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„Mad Men“ (Review) – oder: nach 7 Folgen verrückt geworden…

„Es muss ja nicht immer nur Science Fiction sein“, sagte mir kürzlich der Fußpfleger meines Vertrauens. Und er hatte Recht: Wenn auch woanders kultige Serien auf einen warten, kann man das Raumschiff ja durchaus mal gegen eine fliegende Kittelschürze eintauschen, oder? „Mad Men“ (zur Zeit auf „ZDF Neo“) klang da auch sehr interessant, auf eine strunzlangweilige Art und Weise: Werbefutzis in den USA der 60ern erleben in dieser Serie wilde Abenteuer. Allerdings außerhalb der Kamera, was man mir ruhig vorher hätte sagen können…


„Mad Men“ zeigt die archaische Gesellschaftsstruktur der frühen 60er: Frauen gehören an den Herd, Männer in die Geliebte. Frauen müssen gut aussehen, Männer hingegen wie zu Guttenberg, rein schmalztechnisch. Im Job hat die Frau als Sekretärin zu kuschen, im Nebenzimmer dann heimlich zu kuscheln. Alles hat sauber und ordentlich zu sein, es sei denn, der Mann im Haus legt dagegen sein Veto ein und lässt den Abdruck vom nassen Whiskeyglas ein paar Sekunden zu lange auf dem Holztisch einwirken (=wild und ungestüm!).

Über Gefühle spricht man nicht, da jede Luftbewegung den wertvollen Zigarettenrauch im Raum unnötig verwirbeln könnte. Im Job hat derjenige die Hosen an, der am meisten sinnloses Machozeug quatscht und dabei die obigen Faktoren „Whiskey“, Gelfrisur“ und „Raucherlunge“ am gekonntesten miteinander verbindet. Kurz: Die Welt von „Mad Men“ ist der Alptraum für alle, die sich jemals gefragt haben, warum die eigenen Großeltern sich mit „Mutti“ und „Vati“ anreden. Und warum SIE um 5:30 Uhr aufsteht, um IHM den Kaffee zu kochen. – Mit solchen Leuten möchte man privat schon nichts zu tun haben („Ich habe dir die Unterwäsche für die nächsten 3 Monate rausgelegt, Schnurzelbär!“), erst Recht nicht in einer Fernsehserie.

„Okay, Jungs, wir brauchen einen Namen für eine totaaaal frische Serie!“ – „Hmmm… ‚Mint Men‘ vielleicht?“ – „Zu plakativ. Subtiler bitte!“ – „Wie wäre es mit ‚The Man-Men‘, hmm?“ – „Sie sind ein Genie! Lassen sie sich knutschen! Auf eine homophobe, unsichtbare Weise durch zwei Ziegelwände hindurch, natürlich!“

Denn so hochgelobt die Serie (zu Recht!) für Schnitt, Ausstattung, Darsteller und Kameraarbeit auch ist, so deprimierend und inhaltslos kommen die Figuren und Geschichten daher. Sicher, alle diese Personen leiden an den Anforderungen ihrer Zeit (angedeutet durch traurige Blicke durch die Schnapspulle), doch den Zuschauer dabei in Geiselhaft zu nehmen, das kann doch echt keine Lösung sein!

Ein echter Handlungsstrang ist in den ersten 7 Folgen nicht zu erkennen: Die ganzen Arschlöcher stolpern unterkühlt durch ihre oberflächlichen Werbejobs und paffen dabei die Räumlichkeiten zu, bis die Lunge die Luft zum Atmen kleinschneiden muss. Krisen (wenn es denn mal welche gibt, die nicht in einer halben Folge erledigt sind) werden mit verschiedenen Varianten des waidwunden Schnapsglas-Blicks weggeglotzt oder im Nebenzimmer von „Mann zu Mann“ ausgetragen: „Ich bin hier der Boss!“ – „Ach so. Ja, das würde auch die enorme Größe ihres Schnapsglases erklären!“

Liebe ist eine Zweckgemeinschaft für alle Beteiligten, weswegen die angeschnittenen Liebeleien nur den Erotikfaktor eines mitgerauchten Zigarettenfilters haben. Alle reden ewig um den heißen Brei herum, verklausulieren ihre eigenen Wünsche (wenn jemand beispielsweise einen Schnaps möchte, könnte er energisch an seiner Zigarette saugen), sind im Grunde ihres Herzens unglücklich und zögern nicht, dies dem Zuschauer in Form von euphorischen Serienkritiken um die Ohren zu scheißen.

