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Türkei in die EU? – oder: Die Chronik eines Pettingversuchs

Die ganze Sache ist völlig verwirrt – wie ein Türke im Deutschen Grundgesetz – und wächst sich langsam zu einem diplomatischen Problem aus: Ein Deutscher 17-jähriger Junge wird unten rechts von der EU festgehalten, weil er in der Türkei ein 13-Jähriges Mädchen unschicklich beplumpst haben soll. Inzwischen werden Forderungen laut, die Türkei aufgrund dieser Überreaktion nicht in die EU aufzunehmen. Was die Frage aufwirft: Was wollten sie in der Vergangenheit überhaupt hier, wo wir doch schon mit den Polen ausgelastet sind?

Inhaltlich gibt es zu der Geschichte gar nicht so viel zu sagen. Lässt man das Polemische, Fremdenfeindliche und absolut Platte weg, haben die Kritiker ja durchaus Recht. – So, wie ich das im SPIEGEL gelesen habe, war das überhaupt nicht gerechtfertigt, den Jungen wochenlang bei erwachsenen Schwerverbrechern unterzubringen. Ein Junge, der eine 13-Jährige geküsst hat (laut ärztlicher Untersuchung ist sie noch Jungfrau, wenn auch zugegebenermaßen eine SEHR junge) und sich vielleicht auch zufällig zwischen Brustansatz und BH verfangen hat: Okay, ist mir in der U-Bahn aber auch schon mehrfach passiert!

Immerhin hat sie sich als 15-Jährige ausgegeben, was ich zwar für ein wenig unglaubwürdig halte (unbesehen möchte ich sie Mal als 18 einstufen – ich wohne gegenüber einer Schule und habe da Erfahrung), aber gut: Shit happens und von Petting ist noch keiner gestorben, solange die körpergewichtliche Differenz der Teilnehmer nicht deutlich dreistellig ausfällt… Bis zu 8 Jahre Haft halte ich für dieses Vergehen(?) dann doch für etwas überzogen. Und wenn auch nur, weil der Marco vermutlich einfach nur eine schlechte Kindheit hatte, seitdem seine Eltern ihn wie einen Erwachsenen behandelten.

Was die EU angeht, bin ich sowieso so pragmatisch wie ein Politiker mit Ethikentzündung. Das ist halt wie bei einem Discobesuch: Wenn der Türsteher sagt, dass ihm deine Schuhe nicht gefallen, fliegst Du raus. – Oder runter. Vom Parkplatz. Wenn Du DA denn überhaupt drauf durftest. Da ist dem auch völlig egal, dass Du Dich tagelang auf den Discobesuch gefreut hast oder Du Dir extra Deine platinfarbene Zahnspange um den Kiefer gewickelt hast. Wenn man (und sein Ego) ganz großes Pech hat, sagt er sogar nur so etwas wie: „Sorry, heute Abend keine Leute mit Sehschwäche. Anweisung vom Chef. Der ist am Wochenende über einen Maulwurfshügel gestolpert.“

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Laut dem 13-Jährigen Opfer(?) soll Marco Weiss plötzlich auf ihr gelegen haben. Okay, so etwas macht man nicht, wenn es nicht erwünscht ist. Und wenn, dann nur EINMAL. Danach will man sowieso schlafen. Soll sich halt nicht so anstellen, die Kleine. Die wollte es doch auch. Die hatte so diesen Blick drauf, diesen… na… „weiblichen“ halt.

Hausrecht ist Hausrecht. Ich will dem dümmlich-grinsenden Zeugen Jehova an meiner Haustür doch auch nicht erklären müssen, dass ich seine Religion respektiere und wir gerne in 2 Jahren noch ein Anschlussgespräch führen können, um seine Besserung in der strittigen „Blutkonserven-Frage“ zu protokollieren.

Ähnlich sollte es auch in der EU laufen: Statt, dass sich die bisherigen Mitglieder ständig verpflichtet fühlen, Rumänien oder die Türkei aufzunehmen, um später nicht schlechtem Gewissen im Rumänischen Restaurant zu sitzen („Danke, kein Dracula-Kinderschnitzel mehr…“), sollte man einfach zu seinem Hausrecht stehen:

„Du hast doofe Ohren!“ bei der nächsten Ratsversammlung und fertig! Wenn man höflich ist, von mir aus auch noch mit diplomatisch veschlüsseltem Rhetorik-Trostpreis: „Bezüglich der akustischen Aufnahmevorrichtungen ist noch kein abschließender Konsens zu verzeichnen.“ – Überhaupt wird die EU-Mitgliedschaft überschätzt: Die Schweiz macht auch nicht jeden Treppenwitz der Geschichte mit und ist schon so lange neutral, dass man einen Schweizer nicht mal guten Gewissens nach seiner Lieblingsfarbe fragen möchte! Und trotzdem hat ihr Hungertuch bislang verdammt wenig Biss-Spuren vorzuweisen.

Und Great Britain? Wollen den Euro nicht. Warum auch? Bevor die Inselaffen auch noch die gute alte D-Mark wiederhaben wollen, lasst sie ziehen!

