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Rick`s Logbuch

Jeden Tag das SF-Fernsehen neu zu erfinden, ist nicht nur hartes Brot, es schmeckt dem Zuschauer sogar auch so! Umso erstaunlicher, dass Rick Bärmann (Name von der Redaktion geändert), Berufsenthusiast und Mitarbeiter bei Paramount, noch Zeit für das Niederschreiben dieses schriftlichen Einblicks in die Welt des Erfolgs hatte. – In was auch immer…

Mit Grafiken vom Sparkiller

7:00 Uhr

Heute um sieben Uhr im Büro gewesen. Ich brüte über einem neuen Drehbuch. Plötzlich flammen neue Ideen vor meinem geistigen Visor auf! Nostalgisch, aber nicht albern! Innovativ, aber doch TOS-konform! Die Gedanken fließen und fließen wie warmer Wechselbalg in der Sommersonne! Ich tippe wie ein junger Gott! Ich bade in einem Meer aus Ideen!

Ich…

Ich…

Ich wache schweißgebadet durch einen kehligen Laut aus meiner Kehle auf. Scheiße. Ein verdammter Alptraum. Mein Wecker glüht bei einem Druck auf die kleine Warpgondel auf… 6:17 Uhr. Ich blättere zur Beruhigung in meinem Duden. Oder von mir auch liebevoll „Explosions-Almanach“ genannt. „Huschen, Hüsteln, Husten, Hut, hüten, Hutgeschäft… – Hutgeschäft…“ – Ich lasse das Wort mehrmals auf meiner Zunge zergehen. Hutgeschäft! Ein explodierendes Hutgeschäft! Das ist es also für diese Woche! Ich notiere den Storyentwurf auf einem der stets griffbereiten Bierdeckel und freue mich schon auf „I“ wie Insulaner, Inventar und Intelligenz.

6:58 Uhr

Ich stehe auf. Dann gehe ich unter die Dusche. Dann nehme ich mir die konstruktive Leserkritik vor, die mich unter meiner Privatadresse erreicht hat. Nach 2 Minuten schalte ich die Dusche aus. Das verschmierte Geschreibsel kann ja kein Mensch entziffern! Ich sammle die matschigen Papierreste in einer leeren Zigarrenschachtel. Daraus wird meine Mannschaft auf dem Set eine Höhlenkulisse kneten, die sich gewaschen hat. Im wahrsten Sinne des Wortes!

7:48 Uhr

Bin auf dem Weg in`s Büro. Fahrstuhl Nummero Uno kämpft sich langsam und unter einem gefährlichen Knarren in`s 3. Obergeschoss. Vermutlich hat wieder irgendeine überforderte Putzfrau über uns die heutigen Beschwerdebriefe in den Schacht geworfen…

Pah! Wenn unsere Zuschauer diese Zettelwirtschaft „konstruktive Kritik“ nennen wollen, sollen sie daraus einen Papierhut bauen! Oder ein Schiffchen. Nehmt euch ein Beispiel an mir! – Die Fähigkeiten der Suliban kamen mir beim Origamifalten!

8:04 Uhr

Ich öffne den Schrank für die Leserbriefe und gehe instinktiv zwei Schritte zurück. Die brodelnde Papierlawine, die ich erwartet habe, ist eine harmlose Diskette, die unschuldig auf den Boden klackert. Ich frage mich verwundert, warum sie nicht explodiert ist… – Der Titel der Diskette lautet: „Onlinepetition: Berman raus!“

Ich beginne die gesammelten Texte auf meinem Computer zu lesen. Nach einer Weile missfällt mir der Inhalt und ich lese nur noch die Sätze, in denen mein Name vorkommt. Schon hebt sich meine Stimmung merklich. Als ich mich dabei ertappe, wie ich nur noch meinen Namen lese und dabei begeistert „Grandios!“, „ein Kunstwerk!“ und „Der Mann gehört befördert!“ vor mich hinbrummele, lege ich eine Pause ein. Nur ein bisschen die Augen ausruhen…

Ich träume von einem jüngeren und innovativeren Klon meiner selbst, der meine ausrangierten Krampfadern neu aufträgt. Als er mich küsst und „Emzadi!“ flüstert, kommt Brent Spiner herein. Ich erinnere mich nicht an den Rest des Traumes. Kurz vor dem Ende erschien Stuart Baird und schnitt die Charakterszenen raus!

10:49 Uhr

Mein Vorgesetzter kommt mir auf dem Flur entgegen. Der rechte Reifen seines Rollstuhls schabt mitleidserregend in der Bodenfurche, die in der Zeit entstand, als der Rubel noch rollte. Nur zur Erklärung: Mein Chef ist ein Mann ohne Visionen und TNT im Blut. Er bemängelt den Mangel an neuen Ideen. „Wenn wir es für möglich halten, dass der Zeitstrahl rückwärts läuft, so ist ein Plagiat nur Innovation von hinten!“, rief ich ihm kürzlich triumphierend zu, nachdem er mit seinem Rollstuhl pantomimisch den Verlauf der Quotenkurve nachgespielt hatte. Lustig und ganz schön spacig: Aus der 5. Etage sieht der entsprechende Bereich im Innenhof wie ein kleiner Meteoritenkrater aus!

