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„Tron“ – Das Retro-Review

28 Jahre nach dem ersten Film wird es also bald „Tron Legacy“ geben, ein Multi-Millionen-Dollar-Werk mit der Lizenz zum Effektoverkill. Aber wenigstens kann man der Neuauflage damit nicht vorwerfen, dem oberflächlichen Geist des Ur-Trons nicht gerecht zu werden. Bevor Ihr aber zum Baumarkt rennt, um jede Fluchtlinie eures Wohnzimmers mit Neonröhren aufzupimpen, möchte ich Euch noch schnell das Review zum Kult-Kult-Kult-Klassiker nachreichen. (*Diskusscheibe mit Textmarker bemal*)

INFORMATIONEN:

Regie: Steven Lisberger
Jahr: 1982
Budget: $17 Mio.

Poster
Der leicht TRONtütige Cyberthriller
Inhalt: Programmierer Flynn wird in einer „bösen“ Firma in einen Computer gezogen, als er dort Beweismittel für digitalen Diebstahl zu finden versucht. Dort regiert das Masterprogramm, sperrt ihn ein und lässt ihn tödliche Spiele spielen. Doch wenn Flynn das Überwachungsprogramm „Tron“ findet, kann er möglicherweise doch noch siegen…

Wertung:

Tron ist ein Kultfilm, was ich durchaus verstehen kann: Für damalige Verhältnisse (ach was: Damals HATTE man nicht mal Verhältnisse!) sind die Effekte grandios! Klare Formen wie neonfarbene Rechtecke und rote Kreise ergaben das Innere eines Computers – mit Puffbeleuchtung. Ja, so musste man sich einen Rechner wohl vorstellen: Anfang der 80er hatten sie genug(?) Speicherkapazität, um ganze Menschen einzuscannen und jedem den Programme ein fast menschliches Eigenleben aufzudrücken („Muss Pipiiii!“), aber ansonsten waren sie nicht komplex genug, um Holodeck, „Matrix“ und Konsorten auch nur ansatzweise das Wasserphysik-Subprogramm zu reichen.

Aber gut: Wie sollte man damals schon eine Technologie visualisieren, die einem meist weiße Schrift auf schwarzem Grund entgegenrotzte und für deren einfachsten Funktionen der User einen Programmierkurs benötigte? – WriteAbsatz_End_NewZeile_2Down, sage ich an dieser Stelle nur!

Am besten gefällt mir an „Tron“ dann auch die Tatsache, dass man damit HEUTE in der Vergangenheit schwelgen kann: Die Umgebung sah aus wie die allerersten Polygonspiele Anfang der 90er, wo man teilweise nicht mal genug Rechenpower für eine Textur hatte. Und wenn doch, so wünschte man sich, dass der schwebende Würfel doch besser nur aus 12 weißen Linien bestehen sollte, da die texturierten Flächen wie ein zersprungenes Kirchenbuntglasfenster aussahen. Was nicht heißt, dass Tron nicht durchaus schicke Umgebungen hat: Manches wirkt sogar detailliert genug, um seine Augen nicht mit der DVD-Fernbedienung aus ihren Höhlen löffeln zu müssen.

„Hey, Süßer! Wie wäre es mit uns zwei Keinen?“ – „Danke, ich hatte schon mit der Mutter im Motherboard genug Sex!“ – Bitte peitsche mich mit einer Neonröhre: „Tron“ ist nicht mal halb so cool wie es… äh… nicht aussieht. Aber bei einem Disneyfilm sollte man nun mal nicht Erotik und Gewalt erwarten. Für eine Verquickung dieser beiden Attribute müsste man sich heutzutage schon selbst ein S/M-Filmchen auf den Rechner laden…

So fand ich die leuchtenden Labyrinthe durchaus ein LSD-Lunchpaket wert, das kultige Motorradrennen in der Mitte sowieso UND die Stellen, in denen die Kulissen nicht nur groß und flächig im Hintergrund rumstanden, um uns zu verklickern: „Dieser Computer endet hier – Please turn around!“ – Wie vielleicht bekannt ist, verwendete man zum Dreh massenhaft reale Kulissen und Bluescreeneffekte; die echten Computergrafiken hob man sich als Eyecatcher auf, wenn die Story mal wieder unter „ferner schliefen“ sackte.

