Das ernsthafte Medienmagazin

Telefonischer Tantenterror – oder: das heiße Ohr

Kennt ihr das auch? Wenn selbst das Telefon leicht panisch klingt (selbst wenn man „Mozarts kleine Nachtmelodie“ als Klingelton auserkoren hat), ist vermutlich eine ältliche Tante dran, die man schon seit Jubeljahren nicht mehr gesehen hat. Warum man in diesem Zusammenhang überhaupt von „Jubel“ spricht, kann ich nur der emotionalen Ungenauigkeit der deutschen Sprache anlasten…

Diese Tanten heißen meist Helga, Hilde oder Eusebia. Häufig hat man sie vor 5 Jahren das letzte Mal auf einer Beerdigung getroffen, von der man im Nachhinein eigentlich dachte, dass SIE dort unter die Erde gebracht wurden. Bevor man sich jedoch als Hauptdarsteller in einem amtlichen Auferstehungswunder wähnen kann, heißt es dann meist schon:

„Hier ist Tante Helga, mein lieber Junge!“

Das war schon Fehler Nummer eins, wie er oft vom bundesdeutschen Spinatwachteltum begangen wird: „Lieber Junge“ dürfen mich nur Pädophile mit anerkannter Sehstörung und Sicherheitsverwahrung nicht unter Sanktnimmerleistag nennen. Und selbst dann nur mit Attest.

„Aaaah! Taaaaante Heeeeelgaaaaa!“

Jetzt ist Tempo gefragt! Bevor einem die Vokale ausgehen, müssen die plötzlich etwas scheu gewordenen Hirnzellen bezüglich ein paar Helga-Details befragt werden. War Helga verheiratet? Und wenn ja, warum? War ihr Mann stocktaub? Anders wäre eine derartige Verbindung ja auch kaum zu ertragen… War sie die Schwester des Cousins väterlicherseits oder gar nur angeheiratetes Kruppzeug, welches beim allgemeinen Leute Totlabern und Abnerven nur minderwertiges Genmaterial mitbekommen hat?

„Danieeel! Schön, dass wir uns mal wieder sprechen!“

Verflixt. Scheint also länger zu dauern. Gut, dass ich neuerdings „Age of Empires“ auf dem Nintendo DS habe und dafür nur eine freie Hand brauche…

„Jaaaaaaaa. Hahaaaaaa! Ich bin daaaaaa!“

Ich weiß, man sollte nicht allzu begeistert klingen, wenn man ein Gespräch so kurz halten möchte, um es vorgestern noch rechtzeitig zum Friseurtermin zu schaffen. Aber ich kann halt nicht anders. Ich bin für etwaige Tanten und andere Verfallsdaten auf Solotour der „liebe Daniel“. Nur ungern möchte man sein Bild in der Verwandtschaft verzerren, das seit den letzten öffentlichen Super-8-Filmvorführungen gerade so schön eindeutig auf „Swimmingpool-Plantscher“ und „Mit-großem-Ball-Spieler“ festgelegt war.

Plötzlich fragt Tantchen: „Wie geht’s Deiner Frau?“

Für einen Moment mache ich mir schreckliche Sorgen! Ja, was macht meine Frau eigentlich? Schon lange nichts mehr von ihr gehört. Sogar noch nie, wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin. Hier liegt vermutlich wieder eine Verwechslung vor, die ich in Erwartung eines reinigenden Toilettenganges (künstlich herbeigeführter Durchfall soll in solchen Momenten sehr befreiend sein) gerne aufzuklären bereit bin.

