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Die Qual der Wahl – Jetzt neue Qualen wählen!

Eigentlich wollte ich diesen Gastartikel erst gar nicht veröffentlichen, da er nichts von unseren bisherigen Themen zu enthalten schien: Absurde Zukunftsvisionen, geistige Absonderlichkeiten und oberflächliche Charakterdramen. Doch dann sah ich, dass er von Politik handelte… Und von einer mauen Comedyserie, die nun nach 3. Staffel abgesetzt zu werden droht: Der SPD.

Ein Gastartikel von Sergej (bzw. Simon Lenz)

Am Sonntag ist es endlich soweit: Die Wahl. Und bevor wir alle antreten, um unsere Regierung für die nächsten vier (?) Jahre zu wählen, will ich an dieser Stelle mal darstellen, was für eine Auswahl wir am kommenden Sonntag haben – jedoch fast ohne Wahlprogramme.

Beginnen wir mal mit dem Show-Gerd. Irgendwie verstehe ich ihn nicht. Was will er? Er hatte eine dünne Mehrheit, wollte sie aber nicht mehr, und jetzt kämpft er dafür, dass er – wenn überhaupt – eine dünne Mehrheit kriegt. Das war zum Zeitpunkt der Neuwahlankündigung jedoch ebenso absurd wie es jetzt ist, und das lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Er will in den Ruhestand. Mit dem Gedanken hatten sich landauf, landab auch alle Deutschen abgefunden, bis man ihn auf dem SPD-Parteitag und beim Duell erlebte: Nicht müde, nicht resignierend sahen wir ihn, sondern als jemanden, der ernsthaft überzeugt von den Leistungen seiner Regierung der letzten Jahre ist.

„Geht`s noch?“ muss man da unweigerlich fragen. Ich meine… regenerative Energien, Steuersenkungen und Investitionen in Bildung und Forschung sind schon toll, aber die Bürger Deutschlands können doch nicht ernsthaft eine Regierung wollen, die die Arbeitslosigkeit nicht gesenkt, mehr Schulden aufgenommen und das Wirtschaftswachstum nicht erhöht hat.

Naja, das sahen auch fast alle Wahlberechtigten so, und ließen die Sozi-Fraktionen in den Länderparlamenten auf Dimensionen schrumpfen, die einer Häkelgruppe näher kommen als einer Volkspartei. Und als Münte Neuwahlen ausrief, dachten alle: „Jetzt sind wir ihn los, den Gerd“ – und wollen ihn nun doch wiederwählen, weil er so lieb und vertrauenswürdig geguckt hat, beim Duell.

Das würde freilich nichts bringen, denn – und das wurde ja schon beim Thema Wahl-O-Mat diskutiert – CDU/CSU haben ohnehin die Bundesratsmehrheit. Und so können wir zumindest einer Sache schon vor der Wahl sicher sein: Kein sozialdemokratisches Gesetz wird in den nächsten vier Jahren beschlossen werden, dass nicht anschließend blockiert und dann im Vermittlungsausschuss durch den Reißwolf in hübsche kleine Fetzchen zerrissen wird.

Also wählen wir Angie, a.k.a Frau Kirchhof? Zumindest mir gefällt das angedachte Steuermodell ja ganz gut. Denn beim Gedanken an meine erste Steuererklärung, die in ein paar Jahren (nach meinem Studium) dann wohl (hoffentlich) fällig werden dürfte, graut es mir so sehr wie vor dem nächsten Zahnarztbesuch. Die Aussicht, dass bis dahin ein System gültig ist, dass ich kapiere, hat was. Steuerfreibeträge, Bonus für Kinder, Rest mit 25% versteuern, das raff` sogar ich noch.

Wird nur eh nicht so kommen, weil das Kirchmodell ja gar nicht zur Wahl steht. Und Schrödi trotzdem drauf eindrischt, auf das sozial kalte, unmenschliche System des Professors aus Heidelberg. Überhaupt… was soll das dauernd? Ich studiere in Heidelberg, ich kenne dort Professoren, und ich weiß eigentlich nicht, wieso „Professor aus Heidelberg“ als Beleidigung dient. Klingt für mich eigentlich besser als „Berufspolitiker aus Hannover“. Oder nicht?!