Schon vor 28 Jahren war „Tron“ für seine unkomplexe Geschichte um ein Masterprogramm mit moralischen Defiziten gerügt worden („Alles putt machen! Dabei effektiv sein! – Aber vorher nicht die endlosen Gladiatorenkämpfe vergessen!“), wobei die Story HEUTE natürlich auch nicht frischer wirkt als der staubigwarme Dunst aus dem PC-Lüfter.

Die Hauptfigur und die unterjochten Programme mit Kopp, Armen, zwei Beinen und lustigem Schaumstoffanzug stolpern halt durch den Rechner im Neonröhrenstyle. Flucht-, Kampf- oder Vernichtungspläne gibt es lange nur rudimentär, die Kameradschaft untereinander kann man ebenfalls an zwei Dioden abzählen. Was sollte so ein „Versicherungsprogramm“ auch großartig erzählen, außer: „Ich fand des groooßartig, für die Provinzial die Algorithmen abzuarbeiten. Äh… Und manchmal juckte mir dabei die Nase!“

„Okay, derjenige, der meinen Thron in ein Plumpsklo umprogrammiert hat, möge sich sofort bei mir melden! Hey, Weib! Gib mir ein Stück Bluescreen, damit ich mir die Scheiße vom Fuß putzen kann!“ – „Real“ gibt’s erst ab Version 2.0: Das ist mal „Unreal Tournament“ im buchstäblichen Sinne des Titels! Aber immerhin: Der Papst dieser Welt sieht hutmodentechnisch exakt wie unserer aus.

Aber gut: Wer HIER Gefühle für die Darsteller entwickelt, die meist in ihren fliegenden Bit-Kisten durch den Landschaftstraum eines jeden Kubisten huschten, kann sich immerhin rühmen, ein extrem sensibler und anteilnehmender Mensch zu sein. Der Film wirkte heute eher wie Kinderunterhaltung, wenn man höflich versucht, den Figuren nicht ständig auf die albernen Narrenkappen – nur echt mit stilisierten Leiterbahnen darauf! – zu starren. Und wenn die Darsteller an den Rändern munter flirren, weil die Bluescreentechnologie damals noch nicht so weit war, sollte man tunlichst nicht an den Grafikstandard 10 Jahre alter PC-Spiele denken.

Wer bei all den Verdrängungs-, Vergebungs- und Relativierungsprozessen („Warum meckerst Du, Klapo? War halt damals so! Film ist heute trotzdem noch toll, weil ich damals noch jung war!“) im eigenen Kopf noch genug Platz hat, kann den Streifen ja dann auch gerne mächtig knorke finden. Ich jedenfalls musste mich schon etwas anstrengen, gute Szenen zu erhaschen, ohne dafür einen eigenen Suchalgorithmus zu programmieren (*meiner Mutter Salatschüssel mit blauen Streifen aufsetz*).

„Witzig“ fand ich immerhin kleinere Sequenzen, z.B. wenn das fliegende Digi-Dingsmus in seine Textureinzelteile zerlegt wird, feindliche Programme per Faustschlag ausgeschaltet werden (inklusive sofortiger Verpuffung) und alles sooo übertrieben stilisiert ist, dass es schon wieder untertrieben anti-ikonographisch wirkt. – Äh, wenn ihr mir folgen könnt…? Etwas mehr Ironie und Humor hätte dieser Silizium-Propaganda generell gut getan, aber wenn die Handlung nicht in „Rayman’s Raving Rabbits“ spielt, kann man da wohl auch wenig erwarten.