„Äh. Du meinst meinen Vater, Tante Helga. Du hast uns in deinem Notizbuch mal wieder verwechselt, weil wir den gleichen Nachnamen haben. Erinnerst Du Dich? So wie letztes Jahr, als ich Dir schon bereits sagte: `Erinnerst Du Dich, so wie letztes Jahr!`“

Denn das ist nicht das erste Mal, dass ich mit meinem Vater verwechselt werde. Obwohl dieser nur unerhebliche 30 Jahre älter und 30 Kilo schwerer ist, erschrak ich erst kürzlich auf einer Beerdigung, als ich von der Seite angesprochen wurde: „Mann. Siehst Duuuuu schlecht aus! So dürr!“. Und das war sogar noch meine Körperseite, die ich stets für die Nach-Ende-20-Aussehende gehalten hatte.

Jedenfalls hilft mir die telefonische Aufklärung nicht weiter: Das einstündige Programm aus „Hmmm“ und „Ahja“ wird von meiner Seite fest erwartet, koste es, was es wolle. Und sogar vieles von dem, was ich gerade so gar nicht will.

Doch das Schlimmste ist stets die letzte Frage: „Wann kommst Du mich denn mal besuchen?“

Nun haben alle Tante Helgas dieser Welt die Eigenschaft, dass sie stets am gefühlten Arsch der Welt wohnen, gleich nach dem übergroßen, stets schwafelnden Riesenmund. Meist noch im dicht besiedelsten Ruhrpott, wo keine ortsfremde Sau durchfindet und die ortsansässigen einen viel zu sehr auf den Sack gehen, als dass man sie ernsthaft würde besuchen wollen…

So verfiel ich auf eine List: „Dann könnte ich ja Mama mitnehmen!“

„Gerne doch! Mein Haus ist Euer Haus! Wir könnten zusammen Kirchenlieder singen, uns über Personen unterhalten, die vor 20 Jahren verstorben sind (oder zumindest heute schon so riechen) oder uns – nur, wenn wir nichts anderes vor haben – mit Kuchenblechen gegenseitig auf den Kopf schlagen.“

„Da Du sowieso meine Eltern anrufen wolltest, kannst Du sie ja gleich mal fragen!“

Puuh. Da meine Mutter ebenso wenig auf einen Besuch einer handgenähten Sprechblasenausstellung Wert legt, wird sie für mich den harten Job übernehmen müssen, Tante Helga ehrlich, klar und offen die Ablehnung in Form eines resignierten „Ja, demnäääächst mal.“ zu überbringen. Ich würde ja auch gerne meine Eltern anrufen und fragen, wie das Gespräch ausgegangen ist.

Aber im Moment ist noch besetzt. – Vielleicht schreibe ich zur Überbrückung der Wartezeit einfach noch einen neuen Blogeintrag. Bestimmt passiert in der nächsten Woche noch was Berichtenswertes…


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Artikel

von Klapowski am 11.02.07 in All-Gemeines

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Kommentare (1)

  1. Livia sagt:

    Wahnsinn! Da tut sich auf dieser Seite seit Oktober 2002 mal was, und prompt beschweren sich meine Nachbarn, weil mein lautes Gekicher sie bei ihrem wohlverdienten Mittagsschläfchen stört. Ts! Wobei ich zugeben muss, dass ich auch nicht mehr die Jüngste bin – habe ich doch fast das mikroskopisch kleine Kommentarfeld übersehen (das sich farblich so gut wie gar nicht vom Hintergrund unterscheidet! Meine armen Augen!).

    Aber zum Thema: Lieber Daniel, beschwere dich nicht! DU hast wenigstens Verwandtschaft in der Nähe und nicht wie ich über 5 Kontinente verteilt! Wobei ich zugeben muss, dass ganz froh bin, in mindestens 9 Flugstunden Entfernung von den meisten zu wohnen. Da ergibt sich auch das Problem mit dem Telefonterror nicht, ist man doch eher selten zur gleichen Zeit wach und zu belanglosen Gesprächen aufgelegt.

    Was meine liebe, in der Nähe wohnende Mutter jedoch nicht daran hindert, mich mindestens einmal die Woche anzurufen. Und diese Gespräche verlaufen dann tatsächlich so, wie du es in deinem Eintrag beschrieben hast.

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