Das ernsthafte Medienmagazin

Torchwood – Staffel 4 – „Miracle Day“ – Folge 03&04

Während der Sensenmann auf Mallorca endlich seinen angesammelten Jahres… Jahrtausendurlaub genießt, ermittelt Torchwood noch immer der bösen Pharmafirma hinterher. Ob der steigende Traubenzucker- und Koffeeintablettenabsatz auf Seiten des Zuschauers hier eine Rolle spielt? Ob Sparkiller und ich selbst noch immer von der Grundprämisse eingelull… äh… begeistert sind, erfahrt ihr in dem heutigen Review.

Helft mir doch bitte noch mal auf die Sprünge, damit ich zum zu hoch angebrachten Kondomautomaten hochhüpfen kann: Was ist noch mal in Folge 3 passiert? – Jack pimperte irgend so eine männliche Discoschlampe mit eigener Waschbrett-Manufaktor, richtig? Und der Schwatte schlief mit seiner Ärztin, der er komischerweise (eine Hauptrolle an)vertraut, weil sie ihm mal die gebrochenen Knochen auf Halb 8 zurückgewurschtelt hat? Sollte ICH mal in eine globale Verschwörung taumeln („Hilfäää, alle Trekkies wurden fortgebeamt!“) werde ich mich auch an meine Hautärztin wenden, die mir vor 20 Jahren mal einen Pickel ausgedrückt hat.

Langsam wird’s mir auch wirklich zu… langsam. Ewig lange wird nur auf Computern rumgesurft („Guck mal, wir haben 17 Firewalls, DIE aber 22!“), Handys mit den Kontaktnummern des örtlichen Pizzadienstes gefüttert und darüber spekuliert, warum Mister Pädophilo im Geschehen höchstwahrscheinlich eine schlimme Schlüsselfunktion einnimmt: „Er stellt sich selbst im Fernsehen dar!“ – „Okay, dann muss Jack den mal besuchen gehen. ICH nehme mir derweil den Thomas Hornauer vom ‚Lichtkanal Telemedial‘ vor, der behauptet, die Unsterblichkeit mit kosmischen Strahlen hervorgerufen zu haben, die sich in seiner Lesebrille bündelten.“

„Huiii, ein perverser Knabenficker im Netz! Ich wünschte, ich wäre 790 Jahre jünger…“ – Willkommen beim Torchwood-Stamm(el)tisch: Regen Sie sich in geselliger Runde über die Tagesthemen auf („Die Drecksäcke! Die machen doch mit uns sowieso, was sie wollen!“) und erfreuen Sie sich an PC-Programmen, deren Hintergründe allesamt blau sind (für UNS von Zukunftia unverständlich!) – und so ergonomisch wie ein kleines Steak…

Mal ehrlich: So langsam gleitet die recht „realistische“ Gesellschaftsstudie dann doch in eine zu schlechten Drehbüchern und zurechtgebogenen Handlungssträngen ab. Warum stehen hinter der Tür vom Pädophilen beispielsweise ein halbes Dutzend Bewaffnete, die mit dem Ohr an der Tür abwarten, bis dieser seinen Monolog runtergeschwurbelt hat? Waren die vom Dramaturgie-Schutzdienst? Und sollte es tatsächlich eines der megamäßigen Masterziele der Pharmafirma sein, den Umsatz an Schmerzmitteln hochzupuschen?

Hoffentlich wurde die Halle mit den Pillenpaletten nur deswegen gezeigt, um die generelle Schuld der Pharmazeutiker zu beweisen und diese deshalb weiter zu beschatten. Als Plotauflösung wäre „Wir bunkern unsere Tabletten in geheimen Lagerhallen unter Atlantis, wo sie außer den 200 involvierten Lagerarbeitern keiner finden kann!“ doch etwas dünn.