Inzwischen sagt er auch nichts mehr. Nur manchmal schlägt er mir mit dem Schlauch seiner künstlichen Sauerstoffzufuhr auf den Kopf. „Das ist OK. Lassen sie es raus! Kunst muss nicht gefallen! Kunst muss die Menschen aufwühlen!“ rufe ich ihm freudestrahlend zu. – Diesen Satz habe ich schon von mehreren Freunden gehört. Zufällig alle erfolglose Künstler.

13:23 Uhr

Ich sitze angespannt da und konzentriere mich auf mein Ziel. Tief in mir rumort es. Da will etwas aus mir heraus, was einer Explosion nicht ganz unähnlich ist. Das Ganze scheint sich jedoch eher zu einer Geschichte für meinen Kollegen Braga zu entwickeln. Ich rufe daher: „Brannon! Abputzen!“. – Meine Stimme hallt über die weißen Kacheln. Das in Gedanken aufgerollte Toilettenpapier türmt sich zwischen meinen Beinen.

13:56 Uhr

Anthony Montgomery kommt in mein Büro und beschwert sich über seine bisherige Entwicklung. Ich rede ihm diesen Schwachsinn aus und bescheinige ihm, dass er sich vorzüglich entwickele. Als ich Bartwuchs und das Interesse am anderen Geschlecht als Beispiele erwähne, knallt er die Tür von draußen zu.

Dabei kann er froh sein, dass er die Rolle überhaupt bekommen hat! Sein Erscheinen war sozusagen nur ein Gag mit Folgen. Es waren mehrere verregnete Frühlingswochen gewesen, als ich dem Chef der Castingabteilung unter einer Hausmitteilung schrieb: „Maiwetter wäre nicht schlecht! Ich habe nicht mal was gegen Dunkelheit, lauwarm und trocken würde mir schon vollauf genügen!“

14:12 Uhr

Ich gebe auf dem Flur ein Interview. Ich werde gefragt, ob die fallenden Quoten nicht auf bestimmte Versäumnisse bestimmter Personen im Franchise zurückzuführen seien. „Die Frage verbitte ich mir!“ sage ich aufbrausend. „Die Chefetage sieht es nicht gern, wenn wir unserer Kundschaft Vorwürfe machen!“.

Mit gläserndem Blick und leicht automatenhaft verspreche wie üblich, dass die neue Staffel ein voller Erfolg sein wird! Als ich gefragt werde, von welcher Serie ich spräche, gerate ich aus dem Konzept. Ich stammele etwas in der Art von „Da muss ich in meinen Unterlagen nachsehen!“ und verschwinde hinter der erstbesten Tür, die ich hinter mir zuwerfen kann. Es dauerte Stunden, bis sie mich aus dem metallenem Wandschrank im Archiv geschweißt haben.

Ein schlecht gelaunter Kritiker nannte meine Versprechungen kürzlich „die Antithese einer Weltuntergangssekte“ – Während man sich bei den Zeugen Jehovas jedoch nicht ganz sicher sein könne, was das Datum für den „nächsten“ Weltuntergang anginge, würde mein Paradies wenigstens pünktlich ausbleiben. – Ich fand das ziemlich fies, liebes Tagebuch!

17:37 Uhr

Muss schnell zum Entmündigungsverfahren. Von 500.000 Fans sind jedoch nur 7 zur Verfahrenseröffnung erschienen. Entmündigt wurde von denen aber unverständlicherweise keiner. Alles muss ich wieder selber machen! Diese elenden „Story, Story!“- und “Innovation! Innovation!”-Papageien! ICH weiß, was für euch gut ist und was ihr wollt! ACTION wollt ihr! – Ob ihr nun wollt oder nicht!

18:49 Uhr

Bin wieder zuhause und brüte schon an meinem nächsten Drehbuch. Bisher fällt mir nichts ein. Außer vielleicht eine Story über Dr. Phlox, der einen Roman zu schreiben versucht, wobei ihm jedoch nichts einfällt und er später – ganz in Gedanken – die Krankenstation unter Wasser setzt. Hmm. Autobiografische Tendenzen kann ich bei dieser Idee nicht völlig ausschließen… Erst jetzt bemerke ich das knöcheltiefe Wasser im Wohnzimmer und stelle den Hahn über der Badewanne aus.

Ich frage mich, wie Leute mit weniger Phantasie wohl über die Runden kommen.

Wie auch immer es um meine bestellt ist, so besitze ich doch einen unbestreitbaren Vorteil: Ich liebe Star Trek wie mein eigenes Kind!!

Oh. Ich muss dich für einen Moment beiseite legen. Jean-Paul-Xindi will mit seinem Vater spielen. – Ich glaub’, ich hau’ ihm einfach mal eine rein!

Tschö.

Dein Rick!

Originalausschnitt Tagebuch


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Artikel

von Klapowski am 13.08.03 in Star Trek

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Kommentare (14)

  1. Gast sagt:

    und zweiter bin ich auch!

