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„Final Destination 4“ – Ein Review in drei Dimensionen (uuui!)

„Final Destination 4“ wäre ein Film wie jeder andere, speziell wie jeder andere der drei vorherigen Teile, WENN ich ihn nicht in 3D gesehen hätte! Ja, jenes spektakuläre 3D, das wir uns sowieso den ganzen Tag ansehen, welches wir im Kino aber als Heiligen Glotz-Gral verehren. Gewinnt die etwas ausgenudelte Killer-Saga durch die neue Dimension wieder an Schwung dazu? Oder gibt es gar inhaltliche Abstufungen (= Leute, die nur ein BISSCHEN tot sind?), die das Franchise auf neue Bahnen bringen?

Was? Mein alter Redaktionskollege G.G. Hoffmann hat bereits seinen ersten Film in 3D gesehen? – Dass er nun eine Dimension mehr als ICH kennt, konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen! Da kam es mir gerade recht, als mir vor 2 Wochen freundlich mitgeteilt wurde, dass nun auch die Kinos in Bielefeld 3D-tauglich sind („Inglourious Basterds? Heute? Nö, wir ham’ zu. Umbau. Wegen 3D. Tschüss!“).

Das Verfahren mit Brille und Brimborium war dann auch nicht gaaaanz so kompliziert wie von Hoffmann beschrieben. Das liegt eventuell daran, dass das Bielefelder Verfahren vereinfacht wurde oder aber auch daran, dass Hoffmann inzwischen auch nicht mehr mit dem Bus fährt, weil ihn die Lichtschranken in den Türen verschrecken: Musste sich mein ehemaliger Redakteurskollege im Kino angeblich noch mit Pfandchips (für die Spezialbrille), Pfandchipzertifikaten und dem Zurückgeben der Brillenderivate herumärgern und somit mutmaßlich eine neue Finanzkrise einleiten, reichte bei mir ein kleines Plastiktütchen mit einem Plastikbrillchen. Alles zusammen für 11 Euro 50chen. – Aber man weint sich ja sonst nichts…

Die umgebaute Nerdbrille (kann danach nach Hause genommen werden) schmiegte sich mit ihrem angenehmen Gewicht auf die Nase wie ein liebevoller Stupser eines Frauenfingers. Nichts von wegen „umgebaute Taucherbrille“ und „beschlagenes Aquarium“, wovon Hoffmann mir gegenüber in seinem marinen Demenzwahn phantasierte!

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„Wah! Eine brennende Rolltreppe! Was machen wir nur, wenn sie oben angekommen ist?“ – „Lass uns erst dem Klavier ausweichen, das uns aus dem 2. Stock entgegenkommt, dann sehen wir weiter!“ – Treppendeppen: Bei Final Destination 4 ist nichts so, wie es scheint. – Es sei denn, man hat einen IQ von über 90 und einen der vorherigen Teile gesehen…

Und tatsächlich ist der 3D-Effekt, wenn es die Filmemacher darauf anlegen, ein Garant für wunderbar plastische Einsichten in die Welt des Hinten & Vorne. Unscharfe Grashalme und Zweige eines Baumes? Vorne im Bild. Häuser, Bäume, Berge? Meist eher hinten anzusiedeln. Menschen, Tiere, Sensationen? In der Regel im Mittelfeld aufzufinden. – Das macht Spaß und große Augen! Zwar gewöhnt man sich recht schnell an den Effekt (nach 10 Minuten ebbte das hysterische Kreischen beeindruckter Girlies langsam ab), doch die objektive Verbesserung bleibt bestehen. Ähnlich muss es dem Publikum gegangen sein, als der Farbfilm die monochromen Depressionsbilder ablöste, diese aber schon deshalb nicht laufen lernten, weil sie noch zu niedergeschlagen dafür waren.

Am besten gefielen mir bei „Final Destination 4“ dann auch jene Bilder, in denen Alltagsgegenstände in den Zuschauerraum hineinzuragen schienen. – Mit oder ohne durchstochenen Körper auf dem von ihnen zurückgelegten Weg. Auch immer wieder nett: Gegenstände, die NICHT so alltäglich sind oder die man in der Regel nur EINMAL aus einer bestimmten Perspektive sieht (heranrasende Autos, Messer, Explosionen), wobei man danach aber meist kein Zeugnis über das Gesehene ablegen kann…

Warum mein Begleiter sich nach dem Film „Rammdösig“ fühlte, weiß ich wirklich nicht. Als gebürtiger Nicht-Brillenträger war er es vielleicht einfach nicht gewöhnt, seine Seele 2 Stündchen hinter einem virtuellen Schaufenster Gassi zu führen.