Teil 4 beginnt hingegen mit Werbung für Telefonflatrates: Alle paar Sekunden hängt irgendein Kommunikations-Zombie am Touchscreen-Rohr und tut alles, um auf sich aufmerksam zu machen. Zum Beispiel Rhys: Der wird garantiert auch in England abgehört („Habe ich da eine Möööwe gehört, Schätzchen?“ Arrgh!), wenn die Amis nicht gaaanz bescheuert sind. Und dann die Ärztin: Liegt abhörtechnisch nicht ganz nahe, ist aber noch etwas zu frisch im „Team“, um mit jeder popeligen Nachfrage belästigt zu werden. Oder war das jetzt die Hammererkenntnis, wer die „Dead Is Dead“-Aufkleber an die Mauer geklebt hat? Ist jetzt global jeder ein Verdächtiger, der die „Keiner kann Sterben“-Symptomatik völlig überraschend mit einem Blogeintrag oder öffentlichen Hysterieanfall kommentiert?

„Sehen sie mal, lieber Eismann! Ein Mobiltelefon! Damit können die Bösen alle unsere Schritte verfolgen. Was uns datenschutzrechtlich aber nicht juckt, denn dafür bekommen wir 20 Frei-SMS im Monat!“ – Geschmacks-Lache: Die 007-Sequenzen könnten gelegentlich etwas kürzer treten, damit ICH beim Schauen weniger austreten muss. Aber Torchwood ist nun mal nicht Doctor Who, was man schon daran erkennt, dass man HIER zum Lachen in den (Gangbang-)Keller gehen muss.

Und dann die übergelaufene FBI-Maus: „Ich kann nicht lange bleiben“ raunt sie noch vor dem Haus ihrer irren Schwippschwester(?). Stimmt, denn wenn sie kürzer davorgestanden hätte (500 Millisekunden?), hätte man sie vielleicht auch NICHT gesehen und danach verfolgt. – Traurig, dass Mitglieder von Geheimorganisationen ganze Episoden damit verschwenden, doch bitte aufgespürt zu werden. Aber der Leistungsdruck der Erzählindustrie ist nun mal unerbittlich…

Da hilft auch das plakative Eröffnen einer Abschiebeklinik für Seuchenkranke dem Jean-Luc in mir nicht auf die Sprünge! Fand die weggegebenen Kinder aus Staffel 3 irgendwie spannender als dem amerikanischen Gesundheitssystem dabei zuzuschauen, wie es sich lediglich um 6,8% verschlechtert. Und dann der Server-Klau: Schon klar, dass man sich bei einer 10-teiligen Geschichte eher kleinteilig zur Auflösung vorruckeln muss, aber gerade WEIL die Prämisse weiterhin so interessant ist, will man nicht großartig mit „Ocean’s 11“- und „Agent 00 – Mit der Lizenz zum Totlachen“-Infiltrationsgedöns aufgehalten werden.

Aber gut: Im zweiten Teil der 4. Folge kam wieder etwas mehr Schwung auf, die AOK-Gulags wirkten erschreckend realistisch und der „halb erschossene“ Attentäter mit seinem mysteriösen „Sie sind überall, denn Zuhause ist, wo Pudding ist“-Gelaber machte dann doch neugierig. Zumal Jack wohl irgendwas mit dem Lebensüberlauf zu tun hat, ohne sich zu erinnern.

Aber umso enttäuschter bin ich dann bestimmt wieder, wenn in der nächsten Folge wieder nur manisch auf Tastaturen herumgeklappert wird, während auf dem Monitor blaue Phantasie-Grundrisse der observierten Gebäude herumschweben. Wird Zeit, dass der düstere, aber sehr gut spielende Kinderbezupfer aufgeklärt wird (nicht sexuell, sondern plottechnisch von den Bösen) oder direkt zum Torchwood-Team stößt.

„Kommando zurück, SPIEGEL-ONLINE hat doch nichts mit den Vorkommnissen zu tun, sie haben nur darüber BERICHTET. Aber die gute Nachricht ist: Die Server hier sind schnell genug, um auf ihnen die neusten Killerspiele laufen zu lassen!“ – Da der Bösewicht (hinten rechts beim Streichen der Wand) eine Kugel in den Hals bekommen hat, kann er dem Torchwoodteam leider nichts mehr verraten. Der Streifschuss in die linke Schulter hat nämlich sein Schreibzentrum im Gehirn getroffen!


