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Chroniken eines Videospielers – Teil 1: Wii und andere Prozentrechnungen

Ich bin ein Spieler, ein chronischer. Zumindest seit einigen Monaten wieder. Aufgestachelt durch das intuitive und sehr spaßige Fuchtelkonzept der Wii-Konsole bin ich wieder dabei im Land der aufgehenden Wonne. Doch die Schrottspiele vom Kult zu trennen erscheint mir schwieriger als je zuvor: Früher hilfreiche Reviews scheinen mir inzwischen nur noch so aussagekräftig zu sein wie kreischiger Games-Werbespot auf Super RTL…

Mindestens ein Jahr hatte es sich für mich ausgezockt… Mit Ende 20 kommt man eben langsam in das Alter, in dem die ersten Senilitätserscheinungen beginnen und die Vergangenheit nachträglich zu einem bunten Spielplatz nie wieder erreichbarer Freuden mutiert. Psychisch ist man dann so weit, wenn man den neuesten Teil von Splinter-„Ich knips Dich aus, Du Lampe!“-Cell ohne logisch nachvollziehbaren Grund mit „Super Mario Land“ für den ersten Game Boy vergleicht.

Die Steigerung dieser psychischen Störung ist es dann meist, die neuesten Dschungelfotos von Crysis unter „Plastikgrafik“ abzuhaken (Das Wort „Plastik“ ist besonders verräterisch und ein untrügliches Anzeichen für gehobene Gamer-Senilität) und im selben Atem- bzw. Röchelzug eine alte Ausgabe vom „Nintendo Club Magazin“ zu kraulen. Bevorzugt die Seiten mit den eckigsten 8-Bit-Grafiken.

Vor diesem Hintergrund ist es der Wii-Konsole zu verdanken, dass ich mich überhaupt wieder in die Welt der kitzeligen Durchkillerspiele gewagt habe. Stunde um Stunde habe ich bei „Wii Sports“ im Stehen verbracht, bis der Muskelkater sich nicht mehr legen wollte. Ich bin durch das Wohnzimmer gerannt und habe dank „Rayman Raving Rabbits“ und „Wii Play“ vermutlich sämtliche Handbewegungen des Taubstummenalphabets abgearbeitet: Ich habe in der Luft gequirlt, gewirbelt, getrommelt, geschüttelt, geschlagen, geschoben, gezeigt und gekippt. Und wenn mein einst so sprießendes Schulterblatt dann langsam doch zu Welken begann, dann… fing ich wieder von vorne an.

Den größten Spaß hatte ich bislang allerdings mit „Eledees“: Ein japanischer Niedlichkeitsalptraum, vor dem selbst Bonbonpapier zusammenzuckt. Das Prinzip ist so simpel wie Hosenscheißen: Durch Wohnungen, Straßenzüge und Vergnügungsparks ziehen und kleine, japanophile Gnome mit einer Art Schwerkraftknarre fangen. So ähnlich wie das Grundprinzip von Half Life 2 (ja, es hatte meiner Meinung nur das eine!), nur hier halt in unterhaltsam. – Die Viecher kieksten und fiepsten so herzallerpiepst, das ich mir auch bei der geringstmöglichen Fernsehlautstärke Sorgen machte, die Mieterin unter mir könnte mich für einen illegalen Pokemonzüchter halten. Denn wenn sich erst mal vor Scham der Boden unter einem auftut, ist es mit dem Lärmschutz sicherlich schnell vorbei.

Die Steuerung des Games ist superb, süchtigmachend, einfach wegweisend. Besser als bei jedem Egoshooter. Die Physikeffekte mit später Hunderten übereinander purzelnden Elementen (Häuser, Lastwagen, ect.) sind mindestens „sehr schön“ und entschuldigen gar die durchschnittliche Optik. Besonderes Vergnügen: Nach 10 Minuten das elterliche Schlafzimmer in eine Müllhalde verwandelt zu haben, bei der man froh sein kann, wenn man das Bett unter all dem Gerümpel überhaupt noch wiederfindet und sich das Zimmer noch im selben Quadranten des Universums befindet. Diese tiefe Befriedigung, wenn kein Bild mehr an der Wand hängt und jede einzelne Sammeltasse im Regal zerschlagen wurde, kann wohl nur jemand nachvollziehen, der ebenfalls als Kind von seinen Eltern hören musste: „Leg das hin. Mach das nicht schmutzig. Wisch Dir den Mund ab. Wisch Dir den Mund NICHT an der Gardine ab. Wisch Dir die Gardine NICHT an der Straße ab (ect.)“ – Also praktisch jeder.

