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Doctor Who – 6.08 – „Let’s Kill Hitler“ Review

„Oh, hallo, Jungs! Ich war gerade auf dem Weg zu einer Bar Mitzwa.“ – Endlich mal eine Naziepisode! Ich war ein bisschen beleidigt, dass die Briten uns diese aufgrund unserer historischen Verfehlungen (= EM-Sieg 1996) bislang vorenthalten haben. Aber nun ist es ja soweit: Nazigrößen werden von Robotern geblitz-dingst, eine neue Figur entpuppt sich als eine sehr, SEHR alte und Hitler darf im Wandschrank an der braunen Schuhwichse schnüffeln.

Inhalt: Um Adolf Hitler zu töten, werden Doctor, Amy und Rory von einer alten Freundin nach Nazideutschland gezwungen. Dort läuft allerdings bereits ein Roboter-Raumschiff(?) mit zukünftigen Miniaturmenschen (Aua, Kopf!) darin rum, welche sich bereits des Regimes angenommen hat. Eigentlich ist dies aber eine 100%-ige Staffelarc-Episode mit einigen Überraschungen.

Wertung:

Bei Moffat ist eben nichts, wie es scheint und bevor man alles verdaut hat, ist der Kopf voll und die Folge zuende. Ein Zustand, für den ein LSD-Labor lange an Molekülketten stricken müsste! Ich liebe es, wenn man eine Folge gleich noch mal schauen möchte, weil man beim ersten Mal nur das überforderte Pulsieren der eigenen Netzhautadern gesehen hat.

Man brauchte halt schnell einen Soft-Antagonisten (=River), der was über die TARDIS weiß und somit befehlen kann, dem Hard-Antagonisten (diesem Hitler-Typ halt) mit blauen Bohnen in die Glubscher beim Erreichen einer arischeren Augenfarbe auszuhelfen. Und, mal ehrlich: Die gesamte Einführungssequenz ist gut gefilmt und suuuuperfunny! – Bitte Fangirl-Kichern dazudenken. Allein die Idee mit dem „Doctor“-Schriftzug im Kornkreisstil, um den Zeitreisenden herbeizurufen! „Aber warum ist das durchgestrichen?“ – „Das waren wir nicht…“ – *Sportwagen prescht über das Feld heran* – „Aaaaaaah!“

Herrlich! Whoig! Intelligenz für Trashliebhaber! Steven Moffat ist der Joss Whedon für alle, die ihre Cornflakes gerne mit Pfefferminzsoße genießen! Schade, dass er nicht jede Folge schreiben kann, haben seine Geschichten doch immer ein gewisses Tempo beim Verlesen des Brain(less)storming-Protokolls, das zuvor im Autorenzimmer angefertigt wurde.

„Hey, why is everyone speaking englisch, me included? That’s unarisch! Someone has to deport me!“ – Besser Hitlers Gruß als total unhöflich: Der Doctor bringt Nazideutschland bei, dass nur derjenige den Blitzkrieg beherrscht, der in Sekundenbruchteilen einen blauen Buchenholzkasten aufzustellen vermag. Äh, wo muss ICH mich eigentlich behandeln lassen, wenn ich fordere, den Diktator für ein paar Folgen zum Companion zu machen? („Äh, ist das Puppenkopf-Monster dort etwa jüdisch?“)

Aber kommen wir zu dem, was Nahe liegt: Adolf H.! Ein großartiger Mensch, der einst MEHR für das Deutsche Volk wollte. Weswegen er einerseits Teile des Volkes ausgliederte (mehr Ressourcen für den Rest) und den männlichen Bevölkerungsrest über diverse Landesgrenzen schickte, damit alle Frauen und Kinder daheim mal zur Kur gehen können. In einer Spa-Waffenfabrik. Kurz gesagt: Wer würde es sich nicht wünschen, Hitler mal mit der Kneifzange am Bart zu zwirbeln? Dass man diesen feuchten Synagogen-Wunschtraum endlich einmal UMSETZTE, ist einfach eine tolle Idee! Da hätte man hier schon mit übelsten und vor allem humorlosesten Nazi-Klischees arbeiten müssen, um meine Vorabbegeisterung auf Stalingrad-Niveau herunterzukühlen.

Schön auch wieder ALLE Effekte, wie das Verwandeln einer Person durch rotierende Miniquader auf der Haut oder die nebenbei gezeigten Gänge des Raumschiffs (was gar nicht nötig gewesen wäre). Ich muss jetzt schon weinen, wenn ich an die unvermeidlich folgenden Sparfolgen denke. Buuhuu, will nicht wieder zwei Folgen in einer Burg rumgeschubst werden, um schnackendem Schneckenschleim beim Moral-Auswürfeln zuzuschauen, buhuu!

