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Splitter der Tafelrunde

Willkommen zur Premiere unserer neuesten Rubrik, dem Off-Topic-Bereich unserer schönen Seite! – Fantasy-Mehrteiler für’s Fernsehen sind seit einiger Zeit groß im Kommen. Kaum ein Jahr geht vorüber, in dem altertümliche Helden nicht ihrer Totenruhe beraubt werden. So verkündet Hiob seine gleichnamige Botschaft in Dolby Digital, während sich Schneewittchen in den bauchnabelfreien Top zwängt…

Egal ob „Arche Noah“, „Dune“, „Dinotopia“, „Das 10. Königreich“, „Alice“, „Prinzessin Fantagiro“ (für die Älteren unter uns), „Jason und die Haarnadel der Medusa“, „Merlin meets Godzilla“, „Arthus und der Fluss des Hämorridos“ oder gar Jules-Verne-Verhunzungen: Stets ist Spannung, Fun und Action garantiert! Und wir sprechen von der Art Garantie, mit der holländische Gewinnspielfirmen uns täglich unseren Milliardengewinn näher bringen.

Ich habe einmal die wichtigsten Tipps für angehende Produzenten dieses Genres (oder die, die es nicht versehentlich werden wollen) zusammengefasst:

1.) Abgespackte Schauspieler:

Selbst in der düstersten Monsterhöhle hat die Frisur noch so bombenfest zu sitzen, wie Stoiber im Seppelanzug! Wichtig ist auch, dass vorher überdimensionale Förmchen – mit denen am Strand sonst minderjährige „Kuchen“bäcker hantieren – bis zum Rand mit Haargel abgefüllt und den Hauptdarstellern über den Kopf (im Fantasygeschäft auch „Ausgabemedium Teleprompter“ genannt) gestülpt werden.

Siehe dazu auch „Splisstoteles und das Füllhorn des Wella“.

Schließlich wurde der durchsichtige Beton mit Namen wie „Liquid“, „Crystal“ und „Watershine“ bereits kurz nach Christi erfunden, als eben dieser auf den herrli… hairlichen Spuren eines frühen Fantasyhelden wandelte und seitdem als Wasserläufer bekannt wurde.

Auch wichtig bei den Schauspielern: Keine Charakterköpfe! Unfrisierte Zotteln nach realistischer Art des Altertums sind im Fantasybusiness ein zweischneidiger Föhn! Daher lieber weglassen! Dreck, Schmutz und kleine Steinchen haben in den metrosexuellen Männergesichtern ebenfalls nichts zu suchen! Aalglatt und A-a-glatt wollen wir unsere Schönlinge! Außerdem verlangen wir Joshua Jackson (Dawsons Creek) in der Prinzenrolle sowie 21-jährige Girlies in den Rollen von Cleopatra, Frankensteins Hexe und Mutter Maria.

Das warme Brustfilet nicht zu vergessen! Wenn das Amazonenheer kurz vor der Spargelernte über die dafür typischen Hügel reitet, dürfen die Brüstchen ruhig schon mal aus dem Brustpanzer hüpfen, der eigentlich weniger die Brust als höchstens noch die Leber zu schützen vermag. Ranghohe Priesterinnen, böse Königinnen und die Vorstandsvorsitzende vom Blocksberg sollten unbedingt nebenher auf dem Strich gehen (dies erhöht nach Feierabend die Motivation der sonst herumgeschubsten Helfershelfer) und sich entsprechend kleiden… Muss aber auch nicht unbedingt sein. Nackt nehmen wir sie auch.

„Hoffentlich wird es ein kleines Rehkitsch!“ – Dawson freut sich: Nach nur 128 Folgen schon die erste Freundin. Sogar mit Eisprung! Damit das Ganze an verkitschter Disney-Ästhetik nicht zu überbieten ist, hat Steven Spielberg seinen imaginären Freund mitgebracht (ganz links). Natürlich nur sichtbar durch das Zauberpuder aus dem Tal der Pflarzn von Folge 3!

2.) PC-Effekte:

Als „Bahnbrechend!“ angekündigt, bitte sehr! Doch nicht nur die Bahn, sondern auch der Zuschauer bricht, wenn dann das erste magische Schwert blitzt und funkelt, als hätte ein 5-Jähriger eine Tube Photoshop verschüttet. Mittelmäßigkeit und maßlose Übertreibung geben sich hier die Klinke zum Großrechner in die Hand. Vergessend, dass wir inzwischen sehr wohl wissen, dass jeder Freak mit ein paar Mausklicks „tolle“ Beameffekte an der Tafelrunde kreieren kann.

