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„From Dust“ – Das staublose Spiele-Review

Seinem Volk neue Räume schaffen, woanders Krater entstehen lassen und kleine Pixelmännchen bei Bedarf in den Tod gehen lassen: Endlich weiß ich, was Adolf Hitler an diesem Spielkonzept einst so fasziniert hat! „From Dust“ ist eine Göttersimulation, bei der eigentlich nur noch fehlt, Wasser in Wein zu verwandeln (mit rot gefärbter Brille vor dem Monitor sitzend aber möglich!). Ich testete den großen Wasserverschiebe-Bahnhof auf Herz und… dieses andere Zeug, was die Sterblichen so in sich rumtragen. – Nieren, ja.

„From Dust“ ist eine moderne Göttersimulation für den schmalen Geldbeutel. Und dabei physikalisch immerhin so perfekt, dass Gott mit einer 2- durch die Abschlussprüfung käme. Wieder mal gilt es hier, kleinen Männchen beim Besiedeln und Am-Leben-Bleiben zu helfen.

Lustig-frustig tragen wir hierfür Lava in riesigen „Das wird mir selbst Erich von Däniken nicht glauben“-Bällen durch die Fel(d/s)- und Wiesen-Pampa, erschaffen neue Inseln durch Sand, den woanders keiner wollte (jedenfalls dringen eventuelle Unmutsäußerungen höchstens verwaschen an mein Himmels-Ohr) und schütten gesammeltes Wasser zu kleinen Türmchen auf. – Die allerdings nur eine halbe Sekunde halten, weiß der Teufel, warum.

So nah an das Geschehen ranzuzoomen, das macht keinen Sinn. Es lohnt sich aber sexuell, *lechz*! Wie? Nein, ich habe gerade keine Freundin, warum fragt Ihr?

Doch selbst diese Grundfähigkeiten reichen meist nicht, um die vorgegebene Zahl an Dörfern zu errichten, denn – wir kennen das von dem Weg zur Arbeit – irgendwo explodiert immer ein Vulkan, regnet es wie aus Kübeln… oder besser: „leeren Kratern“ oder aber ein Tsunami verwandelt die Welt in eine, für die selbst ein Japaner lange stricken muss. Da helfen nur noch die Spezialfähigkeiten weiter, wie z.B. Wasser in Eis zu verwandeln, gerne auch bei Regen (wer erinnert sich nicht an Bielefeld, März 1987? – Na, ICH!), das Verdunsten des störenden Nasses oder aber das Erschaffen von neuem Sand.

Hätte es so ein Game schon vor vielen Jahren gegeben, ich hätte den Spielplatz verpönt und stattdessen freudig mit dem Schäufelchen auf den Monitor eingedroschen!

Die weißen Linien zeigen die potenziellen Laufwege der Figuren an. In späteren Leveln – zwischen Lavaströmen und Wasserlawinen – haben diese schon mal ein Haltbarkeitsdatum von cirka 3 Mausklicks an anderer Stelle der Karte. Schwimmen können die Männeken übrigens, aber nicht freiwillig. Manchmal muss man sie aber dazu zwingen… („Äh, war unter mir nicht gerade noch eine Strandbar?“)

Fasziniert bin ich vor allem von der Komplexität des Programms: Auch wenn alle Elemente „Ringelpitz mit Anfassen“ spielen, läuft trotzdem alles flüssig und ruckelfrei ab. Auch wenn ich die Zahl der nötigen Polygone und B(e)rech(n)ungen für z.B. Monsterwellen bereits in einem Bereich wähne, in dem selbst Data noch schnell einen Prozessor in den Computer der Enterprise D schrauben müsste. Realistisch wirkt es auch einigermaßen, auch wenn dies gar nicht einfach zu beurteilen ist, da vermutlich noch nie jemand einen Eisblock in einen Vulkan gesteckt und dann Erde draufgestopft hat. – Außer vielleicht Chuck Norris.

MIR machte das Spiel jedenfalls einen Heidenspaß, was bei einer „Göttersimulation“ aber eventuell der falsche Ausdruck sein könnte… Jede Partie ist anders, weil jeder Knubbel in der Landschaft den Lavafluss verändert oder die Flusslava erhärtet. Irgendwie so was. Und mittendrin wuseln halt die blöden Eingeborenen, an denen sich auch fast alle „Kritikpunkte“ festmachen lassen (nein, das ist KEINE Spezialfähigkeit, das konnte ich schon immer).

Ist es politisch gerade eigentlich korrekt, Tsunami-Games zu zocken? Wenn nicht, so sollte man diese Mission gegen eine austauschen, wo man Berge vor Wolkenkratzer anbringen muss, damit keine Terroristen reinfliegen – oder so. Diese Leute sind übrigens nicht zu retten! Ich wollte Erddämme errichten, aber die verdammte Bau-Bürokratie dauert einfach länger als die 20 Sekunden bis zu dieser Welle…

So nervt es gelegentlich schon, wenn man liebevoll einen dünnen Pfad im Meer aufgetürmt hat, dieser aber partout nicht beschritten werden kann, weil die Figuren eine kleine Steigung von 83% nicht überwinden können. Als wenn ich DAS von geschätzten 1.500 Metern Entfernung aus sehen könnte. Wenn man dann ranzoomt und vor Ort liebevoll kleine Treppchen in das Hügelchen schnitzt, um die verhinderten Laufburschen zu unterstützen, kann es durchaus sein, dass hinter einem gerade zwei Vulkane hochgehen, die dringend eingedämmt werden wollen. Das sind dann die Momente, wo man mindestens das Mittelmeer vollweinen möchte.

