Das ernsthafte Medienmagazin

„Hi! Wie geht’s denn so???!! :) :( :)“

Schade: Chatten macht dumm und auch der dritte Oralsex-Smiley vermag bei den anwesenden „Frauen“ einfach nicht die erhoffte Antwort hervorrufen: „Ja, ich will dich, HyPeRjAcK! Hier ist meine Adresse: …“

Ich gebe zu: Ich habe sie lange Zeit verachtet! Chats! Ab mehr als 5 Leuten im Chatroom verkommen sowieso schon oberflächliche Gespräche schnell zu guturalen Grunzlauten. Immer gewürzt mit dem obligatorischen Spacken, der abwechselnd „Wixer“ und „WIXER“ in die Tastatur hackt…

Doch in den letzten Tagen sagte ich so zu mir: „Dany, du alte Pfeife! Ständig liest man doch davon, dass man mördermäßige Prachtweiber im Internet abgreifen kann!“ – Genau! Die Tussis räkeln sich im Regionalchat (z.B. im Bielefeld-Room) zu Dutzenden wollüstig im Chatfenster, rollen sich sexbesessen umher, so daß sie zu biologischen Ventilatoren mutieren und warten nur auf MICH! – Oder auf jedes beliebige andere Hohlbrot, das mit Nick-Namen wie „Porsche-Boy(viel Geld!!)“ oder „Suche Sex, zahle gut“ auf sich aufmerksam macht…

Erst tat ich mich im privaten Gespräch etwas schwer, da ich die Regeln nicht kannte. So antwortete ich auf die Einleitungsfrage „Und, was machst du hier so?“ stets mit „Ich chatte ein bißchen mit dir!“.

FALSCH!

FEHLER! TÖDLICH! – Ruck-Zuck ist man weggeklickt! Gemeint war natürlich, in welchem Stadtteil ich wohne, wie oft ich onaniere und wieviel Geld ich monatlich so übrig habe, um diese in Armbänder und Ringe zu investieren, für dessen Tragung sie sich durchaus bereitwillig opfern würde…

Am Angenehmsten ist es auch, sich selber von den Girls ansprechen zu lassen und nebenbei irgendwo anders herumzusurfen, bis einem plötzlich ein Chatfenster entgegenspringt. „Hallo!“
Wer dann antwortet „Hallöchen. Ist aber voll hier, was?“, wird erbarmungslos weggeklickt! Zu den ebenfalls tödlichen Chatsprüchen gehört eigentlich alles über 3 Worte: „Chattest du öfter hier?“ – Zack! Klappe zu, Affe rot. Vor Wut.
Gute Ergebnisse erzielte ich hingegen mit „Halo!“, „na du?“ und „Takchen!“

Krampfadern, Heulkrämpfe und vorzeitige Regelblutungen bekommt das weibliche Geschlecht hingegen bei „Heididei!“, „Wunderschönen guten Abend!“ und „Öy, ficken?“

Gut, bei letzterer Frage bekommt man wenigstens noch eine leidlich höfliche Entschuldigung: „tut mir ächt leid, du. habe gerade das bett voll mit dem haarigen Samson vonner Hauptpenne und dem Manfred vom Brettergymnasium!“

Schon bald lernte ich auch, daß der 2. Chatsatz meines Gegenübers eine rhetorische Frage darstellt, die niemals wahrheitsgemäß beantwortet werden sollte!
Wer auf „Wie geht’s dir so?“ mit dem Satz antwortet: „Bin ein bißchen müde und generell immer schlecht drauf“, wird für seine Wahrheitsliebe sofort abgestraft. Durch Liebes- und Chatfensterentzug!

Als es mir zu bunt wurde, taufte ich mich um in „23,m,wünsche mir niveauvolle Gespräche mit Frauen“ (Leider war ab „niveauvolle“ kein Platz mehr, sonst hätte ich noch zusätzlich ein Zynika-Posting in meinen Nick-Namen kopiert). Obwohl ich erwartet hatte, von Schülern angesprochen zu werden, die neugierig fragen, was mich perverse Sau denn an dieser populären Feuchtigkeitscreme anmacht, erlebte ich eine Überraschung! Plötzlich konnte ich mich vor Sülztanten nicht retten!

Da war einmal Kim, Kindergärtnerin mit abgeschlossenen Psychologiestudium. Da ich unter dem Namen „Kim“ seit einiger Zeit einen arbeitslosen Brückenpunker mit Depressionen im Kopf habe, behandelte ich das Mädel wie den letzten Dreck, ließ sie ewig lange auf Antworten warten und ließ es an der erforderlichen Ernsthaftigkeit mangeln.
Sofort wollte sie Bilder des arroganten Arschlochs haben, das sie da so tierisch angemacht hatte…

Dann war da noch die gewiefte Frau aus Berlin, die generell im Bielefeldchat abhängt, da sie da vor 20 Jahren mal gewohnt hat. Nach 10 Minuten wußte ich, wie viele Freunde sie schon hatte, nach 15 Minuten konnte ich sie beruhigen, daß weibliche Onanie nichts Verwerfliches ist und nach weiteren 30 Minuten bescheinigte sie mir, daß ich ihr absoluter Traummann wäre und sie sich ein wenig in mich verliebt hätte. Meine verbal kurz angerissenen Brillen-, Haar- und Augenfarben hatte sie wohl ganz rollig werden lassen. Gut, daß ich doch nicht „lila“ geschrieben hatte, wie ursprünglich geplant! – Das reinste Glücksspiel!

Nicht zu vergessen die Bankangestellte, deren PC im Minutentakt abstüzt und sich nach langweiligem Geplauder über schriftliche Prüfungen nun sehnlichst eine Mail von mir wünscht…

Dieses Chatten ist schon verdammt interessant! Menschen überfallen einem nach 30 geschriebenen Wörtern mit ihrer Lebensgeschichte und legen als Bonus gleich noch Geschlechtskrankheiten und Liebeskummer dazu.
Frauen verlieben sich in kesse Sprüche und rechnen es einem hoch an, wenn man nach 10 Minuten noch nicht über SEX gesprochen hat: „Du bist so anders als die, mit denen man sonst so chattet!“
Kurz: Der Chatroom ist für jeden Hobbypsychologen ein beeindruckendes Sammelsurium an durchschaubaren Persönlichkeiten und seelischen Prostituierten. Spannend, schnell, krass!

Wir sollten uns mal alle zusammen im Chatroom verabreden.


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Artikel

von Klapowski am 28.09.02 in All-Gemeines

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