Doch dies durch Feinschliff auszugleichen, wäre schlichtweg zu simpel. Man könnte beispielsweise meinen, wenn blaue Blitze derartig flächendeckend den Bildschirm bevölkern, dass Oma Platuschke sich im Wellenbad wähnt und damit beginnt, schon mal ihren Badeanzug auszupacken, muß auch die Umgebung BLAU angestrahlt werden! Ein Irrtum, der von Laien oft begangen wird!

Wo bleibt denn da die Identifikation mit der angestrebten Zuschauergruppe, dem PC-Nerd? Der muss doch sehen, was er in nur 2 Jahren auf den Monitor zaubern kann, wenn er nur weiterhin fleißig übt!

Dinosaurier und andere Fabelwesen gehören in maßloser Selbstüberschätzung großzügig auf jede freie Stelle der Landschaftsaufnahmen geklebt, weil ein Mammutbudget ohne echtes Mammut irgendwie lächerlich wirken könnte.

3.) Kulissen und sonstige Ausstattung:

Nicht jeder Produzent konnte in der Vergangenheit auf den Drehort Neuseeland zugreifen. Aber seit den Vorreitern „Xena“ und „Herkules“ mindestens jeder Zweite. Trotzdem dürfen gewisse Produktionsmängel nicht fehlen, um die grünen Auen und saftigen Seen nicht in den Mittelpunkt rücken zu lassen!

Der Klassiker: Schneestürme! – Zu verwenden sind erkennbare Styropor-Krümel, die wir mittels Elektronikverpackungen und einer Küchenreibe herstellen! Schnee, der in Nahaufnahme im Nasenloch des heldenhaften Bergsteigers steckt und sich beharrlich weigert, zu schmelzen, macht nicht nur einen heldenhaften Eindruck, sondern sieht auch noch zum Schießen aus! Bei vielen TV-Filmen ist dies der einzige selbstironische Inhalt…

Für die Kulissen gilt: Was „nur“ 10 Millionen gekostet hat, muss selbstverständlich nach 50 Millionen und Kinobudget aussehen. Tut es zwar nie, aber wenn man es oft genug wiederholt, steht es wenigstens unter dem Moviestar von „TV Spielfilm“. Halbwegs glaubwürdige Kulissen sind ebenfalls verpönt! Statt dessen kitscht man den Bildschirm mit Unmengen von Glasscherben zu (Smaragdmine), stattet das Studio mit Kunstbäumen aus dem Weihnachtsmerchandising aus (Märchenwald) und macht sogar noch die eigenen Oma froh, wenn sie die Felsen für den großen Showdown nähen darf, auf dass Held und Antiheld hüpfburgartig zum Abspann springen mögen!

Aufwendige Fabelwesen (man beachte den Luchsmenschen) prügeln in einem spannenden Kampf auf Leben und Tod wild auf einen CGI-Drachen ein, der natürlich erst später eingefügt wird. Der Redaktionsassistent im Blue-Screen-Anzug – hier unterhalb des sichtbaren Bildes – mimt den Platzhalter natürlich gerne!

4.) Der Storyaufbau:

Geometrisch gesprochen: Wer schnell zum Punkt kommt, hat nur Angst, weite Kreise zu ziehen! Was haben wir damals von unserem Deutschlehrer gelernt? Jede Geschichte hat eine Einleitung, einen Handlungsbogen (Mittelteil) und ein Ende? – Falsch!! Verträumte Romantik von Germanistikstudenten, die mit der Realität des Unrealen nichts zu tun hat! Bei TV-Fantasy kommt erst der Mittelteil, wobei man mehrmals zum Anfang zurückfährt, weil man beispielsweise glaubt, das Bügeleisen angelassen zu haben. Nach dem Ende geht es oftmals noch eine ganze Folge lang mit dem Mittelteil weiter, da kurz vor Ladenschluss plötzlich noch ein magisches Artefakt benötigt wird oder der mühsam besiegte Bösewicht noch einen unsympathischen Halbbruder in Gnom-City hat.

Wenn man also nicht vorhat, mindestens 13 Orte und 68 Nebendarsteller aufzusuchen, kann man sich die 2 bis 7 Teile der TV-Reihe(r) eigentlich sparen. TV-Fantasy lebt von einer Dramaturgie, die gewisse Ähnlichkeiten wie dem Labyrinth des Minotaurus aufweist. Würden Hänsel und Gretel je verfilmt werden, würden sie auf dem Weg zur Hexe vermutlich erst einem sprechenden Fliegenpilz begegnen (Sean Connery im Ganzkörperzäpfchen – für den TV-Trailer), der darauf hinweist, dass der Wald mächtig gefährlich ist. Da könnten sie ruhig auch Anthony Hopkins fragen, 300 Meter weiter, kaum zu verfehlen. Der Kerl im Schwebefliegenkostüm!