„Hey, unser Dings passt nicht durch das Dings!“ – „Wer sagt das?“ – „Na, der Bums!“ – Wenn der Inhalt egal wird: Was hier mit der versehentlichen „Lochung“ einer Polygonwand beginnt, könnte man als Andeutung späterer CGI-Actionsequenzen der 90er ansehen. Aber immerhin: Diese Szene wirkt dramatischer und aufwühlender als die Stunts und Schnitte im letzten Bond-Film.

Ich glaube, das Hauptproblem mit „Tron“ ist: Einerseits muss man leicht abstrakt denken („Äh, die laufen da jetzt von einem Programm ins andere, oooder?“), andererseits aber auch nicht sooo abstrakt, wie es ein mittelprächtiger Computerlaie tun könnte („Äh, müssen die nicht den Umweg übers Motherboard nehmen und am Arbeitsspeicher-Schalter eine Nummer ziehen?“). Denn wenn wir hier etwas über Computer lernen, dann nur eines: „Rechner sind etwas, was keine Sau versteht, weswegen es eigentlich egal ist, wie man es visualisiert.“ – Eigentlich hätte man diese Welt auch völlig anders umsetzen können (alles voller Blitze? Bits und Bytes, die sich fliegend ständig neu zusammenfinden?). Oder, anders gesagt: Die innere Logik dieser Welt wird nur vom Zwang diktiert, die Schauspieler irgendwo rumlaufen zu lassen.

Mal Hand auf’s Hertz: Wofür bräuchte man an einem derartigen Ort Schwerkraft, Wände oder Konsolen (also Computer-im-Computer)? Da lobe ich mir doch die „Matrix“-Trilogie: Das Innere eines Rechners ist nur zu gebrauchen, wenn er etwas simuliert, was man kennt. Niemand will auf Dauer Leuten in einer spacigen Fußgängerzone zusehen, die grinsend von sich behaupten, das Hilfsprogramm „Solitär“ zu sein. Man möchte solchen Leuten vielmehr in die digitale Fresse kloppen und ihnen empfehlen, sich demnächst nur für gescheite Filme casten zu lassen.

Wir erfahren daher nicht wirklich, wie Rechner denken (binär), wie ultraschnell so etwas geschieht und wie komplex das alles ist. Somit geht „Tron“ etwas am Thema vorbei und fühlt sich an wie ein Film über die Mondlandung, der auf einem Supermarktparkplatz spielt („Einkaufswagen angedockt! Chipausgabe wird erwartet!“).

„Lasst mich hier raus! Ich habe doch nichts Uneffizientes getaaaan!“ – „Schnauze, Gefangener, sonst muss ich dich würgen, bis hier der Sauerstoff simuliert wird!“ – Hier ist nicht mal Big Brother am watchen: Was mit den Figuren geschieht, kann einem ziemlich egal sein. Irgendwoher taucht bestimmt ein rettendes, leuchtendes Dings auf, welches das böse Viereckige unter Zuhilfenahme von blinkenden Dreiecken neutralisiert. – Puh, wird DAS dann knapp gewesen sein!


Fazit: Der Look ist tatsächlich unverwechselbar und manchmal durchaus ästhetisch, aber das ist eine 150-Kilo-Frau auch, wenn man als Mathematiker auf die perfekte Kugel steht. Emotional ist der Film so verarmt wie ein autistischer Killerspieler nach der eigenen Lobotomie, inhaltlich gerade mal auf dem Stand des Windows-Startbildschirms. Dennoch kann man ihn sich durchaus ansehen… – kann man aber nicht, jedenfalls nicht ohne Mühe.

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Artikel

von Klapowski am 13.11.10 in Film-Review

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Kommentare (10)

  1. icebär sagt:

    Keine John J. Sheridan / The Dude – Witze? Wie kannst du nur, Klappo! ;)

    Aber es stimmt schon, so richtig bekommt man es ja nicht mit, dass da Bruce Boxleitner und Jeff Bridges die Hauptrollen innehatten. Deren Darstellungsvermögen ihrer Rollen in Tron erinnert mich erschreckend an Natalie Portman als Amidala aus Star Wars. Irgendwie hölzern, leblos, dem Schema folgend, fast wie ein… Computerprogramm.

