Das ernsthafte Medienmagazin

„Kyrill“ – Der Sturm im halbvollen Wasserglas

Das nimmt jeder Freizeitgestaltung glatt den Wind aus den Segeln: Die Sturmmeldungen vor drei Tagen kündigten von einer Welt, die nur deshalb nicht untergehen konnte, da sie sich mehrere Flugzeughöhen über den Erdboden befunden haben müsste. Ein Orkan namens „Kyrill“, der an sich schon wie ein marodierender Russe klingt, und dessen alleinige Erwähnung die fußkranke Oma schon unter den Tisch zwingt, sollte Deutschland in Angst und Schrecken versetzen.

Per Internet, Radio, Fernsehen und REM-Schlaf verkündeten die medialen Windmacher, dass wir alle sterben könnten. Windstromproduzenten möglicherweise sogar aufgrund eines finalen Kassensturz-Orgasmus.

Die Verhaltenstipps diverser Feuerwehr- und sonstiger Männer warnten davor, sich in Sichtweite von Bäumen aufzuhalten, sich einen Ast zu lachen oder Kreuzigungen im eigenen Garten durchzuführen. Autofahren solle man ebenfalls besser lassen, es sei denn, man werde schon seit Stunden von einer Eiche verfolgt und wisse sich nicht anders zu helfen. Zu meiden sind auch unbedingt Häuser (wegen der Dachpfannen und anderen architektonischen Küchenutensilien), Berghänge (nur die steile Seite) und vielgenutzte Fluglinien. Von Aufenthalt IN Häusern musste ebenfalls abgeraten werden, da durch Sturmböen umherfliegende Objekte hineingeweht werden können. Besitzen sie ausschließlich gegenüberliegende Fenster, befinden Sie sich allerdings auf der sicheren Seite der grundlosen Panik…

Gut, laut den Pressemeldungen war Kyrill ja wirklich nicht ganz ohne. Doch wie schon damals, wenn woanders Überschwemmungen die ostdeutsche Eckkneipe „Noah’s Place“ vor sich herpeitschten oder angeblich Dächer von Schneelasten zerdrückt wurden, gab’s bei mir nicht mal einen Wassereinbruch oder einen sonstigen Überfall von Seiten der Elementenpartei. Zwar sieht man im Fernsehen die Bilder von zerstörten Häusern, jedoch kenne ich keinen, der wirklich zu Schaden gekommen wäre oder sich irgendwo einen geliehen hat. Alle wissen nur von einem Bekannten zu berichten, dessen Schwesters Halb-Schwippschwager ein 5-Meter-Dachziegel auf’s Haupt gebrettert ist. Natürlich jeweils im genau gegenüberliegenden Bundesland.

Da kommt man schon in’s Grübeln: Gibt es überhaupt Naturgewalten? Gut, am fraglichen Sturm-Donnerstag konnte ich vom Bürofenster aus durchaus ein sanftes, aber nicht unromantisches Wiegen eines Bäumchens betrachten. Und als ich um 18 Uhr nach Hause fuhr, lagen ein paar winzige Zahnstocher-Imitats-Versager auf der Straße und 3 Ampel waren abgeschaltet. Aber sonst? Tote (Wind)Hose. Vielleicht noch ein leichter Herbststurm in der Nacht, sonst nichts.

Sind also Wetterkatastrophen, die tagelang Medien und Menschen fesseln, gar nur eine Erfindung, um uns einzulullen, auf dass wir den Blick für die wirklich wichtigen Dinge verlieren mögen? Ein paar vom Geheimdienst ausgestreute Äste, ein paar gefakte Bilder (mit 200 langen Angelschnüren und einem Kastanienbaum kann man erstaunliche Sachen zaubern) und fertig ist das Schock-Event? Wenn Religion das Opium des Volkes sein soll, wie man zu sagen pflegt, sind Unwetter dann die ab und zu notwendige Koffeintablette?

Ich weiß es nicht.


Weitersagen!

Artikel

von Klapowski am 20.01.07 in All-Gemeines

Ähnliche Artikel


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Brandneues
Gemischtes
Newsletter
Arschiv
Zum Archiv unserer gesammelten (Mach-)Werke.
Büchers
Jenseits der Goetter

Jenseits der Macht