nicht gefährlicher als ein Holodeck auf der Voyager, wo man mitunter stundenlang (bei abgeschalteten Sicherheitsprotokollen) beim Sturm auf die Normandie ausharren musste, weil der Elektriker draußen den „Off“-Knopf mal wieder nicht gefunden hatte. Oder weil ein spontaner Reset angeblich den Benutzer drinnen dematerialisiert oder sonstwie geschadet hätte. Vielleicht eine Idee für sehr zukünftige Microsoftprodukte? Der WID-Bug! – „Wo isser denn“?

“Oh, mir ist übel! Mir dreeeht sich alles!” – Klar Fall von „Etikettenschwindel!“: Denn außer auf diesem Bild sah ENTERPRISE nie aus, als würde sie VOR Kirk zu spielen. Okay, klar, dass man die Serie nicht mit alten, TOS-ähnlichen Schrottkulissen drehen konnte… Aber andererseits: Warum eigentlich nicht? Wären die Quoten mit einem Klassik-ähnlicherem Look wirklich erheblich niedriger gewesen?

Zurück zu ENTERPRISE: Auch die Sache mit dem Translator war gar etwas seltsam: Nur ganz zu Beginn musste Hoshi noch jeden Hanswurst auf dem Hauptbildschirm übersetzen, da nur sie nach ca. 3 Minuten und 30 angehörten Schmatzgeräuschen (Davon 2/3 Verdauungsprobleme) erst die fremde Sprache beherrschte. Unvergesslich die (leider später wieder rausgeschnittene) Szene, in der Hoshi das Gluckern im Heizkörpers als Notruf identifizierte oder sie der Gasterme im Keller die Worte „Mene, mene tekel upharsin` – Gewogen und zu leicht befunden“ in den Mund legte.

Wie bei Superhelden-Verfilmungen sind bei ENTERPRISE eigentlich stets die Passagen am Interessantesten, in denen jemand neue Fähigkeiten (bzw. Technologien) erhält und mit denen noch nicht sonderlich klarkommt. Wer will schon Spiderman bei der gleichzeitigen Rettung mehrerer Bahnwaggons sehen, wenn man ihn vorher schon mal beobachtet hat, wie er versehentlich von einem Hochhaus hinunterstürzt? Ergo: Der Weg ist das Ziel! Die Zuschauer sehen lieber, wie die ENTERPRISE in den Straßengraben zwischen den Saturnringen rutscht, als das Schiff bei der mühelosen phasertechnischen Penetrierung von Pennern zu sehen. Aber Details dazu klären wir lieber in unserem Rückblick zu Staffel Nummero eins:


Staffel 1 – Der Spasto-Effekt

Seltsamerweise ist diese Staffel bis heute sehr positiv im Gedächtnis der Fans geblieben.

Doch wenn man ganz ehrlich zu sich selber ist, war auch die erste Staffel eher das Gelbstichige als das Gelbe vom Ei. So eine Art nikotinfarbener Muff-Dunst in den Gardinen des Franchise. Man bejubelte Folgen wie „Strange New World“ ernsthaft gerade DAFÜR, dass eigentlich nichts geschah.

Kein Wunder, war das doch nach VOYAGER noch ein völliges Novum, fehlten doch in der Vorgängerserie nur noch holographische Planeten und künstlichen Wurmlöcher aus Stoffresten. In Sachen Zeitreisen, Schutzschilden, Raumlöchern, Borg, plötzlicher Entwicklung von Bewusstsein bei Hologrammen und vielem mehr hatte VOYAGER ja den völligen Technik-Hau präsentiert. Nichts war abwegig genug für ein Schiff, das generell gerne auf Abwege ging und schon mal einen Umweg von „Kommt-wir-bringen-Kes-wieder-nach-hause“- Ausmaßen auf sich nahm, um auch ja nicht auf direktem Wege heim zu fliegen… Denn eigentlich hatte ja keiner mehr Bock auf diesen Alphaquadranten und seinem ewigen „Solange Du die Warpgondeln unter meinem Tisch hast…“!

