Das ernsthafte Medienmagazin

Sei mein Raider, Hengst!

„Wir sind das Volk!“ Panisch vorgebrachte Sätze wie diese musste ich kürzlich bei einer Veranstaltung erleben, bei der nicht nur die Mauer der warnenden TV-Zahnärzte fiel…

Wer kennt das nicht? Man geht gemütlich mit Knackarsch, muskulösem Oberkörper und maskulinen Gesichtszügen über eine Fußgängerampel und merkt erst auf der anderen Straßenseite, dass sich diese Geschichte gar nicht um einen selber dreht, sondern um den zur fettleibigkeit neigenden Satiriker etwas weiter rechts…

Dieser hat nämlich eine Showbühne in der Innenstadt erspäht!
„Oh Show her! Eine Schaubühne!“ sage ich wortspielsicher…

Neugierig und in Erwartung einer astronomischen Lehrstunde nähere ich mich also dem dunkelblauen Truck mit der „Saturn“-Aufschrift…
Getreu meinem Motto: „Was interessieren mich die Probleme unserer Welt, wenn der Pluto in eine Eiszeit steuert?“ – Wobei ich normalerweise abwechselnd einen P.M.-Artikel und ein schwarzes Bild mit einem winzigen, weißen Klecks hochhalte…

Zu spät erkenne ich, dass es sich bei „Saturn“ um die weltberühmten Performancekünstler handelt! Jene Kette, der mit ihren Shows „7 x 20 Meter MTV“ und „500 qm CD-Rohlinge im Kassenbereich“ schon den einen oder anderen Verweis vom Bauordnungsamt verliehen wurde. Eine Auszeichnung, die Mut macht!

Ja, jene „Saturn“-Institution wurde nämlich bei uns massiv umgebaut und erneuert: So wurden die Verkäufer vollständig durch hochmodernen WarcraftIII- und Lara-Croft-Aufsteller ersetzt, ohne, dass der Service irgendwie leiden müsste…

Zur Feier dieses Anlasses organisierte unser Lokalradio also eine Show auf einer offenen Bühne, die einem offenen Bein in Sachen Schmerzerlebnis in nichts nachstand… An einer billig imitierten Günther-Jauch-Konsole saß eine Kandidatin auf der Bühne, die 10 Fragen zu beantworten hatte. Für jede Richtige gab es einen 5-Euro-Gutschein.
Mein Lieblingssender hatte sich sogar nicht lumpen lassen und sogar Soundeffekte aus „Data Beckers kleines Technostudio (4,99 €)“ mitgebracht.
Und wer auf total kranke Joker stand, musste sich nicht nur mit zwei ganztagswitzigen Moderatoren begnügen:
Einmal durfte man das Publikum über die 4 Antwortmöglichkeiten abstimmen lassen (15 Dummbacken, davon alleine 23 Schüler heben die Hand).
Oder man durfte konkret einen Mitmenschen anrufen: „He, du da! Der mit der H&M-Plastiktüte! Was bitte ist ‚Wermut‘?“

In der Hoffnung, auch maximal 50 € Saturn-Einkaufsgutscheine zu gewinnen, verbrachte ich meinen halben Nachmittag an der Bühne, um endlich zum nächsten Kandidaten erwählt zu werden. Was tut man nicht alles für Ruhm, Lob, Ehre und einen Haufen Gutscheine? – Eigentlich gar nichts. Außer Rumstehen.

Und so erlebte ich, wie sich Mitmenschen gebären können, wenn sie etwas gewinnen möchten. Abtreibung statt Gebärung wäre mir dabei echt lieber gewesen…

Eine polnische Mehrfamilienmutter (und wir sprechen immerhin von parasitären Insektenarten) grabbelte dem Moderator an den Füßen herum, da auch sie die billig-biegsamen Aluminium-Stühle der „Wer wird Gutschein-schwer?“-Wandershow einmal tieferlegen wollte…

„Sollst du mir etwa an die Schuhe packen?“ stieß der „Kult-Radiomoderator“ (O-Ton Kult-Radiomoderator) etwas genervt aus. Jedoch ließ er sich von seiner Mission nicht abhalten und verloste „Radio Bielefeld“-Zahnputzbecher bei einem lustigen Musikquiz. Ein Mann mit interessanten Zähnen, die noch ihr Winterreifenprofil trugen, forderte breit grinsend, doch lieber „Radio Bielefeld“-Billigschirme zu verschenken…

Als die Veranstalter daraufhin Kinderriegel, Smarties und Mentos unter den Zuschauern verteilten, hielt es keinen der PDS-Wähler mehr auf seinen Gehsteinplatten. Ein Mann, von oben bis unten mit Pocken bedeckt (vermutlich bereits schon in Besitz von obskuren „Milchkammern“ aus der Ferrero-Werbung), forderte seine Leistung für seinen ausgiebigen Heroinverzicht und forderte lautstark Karamellbonbons.

Die Situation drohte zu eskalieren und ich fühlte mich zunehmend unwohl… Links und rechts griffen verbrauchte Finger so haarscharf an meinen Ohren vorbei, dass ich mir wünschte, Nikki Lauda zu sein. Polen-Oma drohte damit, sich auf einige Kinder fallen zu lassen, während sie krampfhaft die geöffnete Hand in das Nasenloch des Moderators zu führen versuchte… „Ich haben! Ich! Ich!“

Dass kurz zuvor 2 Hostessen einige Billig-CD’s von „Die Frankenfelder Pusteblumen“ verschenkt hatten, das hatte meine Situation nicht erleichtert!

Schon torkelte ein Besoffener im Smarties-Wahn auf ein paar 14-Jährige zu und hielt ihnen Freundschaftlich eine Bierdose unter’s Handy, während er mit seiner Zweitstimme (Betrunkene sprechen ja häufig mit unabhängig voneinander schwingenden Stimmbändern) seine Kommentare über den Platz bellte und Quizfragen beantwortete, die gar nicht gestellt worden waren…

Als das Ganze durch verschenkte Ü-Eier und die Möglichkeit, Gratiskommentare zur Bühne heraufzugröhlen, noch weiter verschärft wurde, trat ich die Flucht an!

Während ich über eine überdimensionierte Lautsprecherbox stürzte, vernehm ich nur noch eine einschüchternd gewitzelte Drohung, die mich auf dem ganzen Nachhauseweg begleiten sollte: „Übrigens kommt noch heute Nachmittag Alex Johlig zu uns! Der von dem „Dicken Bruder“, HARRHARRHARR!“

Ich bemerkte auch erst auf dem Heimweg, dass man Mentospillen und 2-Gramm-Schokoriegel auch für wenige Hosenknöpfe unter jeder normalen Parkuhr erstehen konnte… Ganz ohne Gott zu spielen und „einen Affen machen“ zu müssen. – Eine Erkenntnis, die bei allgemeinen Bekanntwerden auch meinen Mitzuschauern eine Menge Ellenbogenaktivität erspart hätte…

Dabei habe ich immerhin gelernt, wie wichtig ein politischer Wechsel wohl zu sein scheint! Die Armutsgrenze macht auch vor unseren Gehsteinplatten nicht länger halt! – All die erwachsenen Menschen, die hungernd und sabbernd um einen unschuldigen Kokos-Riegel flehten, haben mich doch schon sehr mitgenommen.

Armes Armendeutschland!

*Prügelt Joschka Fischer von der Wahlkampfbühne, ruft „LEUTE, DER HAT BONBONS!! und sieht zu, wie ein gieriger Mob den Grünen Rot und Gelb schlägt*


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Artikel

von Klapowski am 13.09.02 in All-Gemeines

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