„Schaaahaatz, dingst du mich wirklich? Von Herzen?“ – „Na klar dingse ich dich! Ich würde sogar jederzeit mein Ding in dich reindingsen!“ – „Jetzt hast du aber das verbotene Wort gesagt, tihihi…“ – „Äh, das Wort ‚Würde‘ meinst du?“ – Spannung, Action, Fußpilz: In der Welt von „Mad Men“ sind alle Männer soooo verrückt, dass sie sich selbst für einen Phrasenautomaten halten…

Handlungselemente, die man erst für wichtig hält (zum Beispiel die neue Sekretärin, mit der jeder schlafen möchte), werden erst nach dem genussvollen Rauchen eines filterlosen Schnapsglases weiterverfolgt – wenn überhaupt. Und wenn der Chef mal die eigene Frau angebaggert hat, wird er „bestraft“, indem man ihm sagt, dass der Fahrstuhl in den 20. Stock ausgefallen sei. Wem bei so viel „Spannung“ bereits das Hirn platzt, sollte sich niemals mit seinem Friseur oder gar dem Briefträger unterhalten. Man liefe Gefahr, beim Staunen über die Wunder des Universums (= Mrs. Dumbatzki hat sich einen neuen Kaktus gekauft!) den kläglichen Restverstand zu verlieren.

Die Werbeaufträge sind jeweils nur kurze Teilstücke in dem preisgekrönten Dramaturgieloch. Ab und zu wackelt ein leicht beschränkter Industrieller zur Tür herein und ist für (oder gegen!) eine Plakatkampagne mit Aussagen irgendwo zwischen FDP und Wirtschaftspatriotismus (= „Unser Stahl lässt Uncle Sam ein drittes Ei wachsen“ oder so ähnlich). Dann verschwindet der Industrielle rasch wieder, wenn der pseudointellektuelle Zuschauer kapiert hat, dass das DIE „Lucky Strike“-Produzenten waren. Ja, da kann man sich gerne vor dem Fernseher dann ein paar Erdnussflips anzünden (vorher in Schnaps eintauchen!) und von sich behaupten, ein Stück amerikanische Geschichte verfolgt zu haben. – Oder verzweifelt um den Block gejagt…

Apropos „verfolgte Geschichte“: Aus obigen Gründen werde ich die Serie NICHT weiter verfolgen. Sieben Episoden mit selbst-, zigaretten- und sexsüchtigen Miesepetern sind einfach genug. Ab und zu schlüpft zwar mal ein netter Dialog durch die Rauchkringel in der Luft, in dem Rest der Zeit passiert aber rein GAR NICHTS von Belang. Schönsaufen erfolglos.

„Wirklich! Ich habe keine Zigarettenpause gemacht! Ehrlich nicht!“ – „Nicht mal ein winzigkleines Stündchen?“ – „Nein, echt nicht, Ma’m!“ – „Wenn das so ist: RAUS! Sie sind wohl Kommunistin, was? Nicht qualmen, ich glaub‘, es hackt…“ – Da raucht der BH: Viele der Frauen in der Serie sind immerhin hübsch. Schade, dass man sie bei dem ständigen Dunst eher selten zu Gesicht bekommt.

Immerhin: Die Ausstattung ist hochwertig und die Schauspieler glaubwürdig. Aber das ist ein seniler Rentner auf der Parkbank auch. Trotzdem würde ich ihm aber nicht stundenlang dabei zuschauen wollen, wie er gleichzeitig Grimassen zu ziehen UND sie dennoch zu unterdrücken versucht… Übrigens eine Spezialität dieser Serie hier!


Fazit: Serienenttäuschung auf hohem Niveau. Strunzlangweilige Jahrzehntkritik mit bunten Möbeln. Nach 7 Folgen musste ich brechen, und zwar ab. – Warum manche DAS für anspruchsvoll halten, will mir nicht in die Birne. Aber vielleicht passt bei jenen ja auch eine ganze Schnapsflasche in den Kopf. – Hochkant!


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von Klapowski am 22.11.10 in TV-Review

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Kommentare (10)

  1. Henrik sagt:

    Wow, ganze sieben Folgen. Ich musste bereits nach vier Folgen abbrechen.

    Angeblich wird die Serie von Staffel zu Staffel besser. Leider ist Serie aber auch von Folge zu Folge nicht besser geworden, dass sie nach Folge 4 immer noch langweilig war.

    • fancydestroyer sagt:

      @henrik:“Angeblich wird die Serie von Staffel zu Staffel besser.“
      DAS sagen sie von JEDEM Bullshit-FLOP.
      Die nächste Serie wird ganz sicher total super-geil und ganz anders.
      Wir zaubern aus total dummer Scheiße *schwupps-di-wupps & abrakadabra“ ein schmackhaftes 3-Sterne Menü, das nicht nur essbar is, sondern höchstens noch über die leicht bräunliche DELIKAT-Schnitzel-Panier an den geistesgestörten Dünnschiss für Hirnamputierte ohne Geschmacksnerven erinnert.

      So geschehen bei Sternen Gau Unendlich, Total Negativ und so ziemlich jeder anderen beschissenen Serie, die je NUR irgend ein einziger, debiler Volltrottel total gut fand.

      Tatsächlich ist die Meldung eigentlich schon das Stichwort zum Abschalten und nicht mal mehr kommentieren, da nun mal aus Scheißhaufen kein Wienerschnitzel wird…!

  2. Gamlor sagt:

    Ich mochte persönlich Mad Man auch nicht. Wie schon gesagt, ich fand sie auch langweilig. Es passiert einfach nichts.