“Das hiel ist unsele Kalte! Möchten sie vielleicht volhel eine Suppe?“ – Versprochen ist versprochen: Sprachtalent Hoshi Sato verabschiedet sich gleich von den Passanten, die sie unter Vorspielung falscher Essensgutscheine und gefälschter Statistenverträge in ihr Restaurant gelockt hat. Sie geht nun auf die ENTERPRISE, um neue Herausforderungen zu suchen! Die Erde mit ihren popeligen 283 Sprachen und 1.678 Dialekten wurde ihr halt einfach langsam zu klein…

Es scheint so, als sei daher bei der ersten ENT-Staffel verstärkt der „Spasto-Effekt“ (psychologischer Fachbegriff aus der Reviewforschung) zum Tragen gekommen: Begrenztheit war Trumpf! Dadurch, dass die Crew in der ersten Staffel keinen Plan und wenig Durchblick hatte, fühlte man sich wie im Bayrischen Wald nach 14-tägigen Koalitionsgesprächen unter Rotweineinfluss. Die pure Erholung! Und man übertrug diese mildernden Umstände irgendwie auch auf den Autoren. Schließlich mäkelt man ja auch an der Behindertenolympiade nicht herum, wenn der 100-Meter-Lauf im Sitzen abgehalten werden muss…

So tätschelte man dem Schreiberling (mit Blick auf die anfängliche Versager-Crew, die nicht mal einen Torpedo abschießen konnte) großmütig das unkontrolliert zuckende Haupt und fand die Episode dabei stets wie das selbstgemalte Bild eines 3-Jährigen: „Seeeehr, seeeeehr fein gemaaaacht!“. Auch wenn das Blatt zu zwei Dritteln nur mit schwarzem Buntstift ausgemalt wurde.

Was der inhaltlichen Beschreibung der Folge „Strange New World“ (1.04) schon sehr nahe kommt: Ein Haufen Loser macht einen Waldspaziergang auf einem fremden Planeten und verbeugt sich ehrfürchtig vor jedem Blatt, das vor ihnen vom Baum fällt. Zwischendurch erzählt Mayweather Geistergeschichten, ein Alibi-Beamunfall geschieht und zum Schluss flippen noch ein paar Leute aus, denen ein paar Sporen auf’s Großhirn geschlagen sind. Ja, sogar unsere Seite wurde für einige Folgen von diesem nichtssagenden Blödsinn eingelullt! Unvergessen und unentschuldbar ist bis heute das Review von Ex-Chefredakteur Gerd Günther Hoffmann, der diese Episode am Kinn kraulte und ernsthaft meinte:

„So, so. Hübsche Außenaufnahmen hast Du da, Kleiner. Sieht ja mächtig teuer aus. Hast es ja schon ganz schön weit gebracht für Dein Alter.“

Und das nur, weil die Kamera mal kurz auf einen richtigen Kran gesetzt wurde, statt wie früher direkt aus Bermans Hosenstall zu filmen, was ihm in der Vergangenheit ein echtes Plus an Sexualleben beschert hatte…

„Ich glaub, ich glotz TV! Ist ja alles so schön grün hier!“ – Blühende Landschaften: Archer, Trip und dieser Dings befinden sich hier in echter Vegetation! Keine Petersilie aus der Studiokantine! Keine Benjamini auf der Hebebühne! Star-Trek-Fans kennen so etwas ja meist nur aus Fanfiction-Filmen, in denen jeder Schrebergarten zum undurchdringlichen Dschungel wird. Wer hingegen Stargate kennt, wird sich angesichts solcher Bilder wohl nicht mal dazu hinreißen lassen, gähnend an seiner körpereigenen Stabwaffe zu kratzen…