Köstlich: Hitler wird von Rory niedergeschlagen und in den Schrank gesperrt („I’m the Führer.“ – *Zumach*). Ich kann es nur wiederholen: Diese Folge ist wieder mal so voll mit Storyarc, Nebenfiguren, Zeitreisegedöns, komischer Technologie und komischen (im Sinne von „lustigen“) Dialogen, dass selbst ein Review Gefahr läuft, zur amoklaufenden Inhaltsangabe zu werden, in die man ab und an ein hilfloses „Krass, findsch gut!“ einstreut.

„Amy, 1938 trug man solche gebärfreudigen Röcke nur, wenn man dem Volk neue Soldaten bescheren wollte. Also runter damit!“ – Nicht nur die „Ess-Ess“ beliebte oft zu speisen: Hier sehen wir einen klassischen deutschen Tanzsaal. Die Treppe wurde aus echten Regimeopferknochen geschnitzt. Dennoch ist diese Episode einer eher lockere, was eigentlich nicht erlaubt ist, da dies die Opfer (der fliegenden Metallquallen, siehe unten) verhöhnt…

Okay, aber WENN – hypothetisch gesprochen – man doch ein paar Kritikpunkte aufzählen wollte, weil es mein verdammte Job als Franchise-Verklopper ist, so vielleicht die Tatsache, dass ich gerne mehr von Hitler gesehen hätte, auch wenn ich mir nichts sicher bin, ob man das als Deutscher sagen darf. Liest Michel Friedman eigentlich Zukunftia? Egal, jedenfalls ist DAS wohl die typische Moffat-Krankheit, wenn auch eine Krankheit, bei der man im Fieber immerhin hübsche Farben sieht: Von 251 Elementen kommen 92 etwas zu kurz, während man 21 nicht versteht („Fortsetzung folgt“) und 47 durch gelegentliche Albernheit auszeichnen, was 108 von 100 Zuschauern aber nicht merken, da sie gerade durch 320.000 feuernde Neuronen abgelenkt werden.

Der Doctor stirbt, hat aber noch die Muße, sich hustend in einen Frack (Wrack?) zu zwängen? Er tauschte eine Pistole gegen eine Banane aus, um River zu täuschen? Und warum wollte River als Black Beauty doch gleich zu Hitler, da sie eher wenig Interesse an ihm zeigte, nachdem sie eingetroffen sind? Und warum salutierte der Roboter vor Rory („Heil!“), obwohl dieser doch von den Minimenschen gelenkt wurde? Und kann man wirklich einen Haufen halbnackte Nazi-Bonzen aus einem gehobenen Restaurant werfen und danach minutenlang in Ruhe gelassen werden? („Lass die Briten mal machen, das Sauerkraut schmeckte dort eh nicht.“)

Und, und, und… Wir sehen also erneut: Slapstick schlägt Logik, was man aber kaum merkt, da Hirnschlag auch schlagfertige Kritik schlägt. Wäre ich im Moment weniger aufgekratzt (oder würde noch eine Stunde vergehen lassen), würde ich jedoch fordern, die großen Arc-Geschichten nicht zu arc… äh… arg mit Ideenüberschuss zuzustopfen und sich stattdessen auf 2-3 Elemente zu versteifen, in denen dann auch gerne mal 5 Minuten lang KEIN Gag vorkommen muss.

Ansonsten können wir uns womöglich für 2014 auf die Einführung der eingespielten Konservenlacher „freuen“… „Two And A Half Timelord“?

„Okaaay… DAS kam also heraus, bevor die Nazis die ersten Prototypen für die Erfindung der Autobahn hinbekamen?“ – Ach, HIER sind die verlorengegangenen „Quallenangaben“ des Theodor zu Guttenberg hingekommen? Ein aufmerksamer Beobachter wie der Doctor hätte allerdings erkennen müssen, dass es sich hier nur um exakt identisch aussehende Photoshop-Klone handelt, bei denen nur die Glanzpunkte verändert wurden. Wobei: DARF man Nazideutschland GLANZPUNKTE unterstellen?

Und auch, wenn das Ende recht rührselig daherkommt mit all dem Opfern / Sterben / Erweckt werden / Schicksal annehmen / Infos austauschen / Leuchtende Effekte feierlich übergeben / Tränenerstickt an der TARDIStür nagen /, so fehlten mir doch etwas die leisen Töne. Die, welche auch ohne Bombastmusik und Jahre später noch nachwirken. Denn, so nett das auch präsentiert wurde: Dass River sich innerhalb von Sekunden von der Psychopathin zur Physiotherapeutin wandelt, war dann doch etwas unglaubwürdig.