  2. Mieze sagt:

    *seufz* .. ja .. hast ja mit allem Recht, Klapo .. trotzdem finde ich den Film super und könnte ihn immer wieder schauen .. wie übrigens auch die Goonies, das Labyrinth, 3 Haselnüsse für Aschenbrödel, das letzte Einhorn, das 5te Element, Total Recall und Dirty Dancing .. wehe da wagt sich einer an die Fernbedienung ;)

  3. bergh60 sagt:

    tach auch !

    Klapo wie kannst Du nur ?
    Immerhin mat Miss Portman sicj solange mit der Bestie gezofft nis man ihren , durchaus ansehnlichen, Bauchnabel sehen durfte.
    (*wie vorhersehbar*)

    Trom ist hölzern. Neon und sowas von 80Ties , aber immer noch ein Kultfilm.
    Den kannst selbst Du uns nicht schlechtreden.

    Gruss BergH

    BTW: Wo ist Sparki sein Meckerkasten zu Tron?
    Der fabd den bestimmt ganz doll. ;-)

  4. Lurker sagt:

    Ich glaube, mache Filme sollte man sich einfach kein zweites mal angucken, weil dann Kindheitserinnerungen für immer zerstört werden… :)
    Ich erwarte als nächstes ein Review zum Rasenmähermann, der damals(tm) ja auch als Meilenstein in der Computerfilmbranche gesehen wurde.

  5. Hiramas sagt:

    Für mich ist das kleinste das größte.
    Ich liebe die Tron-Bits. Ja, Nein, mehr nicht.
    Ham dann zwar die selbe emotionale Tiefe wie die Darsteller, aber lustig.
    http://www.youtube.com/watch?v=_fGujzulsas
    Trotz aller Mängel: Kultfilm, immer wieder gucken, ich freu mich auf Legacy.

  6. Klapowski sagt:

    Nicht gegen wärmende Erinnerungen im Kindbett, aber der neue TRON sieht dann doch eeeetwas cooler aus:

    http://www.youtube.com/watch?v=8gTlMRWr54E

    Schön auch, dass es massenhaft echte Kulissen gibt.

  7. BigBadBorg sagt:

    Ich fand es interessant, wie man Begriffe wie „mail“, „ram“ oder „firewall“ den damaligen Kinobesuchern um die Ohren hauen konnte. Das hat doch in einer Zeit, in der so gut wie keiner einen PC zu Hause hatte (waren immerhin verdammt teuer), echt ein Problem für die armen primitiven Menschen bedeutet.

    Die Optik gefällt mir übrigens immer noch. Sehr schicker Film!

  8. Speedomon sagt:

    Der Look vom neuen Tron Film ist doch ein bisschen… langweilig oder? Die Darsteller wirken einfach nur wie Menschen in Gummikostuemen mit Leuchtstreifen, waehrend sie vor fast 30 Jahren schon ziemlich stark verfremdet waren, mit den Farbfiltern, Post-Editing etc. Sicher nicht das nonplusultra, aber noch besser als dieser glattgebuegelte Look von Legacy *noergel*

  9. Speedomon sagt:

    Ich bin mal gespannt, welchen Weg der Film nimmt: Entweder ignoriert er die letzten 30 Jahre Computertechnik und haut uns froehlich zusammenhanglose Lightcyclerennen um die virtuellen Ohren, oder er nimmt alles was der Laie ueber die Kisten weiss ironisch auf die Schaufel. In dem Fall muss Flynn dann wohl verhindern, als goldscheffelnder WoW-Bot auf Ebay verkauft zu werden, waehrend Tronn als Facebook-App endet *gefaellt mir*

  10. Donald D. sagt:

    Die Anzüge der Motorradfahrer und auch die Motorräder erinnern mich an den:
    http://www.youtube.com/watch?v=CCItnKrXvMM

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