  2. Gast sagt:

    und blöd obenddrein!

    Gruß,
    Brecht (der sich seit Monaten nicht einloggen kann!)

  3. Sparkiller sagt:

    Die "Einloggen"-Funktion war auf Dauer einfach zu kostspielig, weswegen diese mittlerweile auch ihren Weg zum Pfandleiher gefunden hat.

    Fakt ist, dass seit dem letzten PHP-Update des Providers unser News-Script ein paar Macken hat. Ein Anbieterwechsel wäre daher zu empfehlen, aber dazu muss man sich erstmal aufraffen, nücht?

  4. Gast sagt:

    Über den ersten Logbuch-Eintrag steht "7:00 Uhr", und über dem zweiten "6:58 Uhr"…

    ?????????????????????????????
    Hä?

    Sind das die Folgen des Temporalen Kalten Krieges, oder wie??????????????

  5. Klapowski sagt:

    "Fehler! Fehler! Fehler! Bä-bäbä-bä-bäääh! Ich hab ihn ge-fun-deeeen!"

    "Nein, Herzchen. Les` es doch bitte noch mal ein zweites Mal!"

    "Äh. Ohm. Hu. (Pause) – Bä-bäbä-bä-bäääh! Intelligenz kann ja gaaar nicht ex-plo-die-ren! Hahaahaaa!"

    Zu den Einlog-Fehlern:

    Ich muss sagen, dass es mich inzwischen schon gewundert hat, warum unser hartnäckiges Schweigen nach jedem der 386. entsprechenden Kommentare noch nicht lautstark angeprangert worden ist…

    Mich persönlich stören diese Hinweise ja gar nicht mehr. Ob da nun steht "Kann mich nicht Einloggen", "Erster" oder "Ich hab` ein Pferd um den Hals und tanze Sternenpolka – Gruß Dani", ist meiner Wahrnehmungshierarchie inzwischen vollkommen egal.

    Aber wenn ihr denn darauf besteht, werde ich eben den notwendigen Anbieterwechsel vorbereiten. – Passt euch März 2005?

    *ENTERPRISE-Folgen auf Loop stell und Winterschlaf vorbereit*

  6. Gast sagt:

    Teddybärmann kann aber gut deutsch!
    Kennt wer Voyager-center.de?
    Ein anonymer Bewunderer Klapowskis, Sparkillers und natürlich GGHs

  7. Sparkiller sagt:

    7:00 Uhr war doch die Zeit im Traum, während 6:17 Uhr die erste "echte" Zeitangabe ist.

    Immer muss ich Daniel seine Artikel erklären…

  8. Klapowski sagt:

    Dafür kenne ICH http://www.voyager-center.de!

    Ich bin einer der größten Fans von Lin Xiang! – Wie er damals 113-seitig ENTERPRISE und NEMESIS verrissen hatte und gleichzeitig darlegte, warum VOYAGER den Höhepunkt des menschlichen Schaffens darstellte, war absolut KULT-KULT-KULT! – Da blickte sich die LEXX nur noch fragend um und RAUMSCHIFF ORION wunderte sich!

    Dass er diese Artikel ("Die Vergewaltigung von Star Trek" und "Die Vergewaltigung von Star Trek geht weiter") aber auch monatelang auf der Hauptseite bewarb ("lesen sie dazu auch unsere populären Vergewaltigungskolumnen!") und auch nicht vor historischen Vergleichen mit Nazideutschland und Militärdiktaturen zurückschreckte, machte ihn zu meinem persönlichen Gott der Fanseiten-Egomanen!

    Wenn ich mal groß bin, will ich so sein wie er!

    Heil Xiang!

  9. Gast sagt:

    Bin kein Nervenarzt!

    Ich möchte nur den freitäglichen TV Quick empfehlen, ein Verriß gegen den die Kritik hier sehr zurückhaltend ist! Nach diesen Artikeln möchte man Ent Fan werden!
    PS da existieren immer noch die Links zu seinen (ich meine natürlich unseren) beliebten allgemeinen Vergewaltigungsartikeln!
    Der Bewunderer

  10. Gast sagt:

    @ ricks logbuch: *LOOOL*
    @voyager-center.de:
    kannte ich nicht, habe mir aber soeben den über mir angepriesenen TV Quick angelesen… nach kurzer zeit hab ich dann runtergescrollt und unten "Note 4-" entdeckt, seitdem bin ich mindestens ebenso grosser Lik Xiang-Fan wie Klapowski himself…
    RQ

  11. Gast sagt:

    Die Seite bringt jetzt auch eine Rubrik zum Thema Voyager ist toll, anspruchsvoll und innovativ. Ebenfalle eine gute Satire (wenn LX es nicht ernst meinen würde)

  12. Gast sagt:

    Lin bejubelt das Ende von Star Trek und wir alle jubeln mit!
    Dies ist nur die Spitze des Eisbergs, glaubt mir.

  13. Gast sagt:

    Grandios. Der beste Artikel den ich hier je gesehen hab.
    Hype.

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