Aber nun zum Film an sich: Wieder einmal kommen ein paar hübsche junge Leute sowie ein paar Alibi-Greise (30 bis 40 Jahre alt) bei einem großen Unglück davon, weil einer der Hauptfiguren eine ultrascharfe High-Definition-Vision vom vorgesehenen Geschehen hatte. Doch da der Tod die Bürokratie liebt und sich nicht ins knochige Handwerk von Formular 28c pfuschen lassen will, tötet er trotzdem die Überlebenden in jener Reihenfolge, wie sie ursprünglich vorgesehen war.

Dazu bedient er sich des Zufalls wie z.B. eines herabfallenden Puschens, der im eigenen Wohnzimmer eine tödliche Kettenreaktion auslöst, in deren Verlauf unter anderem eine Mausefalle, ein Korken, sieben Toilettenpapierrollen und eine Wehrmachtspistole eine große Rolle spielen könnten.

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„Verdammt, ich werde sterben, weil ich mich versehentlich in meinen Tempotaschentüchern verheddert habe, die jemand mit rotem Kontaktgift benetzt hat. DAS habe ich nun wirklich nicht vorhergesehen!“ – Rot tut Not: Der Tod lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen. Ist die ständige Sehnsucht des Knochenmannes nach Spektakulärem etwa auch nur ein stummer Schrei nach Liebe?!

Die Grundidee dahinter ist das uralte „Dem Schicksal kann auch die heißeste Schickse nicht entrinnen“, gewürzt mit so vielen Schock- und Überraschungsmomenten, bis einen nix mehr wundert und man gar nicht mehr wirklich geschockt (oder überrascht) ist.

Sonstige, in der Filmreihe immer wiederkehrende Elemente:

Der Tod ist ein Messie – und das ist auch gut so!

Wie immer bedient sich der Tod eines reichhaltigen Arsenals an „Fallobst“: Weggerutschte Besenstiele bedienen bestimmte Maschinen treffsicherer als ein Industriemechaniker und wenn irgendwo etwas herunterfällt, ist das Ergebnis oft ausgefeilter als der „Domino-Day“ auf RTL. Elektronische Geräte haben mehr Kurzschlüsse als Boris Becker auf der Suche nach der Frau fürs Leben und wer sinnlos große Mengen an leicht entflammbarem Material hortet, den bestraft nicht nur der Brandschutzbeauftragte!

Spitze, diese Spitzen:

Der psychologische Kniff ist unverändert simpel, aber immer noch effektiv: Dadurch, dass man weiß, dass der Tod jederzeit zuschlagen kann, enthält jeder Kugelschreiber, Bodenhubbel und arabisch aussehender Passant den Nimbus des Gefährlichen. Und das kostet der Film wieder einmal aus, indem er uns (in 3D, wohlgemerkt) schon mal genüsslich eine gut gefüllte Werkzeugbank anschauen lässt und unser Kopfkino damit beauftragt, die eh schon vorhandenen Todessequenzen mit eigenem Kopfkino aufzufüllen.

Nachteilig ist hierbei nur, dass dies nur beim ersten Anschauen wirklich funktioniert. Einen Wiedersehwert hat das Ganze eher weniger. Hier kommen dann wohl nur die perversen Splatterfreunde zum Zug, die sich für ein paar Sekunden Blutrausch(en) tapfer die Dialoge ertragen. Oder – analog zum Pornogucker – einfach gleich fleißig vorspulen, bis der Daumen auf der Fernbedienung eine total tödliche Entzündung erleidet.

„Üüüüüberraschung! – Schon wiedeeeer!“

Wenn Ihr wüsstet, das auf jeden Fall eine Überraschungsparty für Euch geplant ist, macht ihr irgendwann auch die Lokustür nicht mehr auf, ohne vorher durchs Schlüsselloch zu schauen. Durch die Teile 1 bis 3 ist man so abgebrüht, dass man uns „Kochwürstchen“ nennen sollte: Dass die Kettenreaktion meist noch um ein oder zwei Elemente komplexer als von uns vorhergesehen ist, daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Und auch die alte „Schnell, aber hart“-Nummer gibt immer noch ihr Stelldichein beim Stell-ihn-aus.

Wer allerdings alle Hinweise („Hmm, ein Stein in Großaufnahme, auf den danach vorerst nicht mehr eingegangen wird…“) akribisch verfolgt und eventuell noch ein paar Szenen der vorherigen Filme im Kopf hat, bzw. im Kopf hat, was die Protagonisten da alles so im Kopf stecken hatten, könnte ein paar der Metzelactionszenen durchaus vorausahnen.

Heute war alles besser als früher…?!