    Dabei habe ich z.B. „The Wire“ geliebt, und dort passiert auch fast nichts.

    Naja. Es gibt ja noch so viele andere tolle Serien.

  3. Wonko der Verständige sagt:

    Ich muß bei euch wirklich einen gewissen Hang zum Masochismus feststellen?! Oder ist es doch eine selbstlose professionelle „Berufsauffassung“ des Kritikers?

    Ich hab jedenfalls nach 3 Folgen Adieu gesagt. Rein vom Stil, der Ausstattung und der Qualität der Schauspieler her ist diese Serie Top – man nimmt den Pappnasen die versnobbte 60ziger Masche wirklich ab, aber es passiert eben nix. Irdgendwie hab ich bei jeder neuen Szene erwartet, daß doch jetzt endlich mal die Bombe platzt – aber nüscht!

    „Historische“ Serien in denen wenigstens ab und an mal was passiert gibts jedenfalls bessere – z.B. Boardwalk Empire (obwohl das auch recht gemütlich ist) oder gleich richtig (prä)-historisch mit den Tudors.

    Im Endeffekt alles Soaps mit historischem Kontext und mehr oder weniger Spannung, Spiel und Schok… äh … Inhumierte Personen.

    Sorry – ich glaube ich entwickle mich langsam zum Necromanten (heißt das so?) Intelligente, spannende Serien ohne Gewalt und Tod hab ich lang nicht mehr gesehn – und ich glaube mit The Walking Dead hab ich da gerade den Höhepunkt erreicht(Pilot bitte im Original anschauen – die deutsche Version ist um über 20 Min. geschnitten!).

    Gruß – Wonko

  4. Nachdenker sagt:

    Zitat: „Wow, ganze sieben Folgen. Ich musste bereits nach vier Folgen abbrechen.“

    Wie leidensfähig Klapo in dieser Beziehung sein kann, können wir nun ja schon alle ein Weilchen bei einer gewissen anderen TV-Serie beobachten ;-).

  5. Thomas Rembrandt sagt:

    Erstaunlich, dass ihr diese sehr gute Serie dermaßen abstraft, obwohl SGU vieeel bescheuerter und langweiliger ist als man es für möglich hält.
    Ich jedenfalls war hoch erfreut, als endlich mal ne Serie die Raucher und Trinker unter uns anspricht; das gibt jedenfalls Pluspunkte in meinem Buch. In Zeiten unerträglicher political correctness ist diese Serie jedenfalls bemerkenswert erfrischend.

    Wer wirklich mal ne miese (SciFi) Serie sehen will sollte sich diese Abtreibung namens Caprica antuen: Dawson’s Creek mit Robotern(allerdings ohne die ROBOTER!!!); jede menge Herz Schmerz, mehr nervtötende Weibsbilder als Mann zählen kann und Rumgeheule das einem die Zähne wehtun. Selbst die verdammten Cylons sind nur am Heulen.
    Klapo, wenn je eine Serie einen deiner Verrisse verdient hat, dann diese. Good Luck.

  6. Hank Chinanski sagt:

    Um die Serie voller zu geniessen, soll man Ayn Rand gelesen haben. „Atlas Shrugged“ wird erwähnt in der ersten Episode, aber „The Fountainhead“ ist kurzer. Im „Fountainhead“ ist der Held zwar ein Architect, aber die Parallelen sind eindeutig.

  7. Uncle Hut sagt:

    Ihr seid alles Memmen :D :D
    Meine Freundin hat die erste Staffel (NICHT von mir) geschenkt bekommen und so landeten die Scheiben eine nach der anderen im DVD Dreher. Man hatte sie schon gewarnt, der Anfang würde sich was „ziehen“. Das war noch gelinde gesagt untertrieben, aber nachdem ich jahrelang beim Essen „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ sehen musste, war die Serie dennoch eine Steigerung.
    Also die erste Staffel ist tatsächlich für den Mann die perfekte Ausrede, mal den Homescreen seines Samrtphones neu zu sortieren und alle Mailboxen auszumisten.
    Die zweite Staffel bekommt etwas mehr Schwung, kann sie dennoch keinem so richtig ans Herz legen,
    Die Dritte nervt etwas mit dem Fokus auf die Frau des Hauptdarstellers aber die vierte Staffel kann tatsächlich mit Story aufwarten. Keine Ahnung, ob man sich dafür durch die anderen drei erstmal durchkämpfen muss.

  8. Hiob sagt:

    Ich halte es für lächerlich eine Rezension zu schreiben, ohne die Staffel vollkommen geschaut zu haben. Sicher kann man meckern und bei S01 ist das auch hin und wieder angebracht, aber wie kann man sich sonst der wahren Materie der Serie erschließen, wenn man ganze 7 Folgen gerade mal schafft?

    • Flori sagt:

      Wenn die Serie aber für einen selber nun mal scheiß langweilig ist, dann kann man, trotz allen Lobes für die Austattung und Machart, so eine Serie auch dementsprechend finden.

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