Fazit: Trotz meines Trotzes in Bezug auf Wenig-Hitler, Random-Rührseligkeit und Slapstick-Soße muss ich erneut feststellen, dass keine SF-Serie sich so viel traut, so bunt ist und (meistens) auch noch prima aussieht. Auch, wenn es mal etwas zu kritisieren gilt, so verfliegt die Zeit(reise) wie im Flug… Gerne auch mal durch das Bürofenster einer bekannten Nazigröße.

Etwas weniger wäre hier eventuell mehr gewesen, doch was bleibt, ist immer noch Mehr… äh… eine Mär. Und zwar eine, in der viel Liebe steckt. Manchmal fast schon zu viel, um wahr… ganz KLAR zu sein.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Let’s kill meine Erwartungen
Buuuh! Schiebung! Heuchler! Scharlataaaane!

Ich bitte diesen kleinen Ausfall zu entschuldigen, aber mal ehrlich: Hattet ihr nicht auch etwas ganz anderes erwartet, als ihr zum ersten Mal den Titel dieser Folge gehört habt?

Jedenfalls hatte ICH nicht erwartet, daß der Hitler-Aspekt darin so derart flach und austauschbar ausfällt, daß man diese Who-Episode nach nur wenigen Sekunden „Suchen und Austauschen“ auch „Let’s Kill Cäsar“ oder auch „Let’s Kill Dschinghis Khan“ hätte nennen können. Ein paar Minuten später wäre der römische Feldherr, oder sein mongolischer Kollege, eh im Besenschrank gelandet und danach nie mehr (!) zum Einsatz gekommen.

Gut, selbst das Drumherum eines führerlosen Berlins von 1938 wirkte wie immer fast filmreif und auch die dezenten Effekte fielen nicht negativ ins Auge. So wirkten ja meist die übertriebenen Szenen etwas schwach im Vergleich zur CGI-Konkurrenz aus Übersee.

Was mich an die eigentliche Story erinnert. Denn diese war hier wieder so vollgestopft mit wichtigen und auch unwichtigen Details, daß man sich glatt auch so ein Tagebuch wie das von River Song wünschte. Auch, wenn einem da recht schnell der Bleistift qualmen würde.

Denn wurden diese Mini-Zeitreisenden schon einmal erwähnt? Warum haben diese Wächter-Dronen, wo ich mich selbst als Crewmitglied niemals sicher fühlen würde? Wieso vertun die sich glatt mal um 7 Jahre, was das Hitler-Attentat angeht, bzw. merken den Fehler erst, als man schon vor’m Führer steht? Weshalb meinte der Doc, er würde wissen, wer die sind? Was genau hatte es mit Dunkelhaut-River auf sich? Warum war diese eine Jugendfreundin ihrer Mutter? Verschwendete der Doktor wirklich wertvolle Lebensminuten zum Anziehen eines Fracks? Wieso wollte Bös-River überhaupt in Berlin Unheil stiften? War der Regenerierungseffekt schon immer so ein Schweizer Lebenstaschenmesser? Würde ich noch mehr Fragen finden, wenn ich mir die Episode nochmal ansehe?

Fazit: Klassische „Form über Funktion“-Folge, welche sich irgendwie einen feuchten Furz um das Verständnis des Zuschauers kehrt. Dank, wie immer, hohem Aufwand, tollen Kamera-Einstellungen und einem flotten Tempo will man den Machern aber irgendwie trotzdem nicht böse sein, weswegen ich auch mal verwirrte 9 von 10 Punkten vergebe.

Huch, ein anderer Spark!!! Und er will verhindern, daß ich so hohe Wertungen vergeb—

*peng*

—tollen Kamera-Einstellungen und einem flotten Tempo will man den Machern aber trotzdem nicht die holprige Erzählweise vergeben, weswegen ich auch etwas grummelige 7 von 10 Punkten vergebe.


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Artikel

von Klapowski am 28.08.11 in TV-Review

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Kommentare (7)

  1. DJ Doena sagt:

    Was ich mich am Ende der Folge gefragt habe, ist, ob das jetzt den ganzen RS/MP-Arc im Großen und Ganzen abschließt, oder ob da diese Staffel jetzt noch was wesentliches kommt. Sprich: Wie oft werden wir RS dieses Jahr noch sehen, oder sehen wir sie noch einmal in einer früheren Inkarnation, oder sehen wir gar, warum sie Onkel Doc abnulpt.

