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„Breaking Bad“ – Das durchbrechende Serienreview

Mal hart, mal lustig, mal ganz zart: „Breaking Bad“ ist eine prima Premiumserie mit Crime- und Soap-Elementen. Also genau das Richtige für all die perversen Schweine (ich werfe ein grüßendes „Oink“ in die Runde), die schon „Dexter“, „Nip / Tuck“ oder „Sopranos“ mochten. – Das Prinzip „Normalo wird kriminell, aber keiner schnallt’s“ scheint noch immer nicht ausgelutscht zu sein. Und hier wird es sogar ausgeraucht. Aber ist auch bei „Breaking Bad“ ein Doppelleben der Garant für Tripple-Spannung?


Ja, das ist es. Darauf verwette ich meine Crackpfeife aus dem YPS-Heft!

Doch erst mal zur Story: Walter White ist ein 50-jähriger Chemielehrer, der nebenher Autos wäscht, um seiner schwangeren Frau und seinem behinderten Sohn über die verarmten Runden zu helfen. Als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wird und er über seinen bei der Polizei arbeitenden Schwager einiges über Crystal-Meth-Labore erfährt, entscheidet er sich, seiner Familie ein Vermögen zu hinterlassen: Ab jetzt produziert er mit einem ehemaligen Schüler die kristalline Droge und gleichzeitig eine kristallklare Erfolgsserie.

Doch Herstellung, Vertrieb, Konkurrenten, Unglücke, Selbstzweifel und die eigene Familie machen das Geschäft mit dem Tütentod unnötig kompliziert. Und somit gilt es schon in der zweiten Folge der Serie, eine Leiche in Säure aufzulösen und zu überlegen, was man eigentlich mit einem angeketteten Dealer im eigenen Keller machen soll… Umlegen oder mit einem freundlichen Po-Klaps wegschicken, da man im Grunde ja nur denen etwas antun will, die für ihre wohltuende Vergiftung auch bezahlen?

„Hey, wir wollten hier Drogen strecken, alter Mann!“ – „Ach, ich hatte verstanden, ‚Hoden lecken‘. Aber gut. Jetzt, wo wir zwei Schatzis schon mal hier sind…“ – Im Krebsgang in die Illegalität: Walter gerät in die Branche wie eine schwule Jungfrau ans Kind. Aber hätte er die Hose nicht ausgezogen, hätte Drogenfreund Jesse sie ihm wohl sowieso weggesnieft…

Die beiden Drogenköche sind aber beileibe keine Unmenschen: Sie wollen nur ihre pockengesichtigen Kunden zufrieden machen, im Privatleben glücklich werden, fette Kohle abgreifen und den Zuschauer mit hervorragend gefilmten Bildern verblüffen. Unnötig zu erwähnen, dass „BB“ eine US-Kabelserie ist, die nur mit einem guten Dutzend Folgen im Jahr aufwartet und mit 3 Millionen Dollar pro Folge nicht ganz billig produziert wurde. Diese gemeinsamen Merkmale cristallisieren (versteht ihr? Kristall = Crystal, ha-ha!) sich bei meinen derzeitigen Lieblingsserien immer wieder heraus. – Mit 20(+X)-Folgen-Staffeln sollen sich doch die anderen Minderleister die DVDs tapezieren!

Besonders überraschend sind die… Überraschungen in der Serie: Nie weiß man, was als nächstes passiert. Werden der Beinahe-Junkie Jesse und Familienvater Walter wieder in der Wüste Drogen kochen und ohne Hose um das Wohnmobil schleichen? Werden sich die ungleichen Unikate in der nächsten Folge überhaupt treffen oder werden gar zwei getrennte Geschichten erzählt? Wird Walter seinem Partner wieder oberlehrerhaft verklickern, wie blöd er doch ist („Welches Element leitet Strom, hmmm?“ – „Höhö, DRAHT!“) oder wird er seiner Frau zu erklären versuchen, warum er zum 4. Mal in diesem Monat für läppische 10 Stunden verschwinden muss, um danach nach Chemikalien zu riechen? („Öh, das war der komische Aufguss in der Sauna da!“)