Oder aber man hat mal einen Lavaklumpen etwas zu nah an die Frisur der jabbelnden Besiedlungs-Junkies gehalten. Kleinlich wie sie sind, gehen sie dann in kleinen Rauchwölkchen auf. Okay, war dann wohl meine Schuld, aber wenn man die Karte zum dritten Mal wiederholen muss (keine Schnellspeicherfunktion!!), weil Meister (L)Eder von einem übergeschwappten See hinfort gespült wurde, den man gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, ist man doch etwas angepisst.

Wenn man den Sand von der falschen Stelle (=alle!) fortnimmt, weckt man schlafende Quellen… – Im Ernst: Ich hatte das vor lauter ruhrpott’scher Umschüttaktionen erst gemerkt, als sich das Gelb-Blau-%-Verhältnis der Landschaft bereits umgekehrt hatte. Tja, man kann eben Gott sein UND trotzdem Alzheimer haben. Fragt man William Shatner!

Erwähnte ich die schöne Grafik und die lebendig wirkende Spielwelt mit ihrer realistischen Fauna aus… äh… herumwuselnden Riesenwürmern? Die erfrischend anders seiende Spielidee, bei der man anfangs erst mal vorsichtig hinter die Felsen zoomt, weil man von anderen Games dort nur Heckenschützen und Endbosse vermutet? Von dem Gefühl, dass man die MACHT hat? Wobei mir die letzte Karte fast schon zu abgedreht ist mit ihrem „Kontinent auf Tastendruck erschaffen“ und dem wirren Weltuntergangsfeeling, bei dem nur noch alles schwappt, schreit und an Felskanten hängenbleibt, da man selbst nur noch das Feingefühl eines gesteuerten Meteoriteneinschlags aufbringen kann.

Die Präsentation besteht aus den ewig gleichen Zwischensequenzen (ist okay!), Eingeborenensprache mit Untertiteln (das nächste Mal bitte in Bayrisch, wegen dem Humorfaktor!) und leichtem Getröte, Getrommle und „Geräuschle“. Das ist auch alles Okay und kann so bleiben, die fehlenden multiplen SPEICHERSTÄNDE (aaargh!) aber eigentlich nicht…

Im späteren „Herausforderungs-Modus“ schwanken die Aufgaben zwischen „Puppi-Leicht“ und „Seid Ihr von allen guten Geistern Eurer Ahnen verlassen?!“ – Hier muss man z.B. einen Weg – unter Zeitdruck! – bis nach oben rechts erstellen, indem man Raubbau an den eigenen Dörfern betreibt. Geschickt verpackte Kolonialisierungs- und Umsiedlungs-Kritik? Spiel in China verboten?!


Fazit: Aber das ist alles egal! „From Dust“ ist eine „Simulations“perle der ganz besonderen Art, auch wenn ich das Spielprinzip gerne auf die Verrrrnichtung irgendeines Nachbarvolkes ausgedehnt gesehen hätte. Einfach nur, weil die auf der FALSCHEN Insel siedeln. Mir doch egal, dass ich Hundert neue erschaffen könnte. Hier geht es schließlich ums Prinzip, pah!

Für 15 Euro „Gerade-Frisch-Raus-Preis“ kann man sich wirklich nicht beschweren. Und wer es doch tut, bekommt von mir ein Tüpfelchen Lava auf das Vordach gesetzt! – Oder wo war noch mal der Befehl zum Erschaffen einer 70 Meter breiten A-A-Kugel?

Spiel-Wertung:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Preis-Leistungs-Wertung:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Und wem die Bilder nicht reichen:


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Artikel

von Klapowski am 19.08.11 in PC- und Videospiele

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Kommentare (3)

  1. Raketenwurm sagt:

    In Zukunft bitte immer oben ganz fett in Leuchtschrift darauf hinweisen, für welche Gerätschaften das gereviewte Produkt ist. Ich war ja kurz davor, den Artikel nicht zu lesen, weil ich befürchtete, das Spiel gäbe es nur für diese ekeligen Konsolen. IIIIIH !

  2. Klapowski sagt:

    Ein guter Einwand. Kann ich machen.

    Allerdings kann auch das nicht vor Irritationen schützen, hörte ich doch von Sparkiller, dass das Spiel als sehr „konsolig“ (im Sinne von „schlecht angepasst“) gelten soll.

    Wenn er damit meinte, dass es die friemelige Controller-Steuerung nicht in das PC-Endprodukt geschafft hat und somit das TOS-Feeling fehlt („The Original Schimpftirade“), so hat er dabei wohl Recht.

    Wirklich gravierender Kritikpunkt ist wirklich nur das Speichermanagement. Ein Slot, zudem unsichtbar, feddich! Wer die Kampagne von vorne neu startet, löscht die bisherigen Erfolge in dieser. Und ja, ich habe das GETAN!

    Buhuuu, aber das soll wohl das Ausgeliefertsein gegenüber den Naturkräften verdeutlichen…?

  3. E. Ellert sagt:

    Eric Chahi ist der neue Molyneux.

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