Unter dem Haus der Hexe gäbe es ein Bergwerk, in dem versklavte Zwerge (die üblichen Hollywood-Kleinwüchsigen laufen putzig mit geröllgefüllten Eimerchen durch den Hintergrund) auf ihre Rettung warten. – Hänsel muss, weil er der Auserwählte ist (hat jedenfalls vorher Whoopie Goldberg im Karottenganzteiler prophezeit) und außerdem noch 3 TV-Teile gefüllt werden müssen, zuvor 2 magische Lanzen und 4 mystische Brotscheiben ergattern. Zu diesem Zwecke hat der Drehbuchautor freundlicherweise 7 vorgeschaltete Prüfungen an insgesamt 19 Orten eingeplant, die sich inhaltlich und grafisch deutlich voneinander unterscheiden!

Wer braucht da noch Nintendo-Gott Shigeru Miyamoto bei so einer Levelgestaltung?

„Der Napf ist im Eimer, Karl-Otto!“ – Selbst im 10. Königreich (Nachzählen erwünscht!) wird auch nur mit Wasser und Hundefutter gekocht. Dieser Troll / Gnom / Kobold / Zwerg macht daher vor Verzweiflung dem Held das Leben schwer und hat es auf dessen Schwert / Schatz / Karte / königliches Muttermal abgesehen.

Fazit: TV-Fantasy ist wie eine Lakritzschnecke. Das Aufwickeln dauert ewig, Zähne und gehirnliche Zahnräder rosten nach dem Konsum mit hörbarem Knirschen und der junge Siegfried wird stets von einem Gottschalk-Double gespielt.

Da stecken wir die magischen Schwerter lieber wieder in Vlies und Bundesladen zurück, bevor sich noch jemand verletzt.

Oder die Produzenten.


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von Klapowski am 20.12.03 in All-Gemeines

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Kommentare (19)

  1. Sparkiller sagt:

    *erster-beitrag seh und im wahn weglösch*

    Eigentlich dachte ich ja, ich hätte mich schon daran gewöhnt… aber wie hohl ist es denn, einen "Erster!"-Kommentar zu verfassen, wenn man eh nur als Gast auftaucht??

    Oder Daniel hat Recht, und ich verwandle mich langsam in einen nörgelnden alten Mann, der nur noch über die Jugend von Heute ablästern kann…

    Damals, da hat man übrigens noch RICHTIG gelästert!

  2. Gast sagt:

    "Oder Daniel hat Recht, und ich verwandle mich langsam in einen nörgelnden alten Mann, der nur noch über die Jugend von Heute ablästern kann… "

    Nein, hat er nicht, ansonsten würde ich auch dazugehören.

    1. Das sind wieder solche Typen, die allen beweisen müssen, dass sie auch zählen können. Leider aber nur bis eins.

    Chipdancer der erste.

  3. Gast sagt:

    Sparkiller, die Jugend von Heute hat ihre Chromosomen schneller dahingerafft, als sie sinnreich einzusetzen.
    Es lohnt nicht, sich darüber aufzuregen. Die sterben alle aus.

  4. Gast sagt:

    Leider später als wir!!

    Chipdancer

  5. Gast sagt:

    Stimmt, spätestens wenn sie erewachsen werden sind die Jugendlichen ausgetorben'
    Hype`

  6. nakedtruth sagt:

    Ich will ja nicht meckern, aber meckert Sparkiller nicht sonst selber über so themenfremde mit dem Artikel nichts zu tun habene Kommentare?

    Egal, hier der erste Kommentar zum Artikel, nicht live, aber in Farbe :

    Genauso sinnlos und unlustig wie das Thema an sich. Würden nicht maximal 21 Jahre alte halbnackte Prinzessinen/Kriegerinnen/Hexen/wasweissdenichnoch über den Bildschirm hüpfen, die einmal in den Himmel gelobt werden um dann bei der nächsten Produktion gegen das talentfreie (zumindest auf dem Bildschirm) Küken eingetauscht zu werden, würde den Quark überhaupt keiner mehr gucken.
    Siehe die aktuelle ENT-Quote.