Der Schwarze Humor, die Familienprobleme und die ungeplanten Todesfälle ergeben eine 100%ig fortlaufende Handlung, der man sich irgendwann nur noch mit ErsatzDROGEN entziehen kann (noch eine Woche bis zum Erscheinen der letzten „Nip/Tuck“-Staffel!). Trotz des unterschwelligen Humors bleibt einem das Lachen aber oftmals im Halse stecken wie dem Walter sein Lungenkrebs: Zwischendurch wird es sogar mal etwas zuuu ruhig und fast deprimierend, wenn der alte Walter seinen halben Lungenflügel in die Cornflakes hustet. Und auch die Familienszenen mit der dauerbesorgten Frau („Arzttermin, Arzttermin! Tralalaaa! – Übrigens: Versteckst du ein zweites Handy vor mir?!“) muss man nicht andauernd mögen.

„Walt? Willst Du Deine Chemotherapie mit Milch und Zucker? Walt? Also ehrlich, immer wenn man versucht…“ – „Sucht? Mit Sucht habe ich nichts am Hut, ha-ha! No Drugs ans ganz viel Rock ’n Roll, sage ich immer, ha! Schreibe dir das bitte auf, mein Sohn, aber in Schönschrift. So, und jetzt muss ich weg, mir neue Rasierklingen für mein Kokain… ähm… für meinen Schädel holen!“ – Die Bezeichnung „Breaking Bad“ bedeutet im Deutschen übrigens so viel wie: „Auf die schiefe Bahn geraten“.

Aber trotz diverser Geschwindkeitsuntertretungen (die zum Realismus beitragen) zieht die Handlung immer wieder steil und überraschend an. Da taucht Walter plötzlich im schwarzen Rächerlook bei einem brutalen Drogendealer auf, um ihm mit Knallquecksilber die halbe Bude unterm Arsch wegzusprengen. Oder er landet mit jenem Dealer in der Wüste und muss dessen senilen Onkel fürchten, der nur über S.O.S.-Signale an der Fahrradklingel seines Rollstuhls kommunizieren kann.

Und ja: An die Figur des Walter muss man sich erst gewöhnen, obwohl genialst gespielt und zu Recht mit Emmy-Preisen überhäuft. Zu Beginn störte ich mich an dem greisenhaft aufgerissenen Maul, mit dem Walter gerne dasitzt, wenn ihm alles zu viel wird. Also eigentlich ständig. Wenn er dann mit zusammengetackerten Augen durch sein Kassengestell schielt, pedantisch herumschwadroniert und mit seinem unglaublich hässlichen Auto durch die Kleinstadt kurvt, fragt man sich schon manchmal, wo all die netten Typen in den erfolgreichen Serien von heute abgeblieben sind. Sind die Drehbuchautoren alle Zyniker? Mit Krebs?

Aber da gibt es ja noch den jungen (und nicht unsympathischen) Jesse, der von einem Schlamassel ins nächste tappt und seinen alten Chemielehrer in die neue Welt des Drogengeldes einführt. Allein die genialen Gespräche zwischen den beiden („Hey, das ist eine Sache der Ehre. Wir haben eine MÜNZE geworfen, yo!“) lohnen das Einschalten und Staffelbox-Kaufen. Und letztendlich lieben sie sich doch. Yo.

Mit dieser 6-minütigen Zusammenfassung weiß man alles, was man wissen muss, um die Serie danach gar nicht mehr sehen zu müss… – ähm, Moment mal… Sparkilleeeeer? Wie löscht man Videooos aus Artikeln wieder?

Die Serie hat einen gewissen Anspruch an sich selbst: Grenzdebile Zusammenfassungen à la „Was bisher geschah“ (die durch die Schnipselauswahl oftmals ja verraten, wie es weitergehen könnte!) gibt es zu Beginn nicht. Jedes Treffen und jedes Telefonat wird konspirativ abgehalten, billige (Krebs-)Klischees meist vermieden und am Ende oftmals noch ein kleiner Twist eingeführt. Dieser rettet den Figuren meist auf logische, nicht allzu offensichtliche Art die Haut. Ich sage nur: Eklige Siff-Bude, in der Jesse von zwei Junkies festgehalten wird. Ich sage nur: Geparkter Geldautomat auf dem Schädel.

