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Die Altstadt von heute

Alte Gebäude sorgen bei eher simpel gestrickten Menschen schnell für Begeisterungsstürme. Warum wir von Zynika.de statt destruktiven Inlineskates lieber den zerstörerischen Schaufelbagger auspacken, erfahrt ihr hier…

Die Reiseprospekte dieser Welt haben Unrecht: Alle Städte sind Scheiße, vor allem die Reichen und die Schönen!

„Hübsche Altstadt“ ist nur eine Umschreibung für ein wurmstichiges Jammertal, für deren Abriss sich die Besitzer Außenstande fühlten! So müssen wir uns in Innenstädten also immer noch durch reißende Brunnen kämpfen, in unübersichtlichen Gassen die Knie aufschlagen und artig vor Häusern salutieren, deren Stützbalken außen liegen. Ein unbedarfter Besucher, der hinter der nächsten Ecke eigentlich ein wummerndes Diskothekenviertel aus Beton, Stahl und Extasy erwartete, steht dann würgend vor mittelalterlichen Schlachterhöfen und Daumenschrauben-Shops.

Immerhin riecht es drinnen nach 500 Jahre Räucherspeck und Termitenkacka, was wenigstens Geruchstechnisch für Ähnlichkeiten mit durchschnittlichen Diskotheken sorgt… Nur trägt der Räucherspeck hier keinen Top und sagt auch nicht: „Die Musik ist wohl zu laut! Ich kann gar nicht hören, dass du mir 5 Barcardi spendieren willst!“…

Überhaupt: Sieht man von einmaligen architektonischen Besonderheiten ab (die den einmaligen architektonischen Besonderheiten in anderen Städten verflixt ähnlich sehen), so sehen sich doch alle Städte verflixt ähnlich:

– Mittelalterliches Rathaus mit scharfen Kurven unter’m Giebel – CHECK!

– Irgendeine 400 Jahre alte Spinnerei mit so Namen wie „Hexenstübschen“, „Hexenstüberle“ oder „Hexenstub“ (je nach Bundesland und Dialekt), in dem nebenbei allerlei Wahlhexen und -hexenmeister zahlreiche Geständnisse auf der Streckbank abgelegt haben – CHECK!

– Eine komische Säule (5 bis 8 Meter), deren Zweck auch die Einheimischen nicht kennen und auf der in lateinischer Sprache weise Worte stehen. Ab und zu verirrt sich ein Touristenführer mit einer Schulklasse von gelangweilten Schirmmützenträgern in die Nähe, weist auf einen Haufen von Taubenkacke und übersetzt sie (bzw. die darunter befindliche Schrift, die er aber natürlich auswendig kennt): „Morgenstund hat Gold im Mund“!
So genial, das müsste eigentlich von mir sein! Kein Zweifel! Ururur(…)uroma Klapowski war Steinmetz! – CHECK!

– Einen „urgemütlichen Marktplatz aus der Zeit der Kreuzzüge“ (O-Ton Touristen-Faltblatt), der in Wahrheit nur einen asphaltierten Hundespielplatz für Assi-ausgelernte Punkerkiddies darstellt… Immerhin 20 x 15 Meter, dafür aber mit glasierten Gehsteinplatten, die Mitte der 90er so in Mode kamen. – Die diversen Kriege kannten glücklicherweise kein Pardon und haben die mittelalterlichen Schotterpisten frühzeitig in Puderzucker verzaubert… – CHECK!

– Ein uriges Flüsschen… Auch wenn es aus dem nächstgelegenen Kernkraftwerk entspringt, immer ein gern genommenes Persönlichkeitsmerkmal aufstrebender Städte!
Selbst wenn es nur 1 Meter breit ist und man mit besoffenem Kopp drin spaziergehen kann, ohne dass die Socken quillen: Das Flüsschen muss einfach sein. Bei uns ist es die Lutter!
0,69 Zentimeter breit, bei Regen weniger… Auch Wasser hat seinen Stolz! – CHECK!

– Ein großer Brunnen in der Nähe vom Hauptbahnhof, Baujahr 1924. Mit quadratischen Asphaltplatten in den Nachkriegsjahren an die Sicherheitsvorschriften angepasst und am Boden mit aufgedunsenen Bierdeckeln gepflastert. Ja, auch nächtliche Kneipengänger wollen sich was wünschen dürfen…
Irgendwo schwimmt noch ein Handschuh eines Kleinkindes, das im Sommer letzten Jahres mit dem Hund eines sächsischen Touristenehepaars eine Runde Wassertreten veranstaltete. – CHECK!

– Eine katholische Kirche mit grünem Kupferdach, das seine Farbe bereits sichtbar am Mauerwerk hat herunterlaufen lassen. Alle 6 Monate steht für 4 Monate ein Kran daneben und ab und zu verschwindet Oma Platuschke im Gotteshaus, um sinnlos Kerzen zu verbrennen. – Zum Gedenken an Mutter Maria, den Jahrestag des verstorbenen Mannes oder einfach nur an die letzte Kerze… – CHECK!

Der Rest ist eingerahmt (teilweise handelt es sich sogar um echten Rahm!) von fettigen Imbissbuden, Fielmann-Filialen und einem Psychotherapeuten, über dessen Namensschild („Dr. Sch. Izo“) sich schon 2 Generationen von Humorbegeisterten in die Hosen gepullert haben…

Ob Wiesbaden, Bielefeld oder Hamburg-Mannheim: Die gleichen sozialen Probleme, die gleichen asozialen Pennerbanden und die gleichen unsozialen Mercedes-Fahrer…

Nur dass exakt der selbe Penner, der einem in Herford noch die Cent-Stücke aus den Rippen geleiert hat, einem dort plötzlich als Mercedesfahrer begegnen kann. – Und umgekehrt…

Wir sehen also:
Willst du mal die Fremde sehn‘, mußt du um den Aldi gehn’…

Wozu auch andere Städte besuchen, wenn der „McAsia“ von Japan-Niederbayern bis zum Hawaiianischen Schleswig-Holstein die selben Schmiermittel und Sushiimitate enthält??


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Artikel

von Klapowski am 08.09.02 in All-Gemeines

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