Überbewertet ist in der Rückschau auch die erste echte Folge zum „temporal cold war“, nämlich „Der kalte Krieg“ (1.11). Nachträglich bekommt man hier aber eher das kalte Grausen, wenn man bedenkt, wie schamlos hier dem Zuschauer ein größerer Handlungsbogen vorgegaukelt wurde. Dabei wussten auch Rick Berman und Brannon Braga zu keinem Zeitpunkt, warum die diversen „Future Guys“ unbedingt und andauernd das Archiv der „Tagesthemen“ formatieren und überschreiben wollten. Das einzige, was hier temporal cold „war“, waren wohl die Hirnfunktionen der beiden Storypuzzler. Munter wurden sinnlose Zeitreisen und „hilfreiche“ Tipps („Archer! Gehen sie zur Grippeschutzimpfung! Die Zukunft braucht sie noch!“) zu einer konfusen Pseudohandlung verrührt. Was wollte uns beispielsweise das Staffelfinale „Schockwelle (I)“ mit seiner entvölkerten zukünftigen Erde sagen? Vermutlich das selbe wie ein Kind, das einem Erwachsenen begeistert zuruft: „Guck maaal! Ich kann sogar ohne Hände Rad fahren!!“ (*Pardauz*) – Einfach mal etwas machen, nur weil man es gerade kann…

Doch auch meine Reviews zu den Folgen „Lautloser Feind“ (1.12 – Halloween für Komapatienten), „Aquisition“ (1.19 – Schon nach 18 Folgen mussten die Ferengie her) und „Vox Sola“ (1.22 – Wir müssen vor dem Ende der Staffel noch schnell das Kraftfeld erfinden) sind im Nachhinein nicht das Papier wert, auf dem ich sie hätte ausdrucken können. Ein lasches Herumgelobe an Bronzezeit-Science-Fiction! Hier war die Schulnote namens „2“ stets völlig ungerechtfertigt! Ich konnte bei der TV-Ausstrahlung schließlich keine einzige diese Folgen erneut bis zum Ende ertragen! – Eine reviewtechnisch völlig unverständliche Nachsicht von meiner Seite, die auch durch die Verrisse von „Terra Nova“ (1.06 – Höhlenschreck statt Mannschaftsdeck), „Die Saat“ (1.09 – Einfach nur grässlich) oder „Oasis“ (1.20 – „Gib mir schnell meinen Holo, Deck!“) nicht zu entschuldigen ist.

“Schaut mal her, Jungs, was ich für einen Trick mit meinen Fingern machen kann: Knirsch-KRACKS!“ – Ein schweres (Arbeits)Los: Auch wenn es Rene Auberjones noch nicht wahrhaben will, so ist seine erfolgreiche Zeit als Formwandler aber doch vorbei. Dafür ist er nun als Platzanweiser, Parkwächter und Liftboy für Hologramme beschäftigt! Warum? Weil es in der Zukunft keine Tauben und Enten mehr gibt, die man den halben Tag lang füttern könnte!

Wenn man die Serie heute betrachtet, kapiert man auch kaum, wie der Beginn der überlichtschnellen Raumfahrt denn nun ausgesehen haben soll. Der Warpantrieb war schon seit so langer Zeit so selbstverständlich, dass Mayweather sogar auf riesigen Frachtern aufwuchs, doch auf die Idee, ein nennenswertes Forschungsschiff zu bauen, kam man wohl erst recht spät. Das ist ungefähr so, als wenn die Firma Miele im Jahre 1950 bereits die erste Mondlandung durchgeführt hätte, damit die staatliche NASA im Jahre 1968 einen Großteil ihres Millionen-Etats für Image- und Rechtfer-tigungskampagnen hätte ausgeben müssen…

Fazit: Staffelfraß im Mittelmaß. Ein Serienauftakt mit vielen guten Absichten, aber wenigen echten Highlights. Nur „Lieber Doktor“ (1.13) scheint in der Rückschau echte Trekqualitäten zu besitzen. Der andere Kram veredelt höchstens „Rudis Resterampe“ und taugt allenfalls für Leute, denen TNG zu philosophisch, DS9 zu episch und Voyager zu sprunghaft war. – Hüpf, Cathie, hüpf!

