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„Barbarella“ (1968) – Das KLASSIK-Review

Es müssen ja nicht immer Filme von 2012 sein: Auch ältere Werke (mitunter mit dem Prädikat „besonders klassisch“) können ihre Reize haben oder diese auch bereits dampfhammerwirksam verspielt haben. „Barbarella“ ist so ein Oldtimer, den wir uns heute zur Brust der weiblichen Hauptrolle nehmen wollen. Doch, WARNUNG: Auch Klassiker werden von uns besonders hart und ohne nostalgische Verzückung mit dem Dampfhammer bearbeitet! Die Gefahr einer Staublunge ist für potenzielle Zuleser daher nicht zu unterschätzen…

„Barbarella“ ist ein SF-Film aus dem Jahre 1968, welcher vom französischen Regisseur Roger Vadim inszeniert wurde. Einige meinen, dass dieser eine Vorreiterrolle für die Flowerpower-inspirierten Sexfilmchen einnahm, die in den 70ern groß in Mode waren und uns (unter vielen anderen) auch die Schulmädchenreport-Reihe gebracht hat. Die Hauptdarstellerin ist Jane Fonda, die hier eine Raumfahrerin verkörpert und ihren eigenen Körper zu einem Großteil großzügig mit…

Ach ja, liebe Zuleser! Was war das noch schön, als Sexfilmchen bereits verrucht und schmutzig waren, wenn man für ein paar Sekunden Brüste sah, die man heute in jeder Duschgel-Reklame erotischer dargeboten bekommt! Als der Beischlaf noch mit hoppelnden Bewegungen simuliert wurde und das größte Problem des männlichen Darstellers das gewesen sein muss, nicht WIRKLICH eine Erektion zu bekommen! – Ich weiß gar nicht, warum ich das alles erzähle, denn all das spielt für „Barbarella“ gar keine Rolle, denn richtigen Sex gibt es nur ganz am Anfang und da auch nur per Ausblendung und nachträglichem „War das guuuut“-Geschmatze. Somit kann man das Filmchen auch eher als echtes SF-Movie sehen, von gewissen stilistischen Ähnlichkeiten zu den oben genannten Sexsimulanten einmal abgesehen…

Der Anfang beginnt vielversprechend im Sinne eines jeden Zuschauers, der mit Trash nicht nur dann etwas anfangen kann, wenn er die deutschen Mülltrennungsregeln befolgt: Der Föderationspräsident spricht hier mit Barbarella, ihres Zeichens Aushänge-Barbiepuppe irgendeines galaktischen Nonsensimperiums. Dass die Dame zufällig nackt vor dem Hauptbildschirm ihres plüschigen Raumschiffes steht, spielt keine große Rolle, denn schließlich gilt es gerade einen dringenden Auftrag entgegenzunehmen: „Finden Sie Professor Durand-Durand auf dem Planeten Sowieso!“

“Im Weltraum ist Jahrmarkt und wir feiern ein bisschen mit!“ (J. T. Kirk, eine nicht sehr parallele Paralleldimension weiter) – Tja, bei Barbarella geht noch die Post ab! Und sie verlangt als Porto nur ein abgelegtes Unterhöschen… Die Musik hier hat übrigens was! Melodien mit so viel Wiedererkennungswert werden heute nicht mal mehr in der Volksmusik eingesetzt!

Da Barbarella weiblich und somit amtliche Trägerin von Milchdrüsen und unzähligen Klischees („Frau am Steuer“) ist, lässt sie ihr Raumschiff erst mal über besagtem Planeten abstürzen. Dort gerät sie an unheimliche Straßen- bzw. Fernsehstudiokinder, welche bissige Mörderpuppen auf sie hetzen. Sogleich wird sie jedoch von einem charmanten Beischlafliebhaber gerettet, mit dem sie dann gleich in die Kiste (=auf Rädern und mit einem Segel oben drauf) springt. Nach dem zweiten(!) Raumschiffabsturz (Voyager, ick hör Deinen Flugschreiber trapsen) lernt sie einen blinden Engel kennen, der übrigens da wohnt, wo halbnackte Höhlenmenschen in den Wänden eines Pappfelslabyrinthes stecken.

Wie? Nein, ich habe nicht getrunken! Jedenfalls nicht VOR dem Konsum dieses Filmes. Denn erst nach dem Sehen hatte ich genügend Gründe für einen Vollrausch gesammelt… Inhaltlich lässt sich „Barbarella“ am besten als eine Mischung aus „Flash Gordon“ und „Schulmädchenreport“ bezeichnen, mit leichten Ansätzen der „Augsburger Puppenkiste“, was die Kulissen und Effekte anging. Tatsächlich müssen die Leute in den 60ern schier ausgeflippt sein, da ihnen ab und zu tatsächlich mal eine Brustwarze entgegenblitzte und Barbarella jede Pause in der Handlung dazu nutzte, um sich im Klamottengeschäft (auf feindseligen Planeten findet sich immer so was!) in neuen Fetischfummel zu werfen.