Seitenlanger Test überflüssig: „Macht Spaß!“ – und fertig ist das Review! Und wer das Ganze für zu leicht hält, soll mir gefälligst mal eine Komplettlösung für ALLE rosa Eledees im Spiel zukommen lassen. Gibt es da ab dem 4. Level irgendeinen Trick, außer das ganze Haus in eine dampfende Müllhalde zu verwandeln?

Dieses Spiel war es auch, das meinen Glauben an die Prozent-Wertung der Spielemagazine erschüttert hat: Früher entschied ich noch strickt zwischen einem „unbrauchbaren“ 79er-Titel und einem „hervorragenden“ 81er-Jahrgang, was daran lag, dass es erst ab 80% die begehrte Goldene Hundemarke der Zeitschrift „Video Games“ gab. Zu meiner Verteidigung dieser Oberflächlichkeit muss ich allerdings anmerken, dass das damals auch noch alles ungefähr passte. All der Schmonzes mit den „Wertungskonferenzen“ jeden Monat, bei denen „über jeden Prozentpunkt diskutiert“ wurde und „JEDES Spiel durchgezockt“ wird, habe ich geglaubt. Vermutlich war es sogar wirklich so, denn Screenshots gab’s damals nur im eigenen Intranet, bestehend aus Bildschirm und irgendeinem zwischengeschalteten Dings.

Heute hat man durchaus das Gefühl, dass Tester sich keine Zeit mehr nehmen. „Eledees“ wurde überall als ödes Kinderspiel hingestellt (wobei vielen Kindern in meinem Bekanntenkreises ein bisschen Ödniss sehr gut stehen würde!) und dafür Gurken wie das neue „Sonic“ 5 bis 10 Punkte höher bewertet.

Letzteres ist ein absolut nerviges Spiel, in dem man ohne Auswendig lernen nie genau weiß, wo der verfickte Igel denn gleich wieder entlang rasen würde. Stehenbleiben kann er auch nicht ohne weiteres, was mir mein TÜV-Prüfer vor ein paar Monaten erfolgreich als „äußerst bedenkliche Eigenschaft“ unterjubeln konnte. Und ob die Kippsteuerung dem Spiel irgendetwas gab, was einem beim Analogstick gefehlt hatte, wage ich zu bezweifeln. Wenn man ein Lebewesen exakt wie ein Auto steuert und sich dabei freut, sollte man bei aller Oberflächlichkeit moderner Medien und Innovationsfreudigkeit doch langsam in’s Grübeln kommen. Wenn man DAS dann noch beherrscht…

Ich könnte immer so weitermachen: „Wii Sports“ – Teilweise weit unter 80% Spielspaß! Völliger Blödsinn, verzapft von Redakteuren, die nicht mehr ihren Instinkten vertrauen, sondern der hippen Zielgruppe unterstellen, dass den Kids ein geiles Game einfach noch MEHR bieten muss als 100 Stunden unkomplizierten, reinsten Spielspaß mit 1 bis 4 Menschenkindern. Ebenso das Billiardspiel bei „Wii Play“: Ganz großes Kino, von keinem Blatt erwähnt und ebenfalls mit sehr toller Steuerung!

Den letzten Reinfall erlebte ich mit der N-Zone: Satte 86% Spielspaß für das EA-Golfspiel um den Tiger Wutz! Als frisch gebackener Fan von Schnarchsport mit Fuchteleinlagen wurde das Ding natürlich sofort beschafft… und bis heute nicht mehr angerührt.

Macht Spaß: Bet em‘ Up mit Bällen bei „Wii Sports“! Klare Farben, schöne Sounds, nette Details… Wann gibt’s neue Kurse zum Herunterladen?