Damaliger Dampfhammer-Notendurchschnitt (ohne + und -): 2,72! Ein deutliches Stück zu hoch!


Staffel 2 – „Schau mal, ein Script aus Hieroglyphen!“

Nicht zu Unrecht ist diese Staffel als billige Imitation alter Trekstorys verschrien. Wie hier recycelt wurde, das lässt selbst die gelbe Tonne zu einem deutlich helleren Farbton erblassen! Fast keine der erzählten Geschichten wirkte irgendwie neu oder mutig oder gar überhaupt wie eine Geschichte. Das Ganze erschien eher wie ein „Best of“-Zusammenschnitt von vergangenen „Best of“-Wiederholungen. Praktisch eine ganze Staffel im Stil von „Kraft der Träume“ (TNG – 2.22). Spätestens ab der 8. Folge kommt das starke Gefühl auf, dass sich alles wiederholt. Kommt das Gefühl auf, dass sich alles wiederholt. Wenn die Zeit wirklich ringförmig und in sich geschlossen verläuft, wie von manchen Physikern vermutet, muss sie bei Star Trek manchmal schon einen verdammt engen Wendekreis besitzen!

„Der vierte Weltkrieg? Quatsch! Wir sind nur im Sachsen-Anhalt des Jahres 2010… Noch ein Stück Blumendraht? (Mampf)“ – Bröselnde Landschaften: Dieses Bild trügt! Der Aufschwung klopft schon längst an die Türen! – Nur leider weiß hier keiner, wo sich diese Scheißdinger dauernd aufhalten. Ein Teil der Misere ist allerdings auch der Globalisierung anzurechnen: Die Lebenshaltungskosten sind in China sehr viel geringer als hier! Sich einen ausgewachsenen Arbeiter zu halten kostet dort beispielsweise nur 17 Cent im Monat und zwei, drei Quadratmeter Platz…

Beispiel? Kein Problem:

In „The Communicator“ (2.08) wird das Außenteam auf einem Prä-Warp-Planeten festgesetzt, verprügelt, verhört und letztendlich befreit. Vor 35 Jahren konnte man eine solche „Fresse aua!“-Handlung bei Star Trek vielleicht noch mit einem euphorischen „Neu! Jetzt auch mit Blutgeschmack!“ bewerben, doch heute wirkt so was nur noch arm (gebrochen). Zumal wie in der ersten Staffel auch in der zweiten Staffel oft nur Entführungs- und „Ich sitze hier fest“-Geschichten variiert wurden. Am Ende dieser Season kursierten daher im Internet bereits eine Vielzahl an hämischen Gags, die dem Captain Tipps gaben, in welchem Winkel zur Wand er gefahrlos die Seife aufheben könnte und wie man es vermeidet, sich das Gesicht zu verkühlen, wenn man es ständig gegen eiserne Gitterstäbe drücken muss. Vor allem hier konnte unsere Seite stets stolzen Schrittes vorangehen!

Ähnlich überraschungsarm wirkte „Singularity“ (2.09): Obwohl schon bei „Strange New World“ vorschriftsmäßig ausgetillt wurde, durfte die Mannschaft hier schon wieder ihre Großhirnrinde in Rindenmulch verwandeln. Dabei haben wir seit TOS doch wirklich schon genügend Kloppi-Jahrestagungen von bewusstseinsveränderten Offizieren gesehen. Oder, wenn ich den Ausspruch „Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben“ mal auf Star Trek ummünzen darf: „Seid doch auch mal ohne Strahlungsleck an der Mikrowelle humorvoll und extravagant!“ – Vielleicht sind dann solche Folgen nicht mehr so häufig nötig.