Spätestens, wenn sie am Ende schweißüberströmt in der todbringenden Orgasmusorgel liegt, diese aber mal gerade implodiert, weil Barbarella viel „zu schamlos“ ist, muss man immerhin anerkennen, dass man sich in den 60ern bereits löbliche Gedanken zu dem Thema „Sex in der Science-Fiction“ gemacht hatte. Hätte „Barbarella“ eine Story, könnte dieser als SF-Streifen getarnte Spannerklamauk glatt als evolutionärer Vorläufer von „Lexx“ durchgehen. Auch, wenn er DAFÜR dann an vielen Stellen doch viel zu langsam und Ernst ist. Was der Regisseur nun am wichtigsten fand (Kunst? Trash? Erotik? Humor? Spannendes Abenteuer?), ist mir tatsächlich in keinster Weise klar geworden. Und so ließ mich der Film trotz wunderbarer Ansätze (Angriff der Killer-Wellensittiche!) einigermaßen verwirrt und verblödet zurück.

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„Tut mir Leid, der Herr. Ich weiß leider auch nicht, warum sie meinen Film so gebannt verfolgen. Aber ich werde in meinem Swingerclub gleich mal eine Umfrage starten, Okay?“ – Durchgeblickt: Sind das unter ihr etwa ALLES ihre Haare?! Oder liegt sie auf einem Bärenfell (dann vielleicht auch dem eigenen?). Mann, Science Fiction kann ja ganz schön anspruchsvoll und verwirrend sein!

Die Erotik-Szenen von damals wären heute natürlich nur noch erregend, wenn das allgemeine Sexangebot erneut auf Unterwäschekataloge zurückgestutzt werden würde. – Auch wenn ich das eine oder andere Standbild auf meinem Fernseher nicht verschweigen will, nachdem Barbarella sich in die durchsichtige Latex-Pelle gezwängt hatte.

Die Story selbst ist jedoch auch für Trashliebhaber zu einfallslos und lahm erzählt (Wissenschaftler will Universum beherrschen) und besteht eigentlich nur aus unmotivierten Ortswechseln: Ständig will jemand unserer Barbarella ans Leder – und an die Schamlippen -, so dass sie meist ihr Unheil in der Flucht zu suchen hat. Denn vielleicht gibt es ja im nächsten Raum mal eine Person, die einen IQ oberhalb eines Swingerclubbesitzers besitzt, der zu viel schlecht gemachte 50er-Jahre-Science-Fiction gesehen hat?!

Effekte und Kulissen wirken selbst für das übliche Niveau der 60er antiquiert (was damals zu Recht von den Kritikern moniert wurde), sind aber meist auch nicht auffällig, aufwendig oder kultig genug, um den Wiedersehwert über den der Tagesschau von Gestern zu hiefen. Es dominieren Plastikpinöckel und schlecht zusammengeklatschte Bildebenen für die Liebhaber für Trash-Trash (=Für kultigen Trash einfach noch zu müllig). Der Schnitt – Marke: „Wir zeigen das Elend in Großaufnahme und dann auch eher ein paar Sekunden zu lang“ – steuert auch nicht wirklich dagegen und ist generell ein wenig lahmer, als die total bescheuerten Locations im Softsex-Tittenflair anfangs vermuten lassen.

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„Sagen Sie… Warum sind in diesem Gebäude alle so komisch angezogen?“ – „Wir verehren damit eine glorreiche Zivilisation, die auch uns heute nur noch unter dem Namen ‚Die Sechsziger‘ bekannt ist. Wissen SIE vielleicht mehr darüber?“ – Punktlandung: Wenn Marienkäferkinder auftauchen und eine dunkle Herrscherin unsere Barbarella zu Lesbensex animieren möchte, schlägt die Stunde der Wahrheit: Kann sich ein Zuschauergehirn verflüssigen, ja oder nein?

Spannung kommt höchstens auf, wenn man sich fragt, ob einer der tollwütigen Wellensittiche nicht vielleicht doch verletzt wurde, als Barbarella mit ihnen einen total sinnlose Notfallrutsche hinunterglitt. Und was genau ist die Motivation des geflügelten Bilderbuch-Ariers, der aufgrund seiner Blindheit nicht von Barbarellas Reizen geblendet werden konnte, aber mal gerade einen Angriff auf irgendwelche Fluggeräte aus dem YPS-Heft flog? Hat er gar den neumodischen Begriff der „Asexualität“ erfunden, als er mehrfach betonte: „Ein Engel macht keine Liebe, ein Engel IST Liebe“?