Zugegeben, CDU/CSU haben auch Nachteile. Zum Beispiel Stoiber. Und auch die Forschungspolitik. Die Unterstützung für Bio- und Gentechnik dürfte von Rosenkranzbetern und Sonntagskirchgängern kaum zu erwarten sein. Trotz des Zusatzes „therapeutisch“ vor dem „Klonen“ denken die christlichen Fundamentalisten irgendwie im Hinterkopf immer an Heerscharen gleichaussehender Zombies. Die statt Haaren Schafswolle von Dollie auf dem Kopf tragen. Was ein Unsinn.
Fantastisch ja auch die Horrorvision vom menschlichen Ersatzteillager. Demnächst gehen wir dann in den Supermarkt und bestellen nach der Schweinshaxe zum Mittagsessen noch ne frische Leber und einen nigelnagelneuen Lungenflügel. Und damit das geht, werden täglich tausende heranwachsender Menschen umgebracht. Jaja, die sind schon böse, diese Wissenschaftler!

Ich persönlich kriege dabei ja jedes Mal einen mittelschweren Tobsuchtsanfall. Ich denke nur: Millionen Menschen in Deutschland könnte mithilfe dieser Forschung eines Tages geholfen werden, doch wir diskutieren um die ethischen Rechte von 16-Zellern. Während gleichzeitig Mäuse, Katzen, Hunde und Menschenaffen für Tierversuche missbraucht werden, und dass nicht immer nur für heilende Medikamente, sondern auch für Kosmetika. Ich persönlich stelle mir eine Zeitreise in die 50er Jahre vor, halte dem damaligen Papst eine Petrischale unter die Nase und frage, ob der Inhalt durch Gottes Gnaden geschützt ist. Ein „Ja“ würde mich jedenfalls überraschen.

Na ja, diese Angelegenheit könnte mich ja nun fast verleiten, die FDP zu wählen. Zumal ja auch endgültig ausgeschlossen ist, das Westerwelle Außenminister wird, hat er doch Gerhardt für diese Position quasi schon ausgerufen – alles andere hätte das Wahlergebnis auch gleich um ein Prozent gemindert. Dennoch ist es für mich völlig ausgeschlossen zum FDP-Wähler zu werden, stamme ich doch aus einer langen Linie von Anti-FDP`lern ab. Wie sagte mein Opa doch immer so schön: „Ich hab in meinem Leben schon einige verschiedene Parteien gewählt, aber noch nie die FDP.“ Konsequent lehne daher auch ich diese krümmelige 6-Prozent-Elendspartei ab, die fast 50 Jahre lang entschieden hat, wer Kanzler ist, weil sie alle 15 Jahre die Richtung wechselte.

Weiter im Takt mit den Grünen. Und ich schicke gleich vorweg: Ich bin für den Umweltschutz! Ich bin für die Ökosteuer, für das Dosenpfand und für gerettete Kröten. Ich find es sinnvoll, wenn eine Verkehrspolitik gemacht wird, die nicht nur auf das Auto setzt, und dass nicht mehr in jeder Ecke Cola-Dosen rumliegen. Ich bin auch für den Tierschutz. Nur das mit den Steuersubventionen für Windkraft und Öltanker hab ich nicht ganz verstanden. Hätte mir vielleicht vor ein paar Jahren mal jemand verraten sollen, vielleicht wär es das absolute Riesengeschäft gewesen?!

Wie auch immer, eine Stimmer für Grün ist eine Stimme für Rot-Grün, oder Rot-Rot-Grün, und unter Einbeziehung der Bundesrats-Situation eine Stimme für Rot-Rot-Grün-Schwarz-Gelb. Also auch nicht gerade das… äh, Grüne vom Ei.

Die Linkspartei ist mir persönlich ja eigentlich ganz sympathisch, wenn wir mal von den Sympathien für einen EU-Beitritt aller Staaten von der Türkei bis nach Pakistan, der Legalisierung von Haschisch, Heroin, Kokain, Speed und Crack sowie der Hardcore-Friedenspolitik absehen, die nichts anderes bedeutet als: „Leute in allen Ländern der Welt verreckt doch, Diktatoren quält eure Untertanen, wir sind friedlich und tun nix! Prost und Peace! Auch nen Joint gefällig?“

Nee, im Ernst, innenpolitisch find ich sie gar nicht so übel. Die Linkspartei.SED ist doch derzeit die einzige Partei, die es ernsthaft mit Millionengehältern für (teilweise noch schlechte) Managern aufnehmen würde. Oder mit den Kartellen der Energiekonzerne. Oder Schluss machen würde mit Steuerfreiheit auf Aktiengewinne nach einem Jahr. Da sind durchaus richtige Sachen bei, nur solange die Genossen darauf setzen, dass sie mich mit Versprechungen locken, die die Staatskasse endgültig zum Schwarzen Loch verwandeln, wähle ich die auch nicht.500 Euro Mindestkindergeld, 1400 Euro Mindestlohn, 1000 Euro Mindestarbeitslosengeld, 3000 Euro Mindestrente und keine Ahnung was sonst noch. Woher das kommen soll, weiß kein Mensch. Auch Gregor und Oskar nicht.