  7. nakedtruth sagt:

    Was sagt das jetzt in der Nachbetrachtung eigentlich über mich aus was ich da geschrieben habe?

  8. Gast sagt:

    wenn computerspiele ihre eigenen filme haben, will ich jetzt auch "diablo-der film" oder baldurs gate. da ist schon genug story drinn für 2

  9. ObiJan sagt:

    Ja und zwar folgende Story: Held läuft ein paar Meter, ein Monster passend zur Landschaft taucht auf, Monster wird geslasht, Monster wird anschließend gelootet und Held läuft wieder weiter, nächstes Monster kommt usw.
    Gelegentlich kommen ein paar Personen, die noch mal erwähnen müssen, daß der Held was ganz besonderes ist und eine Bestimmung hat. Einige Folgen enden mit einem Cliffhanger, wo der Held überlegen muß, was er jetzt weiter mit sich rumschleppt, da er nicht mehr genügend Platz in seinen Rucksack hat, wo unter anderem komplette Rüstungen und große zweihänder Waffen liegen. Am Ende jeder Staffel kommt natürlich ein Endkampf und nachdem der Held auch diesen beseitigt, fühlt er sich "gestärkt" für die nächste Staffel..

  10. Gast sagt:

    von gast 1 über ObiJan
    hab gestern gehört das peter jackson nun doch den kleinen hobbit verfilmen will

  11. Federelis sagt:

    Potzblitz! Der Moviestar nebst dazugehörender TV-Movie ist doch nur ein dürftiger Abklatsch von der wahren Legende TV-Spielfilm. Bitte doch sehr darum, daß hierbei die Historie genauer beachtet wird, und kein Mischmasch zweier völlig getrennt existierenden Elemente und Welten vollzogen wird. Die Schriften der TV-Spielfilm beginnen zeitlich vor TV-Movie, und bewerten ihre Missionsbilanz jeweils mit einem entsprechen Daumensymbol. Wer sowas verwechselt, hält Frodo für eine Fruchtquarksorte, und Merlin für Spachtelmasse…

  12. Gast sagt:

    @ ObiJan:

    Das Konzept das Du vorschlägst, wurde schon längst umgesetzt. Nennt sich Power Rangers, auch wenn die nicht ganz soviel Krempel mit sich rumschleppen… ;-)

  13. Gast sagt:

    Ach ja, ich war's, der Steff

  14. Gast sagt:

    Sollten lieber Larry verfilmen. Bruce Willis oder so koennte den prima spielen.

  15. bergh sagt:

    tach auch !

    @Gast über mir
    Leisure Suite Larry ?
    mit Bruce Willis ?

    Jau Kär !

    Ansonsten bin ich zum ersten Male uneingeschränkt
    Klapowskis und Sparkillers Meinung.

    Aber ich bin sowieso kein Fantasy Fan.
    Eher das Gegenteil.

    Und morgen treffen wir uns mit der Männergruppe beim Malventee und diskutieren über :
    Ist die Technik in Enterprise Zauberei, oder real existierende Satiere ?
    Und welche Sozio-Ökotroph Bedeutung messen wir dem bei ?

    ;)

  16. Gast sagt:

    bergh, jau, der Leisure Suit Larry.
    Passt zumindest von der hohen Stirn ganz gut.
    Viel Spass beim Enterprise Abend in der Männergruppe, so einen Nerd Ausgleichssport bräuchte ich auch mal. :)

  17. TurboTorte sagt:

    Hihihi, ich erinnere mich da noch an einen Kommentar von damala, als Sparki das 10. Königreich bevor er es gesehen hatte schon niedermachte, soviel zu objektiven Meinungen hier auf der Seite…

    Im Grunde gebe ich dir mit großen TV-Premieren und solchen Mehrteilern ja Recht, (siehe Dune) aber das 10. Köngreich da miteinzubeziehen finde ich nicht gerecht, denn das ist wirklich sehr gut gelungen. Sparki hast du dir das auch ganz angeschaut? Ich denke nicht…*Kritik üb* Ho ho ho, ich bin der Weihnachtsmann…und Sparki´s die nicht schön artig waren kriegen nichts…höchstens ein paar blaue Flecken am wuscheligen Hinterteil…

  18. TurboTorte sagt:

    Na gut, ich verbessere mich schonmal selber -> das 10. Königreich! :)

  19. TurboTorte sagt:

    …und hätte ich mir den Artikel genauer und bis zum Ende durchgelesen, dann wüsste ich auch das dieser von Klapowski in 48 Stunden schnell dahingekritzelt wurde…

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