Optisch wird mal schnell gefilmt und geschnitten, mal fotografisch anspruchsvoll, mal alltäglich-grau. Handkamera, Krankamera, Kamera von unten, Landschaftsaufnahmen, Zeitrafferelemente. Musik: Mexikanisch, Modern, Klassisch. Hier beschränkt man sich nicht auf einen bestimmten Stil und findet doch stets den eigenen.


Fazit: Auch wenn ich den plötzlichen Flugzeugabsturz am Ende der 2. Staffel etwas seltsam fand (aber gut, soll es ja geben), will ich wissen, wie es weiter geht! Wird Jesse seine Probleme in den Griff bekommen und seine Drogen zukünftig außerhalb der eigenen Nase (bzw. Vene) aufbewahren? Wird Walters Lügengebilde NOCH mehr zusammenkrachen als eh schon (war es unterkellert?)? Die Antwort gibt es nur bei jener Serie, der ich hiermit bescheinigen darf: „Breaking Good“!

Bewertung Staffel 1 & 2:

(Tendenz steigend)


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Artikel

von Klapowski am 27.11.10 in TV-Review

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Kommentare (7)

  1. KojiroAK sagt:

    Ich find’s schlecht, wenn Klapo eine Serie/ein Film gut findet, da hat man weniger zu lachen.

    Klapo zieh dir mal „1 Mio. BC“ rein. Da dürfte es wieder was zu lachen geben.

  2. wrath-of-math sagt:

    Ich find’s ebenfalls schlecht, wenn Klapo eine gute Serie auch tatsächlich gut findet. Dann kann ich ja gar keine Widerrede leisten…

    Breaking Bad ist genial. Und „Tendenz steigend“ trifft den Nagel uff’n Kopp: Die dritte Staffel war so ziemlich das Beste, was die letzte Fernsehsaison hervorgebracht hat.

  3. Wonko der Verstaendige sagt:

    Hey Cool, Yo!

    Da freu ich mich aber, daß die Serie doch so gut angekommen ist.

    Natürlich lesen sich Verrisse lustiger – aber ab und an ist es doch schön auch mal einen Tipp für eine GUTE Serie zu bekommen, die man bis dahin nicht kannte. Geht mir zumindest so. Hoffe das wird es auch weiterhin ab und zu geben.

    Gruß Wonko

    PS: ein paar heftige Spoiler sind in dem Review aber schon drin! ;-)

  4. paranoid android sagt:

    Klapo wird langsam zu meinem Serien-Geschmackszwilling, wie schön!
    Bei BB weiß ich tatsächlich nicht, was ich zu erst in den Himmel loben soll; da ist einfach fast alles genial.
    Nett finde ich auch, dass Walters Sohn mal von einem tatsächlich körperbehinderten Schauspieler gespielt wird (obwohl der seine Sprachprobleme vor der Kamera stark übertreibt) und nicht von einer Schönlingsfresse, die sich mit einer ganz toll mutigen Behindi-Imitation eine Emmy-Nominierung verdienen will.
    Viel Spaß bei Staffel 3!

  5. Nachdenker sagt:

    Breaking Bad ist definitiv eine meiner Lieblingsserien, hab das ja auch schon mal bei deinem Dexter-Review geschrieben. Wenn ich den Start einer Serienstaffel vorziehen dürfte dann wäre es Breaking Bad.
    Viel Spaß bei Staffel 3, die ist mindestens genau so gut wie die ersten beiden…

    Der 6min Recap ist wirklich eine adäquate Zusammenfassung, aber den sollte man wirklich nicht ansehen wenn man die Serie noch nicht kennt, der spoilert einige Überraschungen…

  6. Commander Cool sagt:

    Den Schauspieler der den Dad spielt ist mir schon seit Malcolm in the middle sehr symphatisch.

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