Richtig schwierig gemacht wird uns die Wahl natürlich erst durch die verlockenden Angebote kleiner Parteien. Die PBC, die Partei Bibeltreuer Christen plädiert für das „Modell Chomeni“: Pflichtbesuche der Kirche für alle Deutschen mindestens zwei Mal täglich, Auflösung aller Bio- und Medizinfakultäten an deutschen Hochschulen, Frauen (auch Du, Angie!) an den Herd! Auch nett: Die AGFG, ebenfalls bekannt als „Dr. Rath“-Partei. Der Vitaminmeister verspricht uns Vollbeschäftigung und einen sanierten Staatshaushalt, wenn wir endlich die Macht der Pharmakonzerne brechen. Das können die BüSo`s natürlich auch schon lange. Und wem die Linkspartei noch nicht links genug ist, kann auch noch die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands wählen. Gerüchteweise soll das Rechtsabbiegen auf deutschen Straßen endlich verboten werden!

Dagegen halten natürlich diverse Rechte, Republikaner und die NPDVU: Deutschland, Deutschland über alles tätätätätäääää. Die Grauen Panther schleichen, korrigiere: humpeln auch wieder über deutsche Straßen und treten neuerdings sogar für Generationengerechtigkeit an (interessant). Die Bayern-Partei tritt ein für ein unabhängiges Bayern, was durchaus reizvoll wäre, würde es doch den Austritt des FC Bayern München aus der Bundesliga zur Folge haben. Auch die Titanic-Satire Partei „DIE PARTEI“ verspricht uns die endgültige Teilung Deutschland, allerdings nur in Ost und West (wie langweilig). Dafür haben sie aber immerhin den (fast) witzigsten Wahlwerbespot zu bieten, den ich bislang gesehen habe!

Übertroffen wird dieser nur noch von der Feministischen Partei. Diese zeigt uns in ihren Werk eine Chefetage voll von Frauen, bei der Männer nur Kellner spielen dürfen, was sie gleich im Anschluss mit dem Slogan „Bei uns haben Männer und Frauen gleiche Chancen“ konterkarieren. Witzig ist jedoch vor allem, dass sie nichtmals in der Lage waren, die von der Videokamera eingeblendete Uhr zu deaktivieren. Und obwohl ich Sprüche dieser Art eigentlich überhaupt nicht mag, aber in diesem speziellen Fall bleibt mir einfach keine andere Wahl als zu resümieren: Frauen und Technik!

In diesem Sinne: Schönes Wählen am Sonntag

Ein Gastartikel von Sergej (bzw. Simon Lenz)


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Artikel

von Klapowski am 17.09.05 in Gastbeitrag

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Kommentare (8)

  1. Gast sagt:

    Erster!

    morli

  2. ted_simple sagt:

    Grrrr… keine freien Aktiengewinne mehr? Dann geht mir aber ein schönes Hobby flöten. Wenn das politische Klima weiter nach links abrutscht, werde ich in 4 Jahren zum FDP-Wähler aus Protest!

    Nebenbei, wann steht denn dann eigentlich die nächste Wahl an? 2009?

  3. nakedtruth sagt:

    Du hast die APPD (Anarchistische Pogo Partei Deutschlands) vergessen, denn :

    ARBEIT IST SCHEISSE, ARBEIT IST SCHEISSE

  4. Gast sagt:

    Ach Klapowski,
    das ist erst die zweite Staffel und die Absetzung erfolgt schon in derselben … auch wenns einem nicht ganz so vorkommen mag.

    Ach Lenz,
    du hast ja recht mit der Einschätzung, dass die alle irgendwie nicht wählbar sind. Diese Auffassung dürfte ein Großteil der Bürger teilen. Doch was ist die Essenz? Gar nicht hingehen? Selber eine Partei aufmachen – die TrekiiefreundePartei TFP? Wahlprogramm: Geld wird abgeschafft, freies Beamen und Butterbrezeln für alle, die Sternenflotte übernimmt die Gesamtverantwortung? Oder etwa in eine der Parteien eintreten, um sie mit Inhalten zu füllen – HILFE! Solche Leute wollen die da mit Sicherheit nicht.