Warum nahm der Böse unserer Barbarella den unsichtbaren Schlüssel nicht ab, nachdem er wusste, dass diese ihn an sich trug? Eine Klage wegen sexueller Belästigung konnte man sich in DEM Universum garantiert nicht einhandeln, wo doch JEDER hier mit lüstern-dümmlichen 60er-Jahre-„Wir würden was zeigen, wenn wir dürften“-Blick durch die unüppig ausgestatteten Papppornokulisse stapfte! Und wieso sieht der böse Professor wie ein Lackaffe mit grauer Schmierhaartönung aus? Und was genau war an Barbarella so heldenhaft, als diese sich am Ende hinter einer unsichtbaren Wand einschließen ließ, dem Bösen dabei zuschaute, wie er mittels Todeslaser auf Kollateralschaden-Hatz ging und dieser davon träumte, das „ganze Universum“ zu unterjochen (An was ist noch mal das Römische Reich eingegangen? Ist das Problem der Über-Expansion etwa inzwischen gelöst worden?).

Am Ende steigt Barbies Rella mit ihrer neuen Freundin in einer Blubberblase aus einem billigen Rückprojektions-See, nachdem sie sich 90 Minuten lang von verschiedenen Fraktionen hat gefangen nehmen lassen. Der Böse? Ist beim Todeslaser-Rodeo auch ohne Hilfe vom Sattel gefallen. Alle heldenhafte Verdienste der weibliche Hauptfigur: Naiv staunend durch die Gegend stolpern, ab und zu mit unseren zwei Lieblingswarzen blinzeln und in der Filmmitte ein paar Playmobil-Hubschrauber vom Himmel holen.

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„So, hier ist der gefährliche Weg, den sie gehen müssen. Ich hoffe nur, dass sie einen unsichtbaren Schutzengel dabei haben?“ – „Ähm… Jaaa… UNSICHTBAR würde ich jetzt nicht sagen.“ – Barbarella ist nicht die einzige, die in einer Geflügelzucht zur Welt kam: Mit dem gutaussehenden, aber total verblödeten Engel Pygar wird es für uns Männer leider total sexistisch und beleidigend! Zur Strafe gucken wir beim nächsten Latexoutfit der weiblichen Heldin nur noch mit EINEM Auge hin, so!


Fazit: Beim längeren Sehen ist das Teil nicht so kultig und unterhaltsam, wie man anhand der Bilder und meiner Zusammenfassung annehmen möchte. Natürlich ist der Film trotzdem Kult, hat er unseren älteren Zulesern vermutlich doch einst als Onanier-Operette gedient und die Karriere der damals gänzlich unbekannten Jane Fonda engelsgleich beflügelt.

Aber selbst unter Trashgesichtspunkten ist das lahme Abarbeiten eines schon damals ollen Kulissenfriedhofs heute kaum noch zu ertragen. Obwohl sich die Handlung nicht wirklich Ernst nimmt, fehlt es trotzdem an parodistischen Einsprengseln oder einprägsamen Dialogzeilen, die einem die Tränen der Rührung auf die nostalgisch verzückten Grinsebacken zaubern. Ab und zu eine Pille einwerfen (ersetzt klassischen Sex) und in grenzdebilen Kasperletheater-Kostümen umherlaufen reicht als Story im Jahre 2009 einfach nicht.

Denn – und das kann hier schon verraten werden – der demnächst von uns getestete „Flash Gordon“-Film aus den 80ern machte da bei weitem mehr Spaß…

Übrigens war bis Anfang 2009 eine Neuauflage mit Robert Rodriguez geplant. 75 Millionen Dollar wurden ihm hierfür von einer deutschen(!) Produktionsfirma angeboten, doch Robert entschied sich dagegen: Er wollte einfach nicht in Deutschland drehen, was die Voraussetzung gewesen wäre. – Somit ist der Kelch, einen geflügelten Til Schweiger als sehschwachen Engel sehen zu müssen, wohl noch knapp an uns vorüber gegangen…

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Artikel

von Klapowski am 12.12.09 in Film-Review

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Kommentare (8)

  1. dröhn sagt:

    Ich mag Brüste….

  2. Paramantus sagt:

    Ein toller Film… Unvergesslich! ;)

  3. The Artist formerly known as Armleuchter sagt:

    Ich stimme dröhn zu.

  4. Mieze sagt:

    Männer …

  5. Flutschfinger sagt:

    …wissen Brüste mehr zu schätzen (Doppel-D?) als Frauen. IHR UNDANKBAREN AUSGEBURTEN DER HÖLLE!

  6. Dingens sagt:

    Jawoll!

  7. hype sagt:

    Pschykardiogramm ist mir in Erinnerung geblieben

  8. bergh sagt:

    tach auch !

    Bin gespannt was Paraqnoid Android dazu sagt.

    ich mag Brüste auch.

    @Klapowski
    Schöne Rezension, allerdings sind wir beide zu jung für den Film.
    Man mußte schon damals geschlechtsreif sein, um den wirklich schätzen zu können.

    Gruss BergH

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