Fazit: 10 Folgen am Stück spannend zu halten, das schafft durchgängige Handlung äußerst selten und dafür habe ich Verständnis. Die Nicht-Handlung von Episode 3 wird dadurch allerdings auch nicht spannender und spätestens ab Folge 4 (die mir besser gefiel) wird es langsam schwierig, die Gesellschaftsprobleme noch glaubwürdig zu steigern. Die komischen Seuchenausbrüche als direkte Folge der Unsterblichkeit wollen nämlich schon jetzt nicht in meiner Großhirnrinde bleiben. – Alle ins Grundwasser gepinkelt, weil man dafür jetzt nicht mehr GETÖTET werden kann, oder watt?

Trotzdem: Schöne Ideen bislang, auch wenn mir Jack und Gwen tatsächlich vollkommen egal sind. Da muss in Sachen Figurensympathie wohl noch mal der Doctor (Weeeeer?) als Gastdozent auftauchen…

Bewertung Folge 4.03:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Bewertung Folge 4.04:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Sitzungsausschuss des Bösen
Mutig sind die Torchwood-Macher ja! Denn neben der, für Serien-Verhältnisse, recht ausführlichen Knutsch- und Knatterszene mit Harkness und ‘nem Barkeeper überrascht mich besonders die Entscheidung, einem Pedo einen kompletten Handlungsrahmen zu schenken. Und wir wissen ja, was für Fotos DER später damit einrahmen will…

Auch der aktuelle Staffel-Bösewicht, eine gesichtslose Pharma-Phi… Firma namens Fi… Phicorp, weiß zu gefallen. Werden woanders finstere Reden gehalten, lädt man hier zur Gesprächsrunde ein. Wird woanders der Bond-Ersatz auf den Foltertisch gespannt, schickt man hier seine PR-Beraterin raus. Fast schon ZU realistisch, möchte man meinen.

Die Torchwood-Meute wirkt dagegen fast schon überflüssig, erreicht diese ihre Ermittlungserfolge doch meist nur durch technische Spielereien. („Hey, doch noch ins System gehackt! Ist die Pupillen-Kamera schon soweit?“) Trotzdem sorgen diese für nette Abwechslung, ob durch Knattermann Harkness oder durch die frische Mutti Cooper. („Neeein, ich kann jetzt nicht mit dem Baby sprechen. Für den Raketenwerfer braucht man doch beide Hände!“). Schwarzi und Doofi („Ups! Verwandte darf man gar nicht besuchen, wenn nach einem gefahndet wird?!“) fallen dagegen eher ins Mittelmaß.

Fazit: Abwechslungs- und einfallsreich geht es weiter. Und ich bin auch sehr gespannt, was es denn nun mit dieser Ewig-Leben-Seuche auf sich hat. Dadurch werden Foltermethoden wie „Schwarzwaldklinik in der Endlosschleife“ schließlich gleich viel gruseliger.

Note (beide Folgen zusammen): 7 von 10 Punkten


Weitersagen!

Artikel

von Klapowski am 02.08.11 in TV-Review

Stichworte

Ähnliche Artikel


Kommentare (2)

  1. Gephard sagt:

    Das mit den Seuchen wurde doch so erklärt, dass die Erreger ebenso weiterleben und sich weiterentwickeln. Normal würde der Wirt ja sterben und die Erreger zum größten Teil mit. Zudem werden die Erreger ja wegen den vielen Medikamenten resistenter.

    Aber mal was ganz anderes. Ist in Gwen ein Slitheen gefahren oder hat im Versteck mit Rhys die ganze Zeit nur gefressen?

  2. bergh sagt:

    tach auch !

    Wie dass jetzt?
    Sie ist doch schlanker, als in Season 1 oder 2.
    Nicht wirklich schlank, aber doch schlanker.
    Oder habe ich in Folge 4 etwas übesrsehen?
    (Die habe ich nämlich noch gar nicht gesehen.)

    Gruss BergH

    Aber zugegeben Folge 3 war ein Griff zum Schnellen Vorlauf.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Brandneues
Gemischtes
Newsletter
Arschiv
Zum Archiv unserer gesammelten (Mach-)Werke.
Büchers
Jenseits der Goetter

Jenseits der Macht