Inzwischen wurde auch von anderen Fans die Kritik an Rick Berman lauter. Waren wir zu Beginn der Serie noch einige der wenigen Webseiten, die wöchentlich neue Berman-Schmähungen herausbrachten (Die Sonderhefte 5 bis 23 können noch immer nachbestellt werden!), so wurde diese Art der Kritik plötzlich zur Aufnahmeprüfung in allen Internetforen erhoben. „Berman kann es nicht!“ schimpfte plötzlich sogar Franz Müntefering und Edmund Stoiber ließ sich gar ein „Neoliberales Versagen auf allen Ebenen von Star Trek“ entlocken…

“Okay! Sobald er um die Ecke kommt, geben wir ihm kräftig eins drauf, ja?“ – „Na gut… Aber ich weiß trotzdem noch nicht, was uns dieser `Ànspruch` eigentlich getan hat!“ – Wir stehen hier und spinnen: Malcolm und John verdingen sich als Straßenräuber… Zu blöd, dass die meisten Straßen nur einfach zu groß zum Mitnehmen sind! Aber das heißt nicht, das diese Episode voll von primitiver Gewalt wäre! Ehrlich! Das Alien ist völlig freiwillig mit der Nase in Reeds Faust gelaufen…

Kritik ist kein Wunder bei solchen Folgen wie „Vanishing Point“ (2.10), die eine recht offensichtliche Mischung aus den TNG-Folgen „Todesangst beim Beamen“ und „So nah und doch so fern“ darstellte. Nur ging die Mischung hier leider voll in die Hoshi, Pardon, Hose. Auch hier habe ich mit einer 2- deutlich zu hoch bewertet! Wie die Quoten-Schlampe Trips Liebhaberqualitäten in „Precious Cargo“ (2.11) bewertet hat, ist hingegen nicht überliefert. Der Liebhaberwert dieser sexistischen Episode, in der Tucker ganz Kirk-like eine ludrige Braut auf einem schmuddeligen Planeten vernascht und nebenbei noch irgendeinen fiesen Außerirdischen vom Schlamm naschen lässt, liegt aber wohl noch deutlich darunter. Wer in „Dawn“ (2.13) unten liegt, ist dagegen leichter zu beantworten: Immer der, der gerade auf die Schnauze bekommen hat!

Diese Story ist bis in’s kleinste Detail derartig vom Kinofilm „Enemy Mine“ geklaut, dass TNG schon ein „Wesley allein zu Haus“ hätte aufbieten müssen, um das zu übertreffen. Warum ich auch dafür noch eine 2- gegeben habe, zumal das Ganze auch noch vor Logikfehlern nur so wimmelt, kann ich mir selber nicht erklären. Und selbst wenn ich es könnte: Ich würde mir selber wohl nicht zuhören und mich für diese damalige Fehlbewertung mit blanker Missachtung strafen…

Auch die Storyline um den temporalen Krieg war inzwischen weniger eine Linie, sondern vielmehr ein ganzes Bündel davon. Denn nichts anderes als ausgeraufte Haare ließ „Future Tense“ (2.16) zurück. Berman drehte inzwischen völlig am Rad am präsentierte eine Handlung, die so konfus und (nachträglich betrachtet) sinnlos war, dass einem die Vergleichsmöglichkeiten fehlen würden, wenn es Brannon-Braga-Storys nicht noch gebe. Rein gar nichts wurde hier erklärt oder geklärt, obwohl die Staffel längst ein wenig nach einem kompletten Klärwerk müffelte. Die Episode besteht ausschließlich aus dem frechen Unterton, dass dies alles schon einen Sinn ergibt, solange man nur noch ein paar Staffeln ausharrt. Sinn? Daseinsberechtigung? Ja, vielleicht für wissenschaftliche Tests für Hirnforscher, wie der menschliche Geist auf widersprüchliche Informationen reagiert.