  2. Raketenwurm sagt:

    Das Staffelfinale heißt „The Wedding of River Song“. Moffat hat zwar mit der Episode einige Biografie-Punkte Rivers abgehakt, aber den Charakter selbst noch nicht.

    Zur Folge: Ich fand die gar nicht gut. Hitler war ja nur da, damit Hitler im Titel steht und im Trailer zu sehen ist. Chance vertan, über die TöteHitler-Thematik eine interessante Geschichte zu erzählen. Stattdessen eine viel zu lange Sterbe-Sequenz, inklusive vollkommen überflüssiger Voice-Interface-Szene. Der Teselecta war eine schöne Idee, ein paar sehr schöne Szenen gab es auch, aber letztendlich wurde hier keine Geschichte erzählt, sondern nur Fakten abgearbeitet. Die Szene, in der der Doctor den Roboter ausfragt, was die Silence sind, ist da bezeichnend. In dem Moment hat sich Moffat noch nicht mal mehr die Mühe gemacht, diese Info in eine hübsche Szene zu packen. Ich hätte jedenfalls von ihm gern mal wieder eine Folge, die eine Geschichte erzählt, und nicht nur die Figuren in eine hübsche Szenerie packt und dann den Zuschauer darüber informiert, an welcher Station der Staffel-Arc inzwischen angekommen ist.

  3. Klapowski sagt:

    Habe auch manchmal ein tüchtig schlechtes Gewissen, dass der Doctor immer so gut wegkommt, obwohl es bei ihm nur so „Deus ex machinas“ vom Fanboy-Himmel hagelt. Und viele „gute“ Storys sind mit etwas Abstand „außen blöder als von innen“, will sagen: Würde man normale Logikmaßstäbe anlegen, müsste man selbst sogar noch bis in die 60er zurückreisen, um die Serie von Anfang an konsequent zu ignorieren.

    Aber: Wo gibt es sonst schon verkloppte Nazis, Mimikri-Raumschiffe in Menschenform mit kleinen „Wechselplättchen“ auf der Oberfläche und einen Roten Faden, der völlig primitiv, aber dennoch irgendwie episch ist?

    „Argh, ich sterbe!“
    „Ich habe dich schon mal getötet! In deiner Zukunft, die meine Vergangenheit ist.“
    „Aber danach bist du als Kind gestorben!“
    „Nur, um als junge Erwachsene erneut zu sterben.“
    „Nicht, dass du meinem Flesh-Doppelgänger womöglich noch was tust?“
    „Wie oft kann der denn draufgehen?“
    (ect.)

    Da KOMMT man doch gar nicht zu Kritik!

  4. FF sagt:

    Ich weiß nicht, was ich von der Folge halten soll. Haben die Macher Crack geraucht oder bin ich nicht in der Lage alles auf Anhieb zu kapieren, weil ich gerade Fieber habe und es mir sowieso nicht gut geht?

    Weiß nach der Folge nur, dass ich den Dave Roboter schon mal irgendwo gesehen habe, aber da sah er noch aus wie Eddie Murphy und dass mich River gewaltig nervt, aber das war auch vorher schon so. Eigentlich müsste ich mir die Folge später nochmal mit klaren Kopf angucken, aber dann müsste ich die Schabracke auch nochmal ertragen, werd wohl lieber noch eine seriöse Zusammenfassung lesen.

  5. Thomas sagt:

    Wie sind Amy und Rory denn überhaupt wieder zur Erde gekommen? Zuletzt waren sie auf dieser Raumstation, und der Doctor hat sich verabschiedet und ist mit der Tardis verschwunden. Ist er danach zurückgekehrt, hat Amy und Rory heimgebracht, um dann zu verschwinden, damit Amy und Rory mit den Weizenfeldern seine Hilfe anfordern müssen???

    • BigBadBorg sagt:

      In „A good man goes to war“ sagt der Doctor zu River, sie solle sich um die Ponds kümmern. Da sie auch über Zeitreise-Technologie verfügt, ist diese Frage wohl flott beantwortet. :)

      Zur Folge: Es passiert sauviel, es ist charmant, es macht Spaß, und irgendwie ergibt es auch einen kruden Sinn. Und deswegen bin ich Fan von Doctor Who! Logik ist da zweitrangig!

  6. bergh sagt:

    tach auch !

    Mir hat es gafallen.
    Und Logik wird überbewertet.

    Gruss BergH

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