    In diesem Sinne ratlos,

    B.O.Bachter

  5. Klapowski sagt:

    Mit dritter Staffel meinte ich natürlich das dritte Jahr dieser auslaufenden Wahlperiode.

    Für mich ist "wählen gehen" ja nur unter bewegungstherapeutischen Gesichtspunkten interessant…

    Ich kann mich ja immer so schwer entscheiden! Rot, Grün, Schwarz, Gelb oder doch lieber am Sonntag blaumachen?

    Und es wird von Wahl zu Wahl immer schlimmer! Selbst als halbwegs informierter Staatsbürger ist es für mich unmöglich zu entscheiden, wer denn nun die besten Rezepte für Deutschland hat! Auch wenn ich als Trekkie selbstverständlich Dr. Oetker in meinem Kompetenzteam hätte. Zur Bildung von Überhang-Mandaten im Bauchbereich.

    *Coladose auf Bauch abstell*

    Sicher mag z.B. die Pogopartei attraktive Konzepte zur Subventionierung der deutschen Brauereibetriebe haben, aber daneben finde ich auch die Feministische Frauenpartei sehr interessant. Immerhin fordert diese ernsthaft(!) 80% der politischen Führungspositionen in die Hände der Frauen zu legen. Gut, da sind wie abends dann wenigstens immer schön abgestaubt.

    Und für Steuerpolitik bin ich auch so schwer zu begeistern. Nicht, dass mich das nicht interessieren würde, aber ob ich nun gerne 18% Rente hätte, weil die Mehrwertsteuer ab 67 Lebensjahren angehoben wird, kann ich einfach nicht entscheiden…

    Gut, ich will NATÜRLICH auch nicht, dass die Reichen immer reicher werden. Daher verlange ich auch den Verbot von Zinszahlungen auf Sparkonten mit Summen ab 5.000 €. Und eine persönliche Entschuldigung von jedem, der mehr Talent, Geschäftssinn und Ausdauer als ich hatte!

    Soziale Gerechtigkeit à la Lafontaine ist nämlich schon sehr wichtig! Mindestlohn! Dramatische Ausweitung der 1-Euro-Jobs! Nämlich auf ein Euro Lohn die Minute!

    Tja. Das wird morgen wieder schwer. Aber es hilft ja alles nichts! Morgen muss ich wieder hin.

    Aber es gibt ja einen hervorragenden Weg, um es denen da oben mal so richtig zu zzzzeigen! Ja, ich spreche vom ultimativen Widerstand der kleinen Leute in der Wahlkabine:

    Malt ihr, wenn ihr "Allhes Ferbrecher" auf den Wahlschein schreibt, eigentlich auch immer jeden Buchstaben in einer anderen Buntstift-Farbe oder nutzt ihr den vorhandenen Stift?

  6. Gast sagt:

    Der Weg des Widerstandes wird schon von vielen unserer Brüder beschritten; gab es doch bei der letzten Wahl bereits 500.000 ungültig ausgefüllte Stimmzettel.

    Das ist schon ein absurdes Theater; warum gehen die überhaupt hin? Als ABM zur Beschäftigung weiterer Wahlhelfer, die 500.000 zusätzliche Stimmzettel aussortieren müssen?

    Ich finde, wir könnten den Wahlgang prima mit einem IQ-Test verbinden: Wer das System mit den zwei Kreuzchen nicht kapiert, wird in eine dunkle Kammer gebeten und erhält dort die letale Injektion. "Wir müssen Ihnen bedauerlicherweise mitteilen, dass sie die Mindeststandards für unsere Gesellschaft unterschritten haben…"

  7. KERNELpanic sagt:

    Alles richtig, wählen ist Scheiße – ihr werdet doch um die Uhrzeit nicht mehr vor der Glotze hängen? Schließlich ist doch nun alles raus was raus musste, inklusive des Bierchens auf den Wahlsieg.

    Klar, der Nichtwähler macht es richtig, weil er nicht enttäuscht wird – Nur wer an die Versprechungen glaubt kann auf die Schnauze fallen. Nur, wenn die Partei der Nichtwähler eines Tages mal die Mehrheit im Bundestag erringt stehen wir auch vor großen Problemen – als Nichtwähler kann man nämlich gut in einem Staat leben, aber Demokratie ist so nicht möglich.

  8. Gast sagt:

    Tierpartei!
    Nichtwählerpartei – das wäre dann die Nihilistische Partei Deutschlands?
    Jedesmal mit 20 – 30%…
    Hype

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