„Kannst du mir bitte noch mal erklären, warum wir an diesem hochexplosiven Ding herumwerkeln sollen?“ – „Was? Ich dachte, das wäre DEIN Plan?“ – Und als nächstes folgt: Ein Grundkurs für das Erlangen von Ahnung im Fachbereich Tuten und Blasen… Reed und Archer haben diese Episode ebenfalls nicht verstanden. Und wenn man davon ausgeht, dass die Menschen immer das zerstören, was sie nicht verstehen, werden sie dieses Drehbuch wohl nicht mit einer Sprengkraft unter 5.000 Megatonnen bombardieren.

Zuvor war Archer ja schon in „Schockwelle (II)“ dadurch zurück in seine Gegenwart gelangt, indem er auf seinen Kamm eine magische Melodie spielte. Oder so ähnlich. Für mich der ultimative Beweis, dass man sich bei Star Trek noch NIE darüber Gedanken gemacht hat, wie man seine Cliffhanger auflöst. Außer dessen Logik in Salzsäure.

Ganz besonders unnötige Abenteuer waren auch „Marauders“ (2.06) und „Regeneration“ (2.23). Während bei ersterem die Klingonen so unfähig wirkten, als stellten sie in dem Sprichwort „Einem Baby dem Lutscher klauen“ den besagten Lolli dar, der hier passiv den Wechsel der Besitzverhältnisse erlebt, so waren die Borg in 2.23 einfach nur überflüssig. Selbst hartnäckige Voyagerfans dürften hier nicht unbedingt auf die galaktischen Altmetallträger gewartet haben… Zumal die Story rein gar nichts neues bot, außer, dass Phlox sich mal eben gerade vor der drohenden Borgverwandlung heilte. Ein Grund mehr, neben Aspirin und Zinksalbe immer ein Tübchen Schneckenschleim im Arzneimittelfach zu haben!

Fazit: Spätestens hier wurde klar, dass es so öde unmöglich weitergehen durfte. Und spätestens im darauffolgenden Jahr wurde klar, dass es niemand gab, der der dritten Staffel genau das verbieten konnte. Staffel Nummero 2 hat wohl nur ein echtes Highlight zu bieten: „Cogenitor“ (2.22). Der Rest geht an die milchgebende Fraktion… Schließlich mögen Kühe doch Wiedergekäutes, oder?


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von Klapowski am 01.11.05 in Star Trek - Enterprise

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Kommentare (16)

  1. Ranma sagt:

    Interessant, so im Nachhinein sind selbst die vielgelobten Details der Serie, die sie ja von den anderen Unterscheiden sollen ein Kritikpunkt oder wie mag ich das jetzt verstehen?

    Aber was einige Bewertungen angeht, jo, die fand ich zu gut.

  2. mungomunk sagt:

    hach ja, Nachbewertungen sind was Feines.
    Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, als Wesley auf Rubicun ins Blumenbeet stolperte – das waren noch Folgen!!!

  3. nakedtruth sagt:

    Was, Enterprise ist vorbei? Warum wurde ich nicht informiert?

    Und wieso soll es in dem nächsten Artikel einen Check der Figurenentwicklung geben? Gab es da eine? Hat Archer dank dem Koch (quasi der Mrs. Columbo der Serie) ein paar Pfund zugelegt? Ist Mayweather noch gewachsen?

  4. ted_simple sagt:

    Staffel 2 fand ich die schlechteste der gesamten Trek-Geschichte. Es ist ja schon auffällig, wie in jeder Staffel eine andere Methode probiert wurde, um die Zuschauer zu begeistern. "Irgendwann müssen wir doch ins Schwarze treffen!" Eigentlich ist damit jede Staffel eine eigene Mini-Serie. Zusammenfassend lässt sich sagen, die Methoden wurden immer marktschreierischer, vom gemächlichen Erzählschritt hin zum (vermeintlich) großen Kino in der letzten Staffel. Tatsächlich gab es eine Verbesserung, denn die Stories wurden "mutiger". Außerdem besserte sich auch die Storyqualität.