Ein echter EA: Wolkenbruch statt Grinsespruch. Deprimierende Grafik, Doofe Zuschauer und Bäume mit „Saurer Regen“-Flatrate. Meine Wertung: 56%. Aber nur, weil’s dort gerade nicht regnet…

„Wii Sports“ sieht nicht nur um Klassen schöner, grüner und saftiger aus, man hat auch das Gefühl, auf echtem Gras zu spielen. Denn bei dem anderen Schlägertypen klackern die Golfbälle noch wie Murmeln auf grün angemalte Badezimmerfliesen! – Ganz zu schweigen davon, dass sich der Schläger hier erst NACH dem eigenen Schlag bewegt. Das wäre in etwa so, als würde man den Controller als Lightgun benutzen (was bei Eledees ja großen Spaß macht) und der Schuss erst 2 Sekunden später auf dem Bildschirm erscheint. Da ist an dieser Stelle ohne Frage die alte Klapowski-Bewertungsstufe namens „Bananig“ angesagt…

Da wird man doch so langsam nachdenklich, ob man den Zeitschriften denn noch vertrauen darf. Und das sage ich als jemand, der wahrheitstrunken an den Lippen von Politikern hängt, Anwälten traut und Telefonverkäufern nach ihrer ehrlichen Meinung zum neuen „SKL-Lospaket“ fragt. – „Excite Truck“ für Wii: Mit oft nicht mal 80% absolut unterbewertet und totgeschwiegen! Dabei ist das Ganze so ein herrlicher Rennspielspaß, bei dem es nicht nur fahrerisch immer etwas zu verbessern gibt (zum Beispiel wäre mehr als EIN Musikstück nett gewesen), sondern auch die Tricks und Sprünge mit jedem Versuch NOCH einen Hauch rasanter werden.

Von wegen „Arcade-Racer“! – Exite Truck ist nur einfach eine besonders gewiefte Mischung aus Rennspiel und Flugsimulation, das ist alles. Und mit der Wii-Kippsteuerung stets auf 4 Rädern aufzukommen, um ab und an einen Boost zu erhalten, erfordert auch bei Profis wie mir (ich habe beispielsweise Tetris ohne Zwischenspeichern durchgespielt!) volle Konzentr… – Oh, guck maaal! Das Master Sword aus „Legend of Zelda“, direkt vor meinem Fenster! Ach, doch nur ein Düsenjet…

Stattdessen hält man sich in den Redaktionen damit auf, in JEDEM erhältlichen Test zu verschwiegen, dass die späteren Dungeons bei „Zelda – Twilight Princess“ qualitativ stark abnehmen. Dass das letzte Level an Rätseln und Gegnern so arm ist, dass man es auch in einer Schulsporthalle hätte stattfinden lassen, erfährt man seltsamerweise nur in Onlineforen.

Ist ein Spiel mit 70 Prozent daher nun Kult oder „nur gut“? Bedeuten 90% auch in Zukunft, dass ich vor 10 Jahren schon besseres Leveldesign gesehen habe? Und was soll man davon halten, dass gefühlte 80% aller Spiele mit… öh… exakt einer Wertung um die 80% bewertet werden? Wo ist der gute alte 50er?

Warum sollen dämliche Spiderman-Versoftungen angeblich nur zwei Neuntel weniger Spaß machen als beispielsweise “World of Warcraft“? Und was war damals so toll an „Half Life 2“? Alle drei Gegnertypen (Käfer, Soldaten, Zombies)? Die Physikspielchen, die mehr Spaß machten als strategische Rätsel und rasante Schießeinlagen? – Welche es ja gar nicht gab? Die ewig gleichen Wohnblöcke und hochgejubelten pseudo-Innovationen? Oder hat man bei PC Games einfach die restlichen Prozentpunkte draufgepackt, die dem genialen Vorgänger mit den peinlich niedrigen 78% (?) noch verwehrt wurden?

Daher: Scheiß auf Zeitschriften, ich werde Foren-Kieker und Videogucker (z.B. auf gametrailers.com)! Das weiß man wenigstens, was man demnächst hat. Oder auch nicht.


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Artikel

von Klapowski am 13.06.07 in PC- und Videospiele

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