Mal ehrlich: Das Demokratieverständnis der Türkei gegenüber dem Durchschnittseuropäer ist ungefähr das von Ruanda gegenüber der Türkei! Ein Beispiel: 1915 bis 1917 kamen bis zu 1,5 Armenier auf den so genannten „Todesmärschen“ um. Kleiner geschichtlicher Tipp: Das war kein Sonntagsspaziergang, auch wenn dieser beliebte Wochentag dabei nicht ausgespart wurde. Bis heute ist es in der Türkei jedoch bei Haftstrafe (§ 301 des türkischen Strafrechts) untersagt, diese geschichtliche Tatsache auch nur höflich-distanzierend beim Nachnamen zu nennen. „Beleidigung des Türkentums“ nennt sich das Ganze. – Das wäre in etwa so, als würden wir Deutschen den Holocaust leugnen, weil dadurch das Andenken an unseren Großvater beschädigt würde, der betrunken vom Wachturm eines „Arbeitslagers“ gefallen ist.

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Diese Illustration aus dem Dezember 1916 beweist, wie lieb die Türken die Armenier damals hatten: Der Herr vorne rechts ist ein erfolgreicher Fischmesservertreter und unterlegt seine Sonderangebote gerne mit einer überzeugenden Gestik. Weiter links sehen wir eine armenische Frau, die sich doll verschluckt hat und nur durch eine Lebensrettende Mund-zu-Mund-Vergewaltigung gerettet werden kann.

Und: Ich bin ja wahrhaftig kein gläubiger Mensch und messe der Religion keine Bedeutung zu, die erheblich über das Prädikat „Geschichtsunterricht auf LSD“ hinausgehen würde. ABER die EU ist definitiv ein Christen-Club, da beisst die Maus den Faden so was von nicht ab. Versucht mal spaßeshalber (ihr könnt Sonntags ja dann trotzdem ausschlafen) in der Türkei eine christliche Kirche zu eröffnen. Da schaut Ihr aber blöd aus der Wäsche, wenn der zuständige Stadtbeamte vom Bauordnungsamt plötzlich das Bauordnungsgesetz im Koran nachblättert! (näheres Hier)

Nein, nein: Die Türkei muss draußen bleiben. Nicht aufgrund von Fremdenfeindlichkeit oder weil ein 17-Jähriger derzeit am eigenen Noch-Leib austesten muss, ob türkische Inhaftierte wirklich NICHT schwul sind (gilt dort als Geisteskrankheit), sondern, ganz profan: Wenn die zukünftige Ehefrau vor der standesamtlichen Trauung plötzlich den Penis auf den Tisch des Hauses legt und darum bittet, zukünftig „Rainer“ genannt zu werden, redet man ja auch nicht plötzlich von der Silberhochzeit.

Meine Meinung.


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Artikel

von Klapowski am 27.06.07 in All-Gemeines

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Kommentare (5)

  1. Crysis sagt:

    Hallo Klapowski, Sparki hat mich grade per Kommentarfeld informiert, dass nur lange Kommentare erlaubt sind, was die Anzahl derer wohl um 95% reduzieren dürfte – ein einfaches „ERSTER!“ genügt hier ja nicht mehr, Nein, es muss schon ein „Ich befinde – linear gezählt – an ERSTER Position derer, die einen Kommentar abgegeben haben“

    Das dient natürlich der Übersichtlichkeit und reduziert die Anzahl der Beitrage, die ebenso sinnlos sind wie dieser hier ganz ungemein.

    Ach ja, vielleicht sollte ich noch etwas zu dem Artikel sagen? Der ist echt lustig.

  2. Otto Normalzuleser sagt:

    Die Klapowski-Bilder zum Aktualisieren erinnern mich an einen unverschämten Bettler, der immer wieder um einen Punkt auf dem Angesehen-Counter schnorrt.
    Auch den Artikel mit den vielen schönen Schlagworten gabs schon einmal in einer anderen Fasson.
    Aber immer noch besser als die lange Stille vor einigen Wochen, und außerdem gönnen wirs ja dem Besten der uns bekannten Satire-Autoren

    (welche eine Seite namens zynika.de betreiben).

  3. Klapowski sagt:

    Was heißt denn hier „Bettler“?

    Die „Klicks pro Tag“ interessieren ja so was von gar nicht. Einzelne BESUCHER sind das Zauberwort beim anstehenden Web 3.0! Und wenn wir das Russische Klapo-Roulette nur zur Klick-Steigerung gemacht hätten, wäre der Umfang auch etwas größer ausgefallen:

    Klapo im Gitterbett… Klapos Einschulung… Klapo mit Stoffkatze im Mundwinkel… Klapo malt seine erste „Satire“ auf ein Wohnhaus… (ect.)

  4. http://www.sexisforfags.com : Mit dieser Einstellung hätte M. Weiss aktuell sicherlich andere Probleme, als sich z.B. Gedanken darüber zu machen, ob die Türkei die „Abschiebung nach Deutschland in Aussicht “ (Zitat SPIEGEL) stellt oder nicht. Dass das Wort „Abschiebung“ in Deutschland einmal derart positiv ausgelegt werden könnte, wer hätte das gedacht!

  5. Bergh sagt:

    tach auch !

    Ich kann dem Artikel ein ganzes Stück weit folgen.
    Bis auf die Tatsache, daß sich unser 17 jähriger auch nach deutschem recht u.U. strafbar gemacht hat.
    Zur Folge hätte das aber wahrscheinlich keine so lange U-Haft in Essen-Borbeck-Dreckenhausen-Vorort.
    Rein juristisch ist also gar nicht viel gegen dioe Inhafztierung an sich zu sagen.
    (O.K. Verhältnismäßigkeit und Fluchtgefahr etc. kann man relativieren.)

    Der Rest des Artikels deckt sich mit meiner Meinung.

    Eines noch :
    [quote]
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    Angemeldet als:
    Bergh. Abmelden »[/b]
    [/quote]

    Soll ich das jetzt als Imperativ „bergH verdufte“ verstehen ?

    Gruss BergH

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