    Enterprise ist wie ein Schüler, dem man mit Wohlwollen das Abiturzeugnis in die Hand drückt, weil er sich in der letzten Klasse besonnen und nochmal richtig ins Zeug gelegt hat. Sonst wäre er auch nicht durchs Abi gekommen. Und natürlich können auch die Leistungen des letzten Jahres nur auf den Fertigkeiten aufbauen, die man sich zuvor erarbeitet hat… der neuen Verpackung zum Trotz.

  5. Ranma sagt:

    Das mit den anderen Methoden probieren hatte dann ja auch irgendwann bei DS9 geklappt, so mehr oder weniger. Da gab es ja auch spätestens mit dem Wechsel von Staffel 3 zu Staffel 4 ne klare Kurskorrektur, und so gradeaus wies von da aus aussah war es beileibe nicht, Klingonen freund, Klingonen Feind, Odo, Formwandler, Odo nimmer Formwandler (man beachte, immer ne Staffel Reaktionszeit abwarten)

    Bei Enterprise gings nicht auf, permanent konnte man Stars früherer Erfolge ja nicht ins Getümmel werfen, ging bei Voyager schon nicht.

    Effektiv wollte man irgend einen Staffelübergreifenden Handlungsbogen, wahrscheinlich immer noch an B5 denkend, nur dann muß man auch ein Konzept für sowas haben, und das dann auch umsetzen, nicht bei erster Gelegenheit austauschen, das macht es meistens schlimmer als besser.

    Was da an Figurenentwicklung kommen soll weiß ich gar nicht, ham die mal Schach gespielt und wird eben jenes aufgearbeitet?

  6. Gast sagt:

    Das mit den Bewertungen hatte mich auch schon gewundert. Viel zu wohlwollend und zu nachsichtig der Klappo. Vielleicht befand er sich zur der damaligen Zeit in einem Delirium oder ähnlichem. Man weiss es nicht. Enterprise war ja zu Beginn halt etwas anderes als Voyager aber wer (ausser mir natürlich) hätte "ahnen können" dass das alles nur heisse Luft war, ein Fass ohne Boden, ein Blindgänger, ein … ach ich lass es lieber. Ich denke wir können Klappo diese Fehlwertungen verzeihen und hoffen dass das für ihn lehrreich war. Also die nächste Serie (und die wird bestimmt kommen) bitte mit der vollen klapowschen Härte bewerten.

    mfg

    wallace

  7. P.N. 03 sagt:

    mich würde es ehrlich gesagt nicht überraschen, wenn Klapo die staffel 4 nachträglich auch noch ein wenig schlechter bewerten würde.

    denn noch NIE (gut, ausser bei VOY vielleicht) musste man seine erwartungen niedriger schrauben als nach staffel 3, wo einem DER oberkill in sachen nervige raumkämpfe (fast jede episode), zombies (impulse), und nackten haupt-und gastdarstellerinnen geboten wurde. nicht zu vergessen, billigste debiloaction, als "meuterei" verkleidet. (hatchery)

    ich könnte noch viel mehr aufzählen… leider.

  8. Gast sagt:

    wenn die figuren sich im klopapier verheddern, müssen sie halt entwickelt werden.

  9. Gast sagt:

    besitzt hier jemand folgen der kika-serie
    "uss bumblebee bush" mit bernd dem brot in der hauptrolle?

  10. Gast sagt:

    Nein! Mist!
    Aber schau´ ab und zu mal in den DVD Regalen nach, denn da werden immer mal Bernd das Brot Geschichten rausgebracht (z.B. gibt es schon "Drei für Robin Hood" und "Berndi Broter und der Kasten der Katastrophen")

  11. Gast sagt:

    Endlich liest man hier auch mal was über KiKa Star Trek!

