Das ernsthafte Medienmagazin

Malteser malträtieren Miesepeter…

Hilfswerke gut und schön… Doch wer beschützt uns vor den Hilfswerken, wenn wir alt und krank oder (noch schlimmer) jung und dynamisch sind? Lest dazu mein spannendes Abenteuer!

Kürzlich gehe ich in der Innenstadt ganz gemütlich am obligatorischen Innenstadt-Plätscherbrunnen vorbei, da passiert es: „Kennen sie Malteser?“

Ich wollte schon sagen: „Klar, ich liebe Mineralwasser!“, doch da fiel mir ein, dass das Wort „Selters“ zwar sehr viele Buchstaben des obigen Namens enthält, wahrscheinlich aber nicht gemeint war… Während ich noch so innerlich über die Mechanismen (oder eben keine) des Gehirns schmunzele, manövriert mich ein 25-Jähriger Kinnbartträger mit Ökoplakette auch schon an eine überdachte Theke.
Prompt redet er mit mir, wie mit einem Bescheuerten: „Hi, ich bin Kai! Letzter am Brunnen G! Darf ich „Du“ sagen?“

„Na klar, bin ja noch nicht so alt, oooder? Daniel heiß‘ ich…“

„Na ja, manche haben das nicht so gerne, Daniel…“

„Ja, Kai. Ich verstehe, Kai. Man fühlt sich so krampfhaft in eine gewisse Intimität verfrachtet, Kai…“

„Weißt du etwas über die Malteser?“

Während er mich fragt, bemerke ich, dass er meine Intimsphäre verletzt. Bei Ökos fürchte ich mich immer davor, dass eine Staudensellerie aus deren Mund grabscht und mich zu holen versucht… Mit einer komplizierten Formel (Radius, Flächenberechnung, Höhe) kann man sogar ausrechnen, wie sehr meine „gefühlte“ Intimsphäre verletzt wird. Ein Schlappenträger, der 20 Zentimeter größer als ich ist, befindet sich rein rechnerisch nämlich bereits in mir drin…

„Du, Daniel… Lass uns mal in diesen Ordner schauen, jaaaa? Kennst du dieses Auto?“ (Bild mit Krankenwagen zeig)

„Ja, schneidet mir immer den Weg ab!“

„Ha! Ha! Ha!“

„Haha!“

„Aber im Ernst, haha! Das ist ein gaaaanz liebes Auto, das ganz viele Menschen retten tut! Außerdem sind die Malteser Hilfswerke auch gaaaanz aktiv, was Alte Menschen UND Jugendliche angeht!“

Die Stimme verfällt in diesen Klang, den alle Menschen haben, die tagtäglich die selben Sätze unheimlich freundlich aufsagen müssen. Ob überschminkte Supermarktspecki-Tanten („Wollen sie mal pro-bie-räään??“) oder Edelpunks (Hast du vielleicht Geld für eine Bus-fahr-kar-tääää?“): So professionell, dass man direkt die Teleprompterschrift über die Augäpfeln wandern sieht…

Ich überlegte einige Sekunden, ob ich ihn feucht anprusten und dies als spontanen Gefühlsausbruch hinstellen sollte, als es im klagenden Kindergarten-Singsang weiterging:

„Auch in Kinderhilfswerken sind wir vertreten, damit aus kleinen Menschen (fährt die Hände zusammen) mal soooo große Menschen werden (reißt die Arme auseinander wie ein Angler beim Latein). Ja, Daniel: So wie du… und ich!“

Alles in allem war es herrlich! Ich habe ihm dann nach 5 bis 10 weiteren Stimmlagen aus dem Sektenshop und ebensovielen Sätzen auch sehr gedankt (O-Ton: „Das hast du wirklich schön erzählt, ABER…“) und wollte mich schon von meinem neuen Freund verabschieden, da hielt er mich zurück.

Kai wollte mich zu einer Spende überreden. Monatlich. – Sofort! Bar auf die Kralle, sonst gibt’s was auf die Fresse!
das sagte er nicht, aber ich konnte die gedanklichen Zahnräder deutlich hören, wie sie mich schabenderweise verachteten. Vielleicht kam das Geräusch von den aufeinandermahlenden Zähnen, ich weiß es nicht…

Doch seine Stimme war bereits seit einigen Tagen vom Rest seines Wesens abgekoppelt: „Na, Danieeel, überleg doch mal, wieviel GUTES du mit diesem Geld…“

Ich musste ihn unterbrechen, bevor er mir seine Pokemon-Sammelkarten zum Kauf anbieten würde…

„Kann ich den Zettel nicht mit nach Hause nehmen?“ fragte ich gewieft und erregt bei dem Gedanken, dieses dreckige Zellstoff-Miststück in meinen Papierkorb einzuführen. Immer wieder und wieder!!
Ein geiler Gedanke! – Hinter mir spritzte der Brunnen bereits ab…

„Neeeeein, das tut mir leid, aber das geht nicht… (Ein 3-jähriger hätte nicht schöner kindisch sein können, als er fortfuhr) Weißt du: Was wir brauchen, das ist (gekünstelt die Fäuste zusammenball) EHRLICHE, SPONTANE Hilfe!“

(Nicht nachlass) „Aber warum denn nicht Zuhause?“

(Rolle kurzfristig ableg) „Weil dann von 1.000 eh nur 2 zurückkommen, darum!“

„Und wie viele erklären sich pro Tag an diesem Stand zur Spende bereit?“

„Heute 3… Mein schlechtestes Ergebnis…“

Nachher fiel mir ein, dass ich hätte sagen sollen, warum dies so ist. Individuell müssen die Leute angesprochen werden! Menschenkenntnis ist Trumpf! So kann man einem desinteressierten Zyniker schlecht in die Mangel nehmen, wenn man unumwunden für brüllende Kinder und schwafelnde Rentner wirbt…

Ich hätte meine Jacke ausziehen, mir sein „Kai, ein todal dufter Typ, echt!“-Namensschild schnappen und ihm beweisen sollen, wie man es RICHTIG macht!

„Hallo, gnädige Frau! Haben sie nicht manchmal, an wenigen Momenten des Jahres auch ein schlechtes Gewissen, weil ihnen die Ärmsten unserer Gesellschaft völlig egal sind? – Nun, ich will das nicht werten und selbst als Mitarbeiter der Malselters Mineralwasserwerke muss ich sagen: ‚Vielleicht haben sie Recht!‘ – Immerhin spende ich auch nicht!
Aber wollen sie ihr schlechtes Gewissen nicht bekämpfen, indem sie im Monat eine völlig unerhebliche Alibisumme, sagen wir 1,50 Euro, spenden?
Dann ist ihr Gewissen in der besinnlichen Weihnachtszeit bereits beruhigt, wenn die Drückerkolonnen statt Zeitschriften mundgemalte Postkarten aus Behindertenwerkstätten verscherbeln!
1,50 Euro, dafür können wir gerade mal 4 Bleistifte für unsere durchaus ausufernde Verwaltungsabteilung bestellen… Sie brauchen also in Zukunft bei dem Satz „Nein danke, ich spende schon an die Malteser“ nicht befürchten, dass dieser Betrag einer ihnen möglicherweise ungeliebten Personengruppe zugute kommt!

Bitte unterschreiben sie hier, jaaa?“

Ich weiß es genau! – Ehrlichkeit wäre das Erfolgsrezept!


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Artikel

von Klapowski am 25.08.02 in All-Gemeines

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