    Wie oft hab ich Klapowski mal gefragt ob er nen Artikel drüber Schreibt aber niemand Reagiert darauf.

  12. Klapowski sagt:

    Das Problem ist ja folgendes:

    1.) Meist schreibe ich ja nur über Dinge, die ich sowieso gesehen hätte, auch ohne diese Internetzseite. Und das KIKA-Star-Trek war in meinen Augen nett, aber nicht berauschend… (hab' allerdings nur eine Folge gesehen)

    2.) Die Folgen scheinen schwer aufzutreiben zu sein.

    3.) Ich habe gerade keine Lust. Könnt ihr mir nicht lieber die 6. Staffel Babylon 5 empfehlen?

  13. bergh sagt:

    tach auch !

    Weiter so Klapo(wski).
    Leider wird er nie Firefly verreissen,
    denn was bliebe selbst für seinen Sarkasmus an Stoff über ?
    Fast nichts.

    Ich danke Euch jedenfalls für den Tipp mit Firefly.
    Eine Serie, mit hohem Suchtpotential
    und der Film Serenity lohnt sich auch.

    Gruss BergH

  14. Gast sagt:

    Juhu Klappo hat einmal auf eins meiner Kommentare Geantwortet!

    Gruss Gast vom 08.11.2005 um 14:53

  15. Gast sagt:

    Ich muss ja sagen, ich finde es immer wieder erfrischend, wenn ich sehe, wie hier über Serien hergezogen wird. Ich grinse auch mit, ehrlich. Nur dann kommt in mir immer dieser Miesmacher durch, der sagt "Nun, dann mach es halt besser."
    ENT fand ich zum Beispiel gar nicht mal so schlecht – da kenn ich schlimmere Serien.
    Das Konzept 'Enterprise' find ich sowieso recht gewagt – und dann beißen halt mal ein paar Folgen sich mit dem Rest… UND? wie schon gesagt: "Mach besser, ehe du rummeckern kannst."
    Gut, ich meine, man kann natürlich auch sagen: "Es wird mir als Fan des Phänomens Star Trek doch wohl mal vergönnt sein, zu sagen 'Enterprise ist scheiße'."
    Natürlich, das ist einem vergönnt, nur verschließt man die Augen davor, das es auch recht gute Folgen gab.

  16. G.G. Hoffmann sagt:

    Ich bin seit gestern mit der zweiten Staffel durch. Ich war im Herbst 2002 bei Folge 2.06 ausgestiegen. So mit knapp 10 Jahren Abstand zur Star Trek Dauerberieselung (die aktuelle TNG-Nonstopschleife auf Tele 5 einmal außer Betracht gelassen), genieße ich es durchaus, mir regelmäßig eine völlig unbekannte Folge zu Gemüte zu führen. Vielleicht bin ich altersmilde geworden, aber ich habe die Serie schlechter in Erinnerung. Vielleicht konnte ich es damals nach gut 12 Jahren Trekmaraton auch nur nicht länger ertragen. Nachdem ich fast den gleichen Zeitraum lang nahezu trekabstinent gelebt habe, finde ich die Serie durchaus erfrischend. Nicht als echtes Star Trek, aber als nette Ergänzung zu dem, was man als Star Trek in Erinnerung hat.

    Und der Cliffhanger „Die Ausdehnung“ verspricht ja einiges im Hinblick auf die überwiegend gelobte 3. Staffel, die morgen von Amazon.de eintrifft (für noch immer lächerliche 22,95 Euro pro Halbstaffel). Trotz einiger angeblicher Massaker eines durchgeknallten Archer freue ich mich schon wie Bolle, endlich wieder in den Genuß „neuer“ Star Trek Folgen zu kommen.

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