Der erste Teil hatte noch gewisse Charakterelemente. Zumindest Teile davon in den diversen Teilen der Charaktere. Die Polizei war kritischer, die Beerdigungen trauriger und die Gespräche etwas tiefgründiger (ist das ganze Leben vorherbestimmt und wenn ja: Warum verdirbt sich Gott derartig den Spaß am Zuschauen?)…

Den zweiten Teil fand ich dann schon etwas wirr und öde, was das ständige Rekapitulieren der Tötungsreihenfolge anging. Manches hatte ich sogar nicht kapiert, wenn es wieder hieß: „Aber WENN der Mann durch die Windschutzscheibe flog und dabei NICHT getötet wurde, ist er vielleicht erst bei seinem Fall in die Mähdrescherklingen umgekommen!?“

Teil drei roch in jeglicher Hinsicht nach einer Einbahnstraße zu zukünftigen Direct-to-DVD-Veröffentlichungen: Uninspiriert, wenig aufwändig, abgehalftert wie ein Rennpferd nach der Schlachtung. Nur die Szene im Solarium ist mir im Gedächtnis geblieben. Machten wohl die blanken Brüste.

Teil 4 empfand ich dann zwar wieder etwas besser, aber wer das wirklich objektiv einschätzen kann, sollte mit seinem grandiosen Ausnahmetalent vielleicht auch mal die aktuellen Parteiprogramme auf grundlegende Unterschiede abklopfen („Mehr Arbeit! Mehr Bildung! Mehr Mehr!“). Psychologische Feldstudien sollte man hier inzwischen nicht mehr erwarten, ebenso wenig die Antwort auf die Frage, warum die Hauptgruppe der „finalen Destinierten“ immer aus gutaussehenden Schülern besteht und neuerdings mindestens eine barbusige Szene dabei sein muss.

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„Verdammt, die Gentechnikgegner hatten Recht! Grüne Killerwürmer wollen mein Auto fressen und mich dabei laut schreien hören! Welch Ironie des Schicksals, dass ich bis vor 5 Sekunden noch Taubstumm war!“ – Wasser lassen: Das hier ist garantiert keine schöne Art zu sterben, was… öhm… das auch immer sein soll!

Sympathisch ehrlich ist wenigstens, dass sich die Todgeweihten die vorherigen Filmgeschehnisse jeweils im Internet herunterladen und daher schnell wissen, dass der Tod demnächst auf ein Tässchen Blut vorbeikommen wird. Spart Lebenszeit (eh knapp), Zuschauernerven und sich langsam aufbauende, dramaturgische Elemente. Braucht eh keine Sau, das minutenlange Rumgesülze für bettlägrige Pflegeheimpatienten mit dem krankhaften Gegenteil des Aufmerksamkeitdefizitsyndroms, ey!


Fazit: So Final kann die Destination in der Vergangenheit nicht gewesen sein, wenn es erneut einen Abnippel-Ableger gibt. Ausreichend unterhalten fühlte ich mich aber trotz alledem, da das Tempo hoch, die Splattereffekte gelungen und der Klapowski dank beizeitiger Bierbetankung gut drauf war. Ein kleines Extra-Plus auf die Note gibt es für die 3D-Einsichten.

Logik sollte man beim Ansehen draußen lassen (warum wird in einem Kino mehr brennbares/explosionsfähiges Material gelagert als in einem Lager der Taliban?), aber das versteht sich bei einer Teenie-Klamotte – die trotzdem erst ab 18 freigegeben ist – von selbst.

Für den 5. Teil möchte ich dann aber bitte mindestens VIERdimensionale Inhalte (Zeitreisen?) sehen, damit das Konzept weiterhin tragfähig bleibt, jaaa?



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Artikel

von Klapowski am 24.09.09 in Film-Review

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Kommentare (3)

  1. draht vater sagt:

    Alles gelogen, es gibt gar kein Bielefeld, aber den Film.

    War wohl nix mit Endgültig,schade…

  2. Raketenwurm sagt:

    Ich laß ja mal in der Fernsehzeitung „Final Destination“ und dachte „Prima, den wollte ich schon immer mal sehen.“, und ich war dann auch angenehm überrascht, daß da sogar Jonathan Frakes mitspielt. Nur als dann nach dem ersten gestorbenen Teenager kein Weiterer folgte, und stattdessen Frakes als Engel mit der Verblichenen über Tod und Teufel philosophierte, wurde ich schon etwas skeptisch. Der Rätsels Lösung: Ich wurde von einem Erfinder deutscher Filmtitel perfide hereingelegt !
    -> http://www.imdb.com/title/tt0194835/releaseinfo

  3. G.G.Hoffmann sagt:

    „Rammdösig“! Das ist genau das Wort, nach dem ich wochenlang gesucht habe, um meinen Zustand nach ICE AGE 3 zu beschreiben. Natürlich! Die doofen Nichtbrillenträger vertragen keine Gläser auf der Nase. Und deshalb sind die brillentragenden Nerds, derengleichen diesen Unsinn erfunden haben, klar im Vorteil. Die Rache der Halbblinden! Das ist ungerecht! Ich setze ja auch keinen kurzsichtigen 20-Dioptriener ohne Sehhilfe in die letzte Reihe des Premierensaals und sage: „Schau mal, wie toll scharf das Bild ist! HD ist wirklich super!“.

    Ich werde mir den nächsten 3D-Film erst ansehen, wenn man keine 3D-Brille mehr benötigt. Ich fürchte aber, bis dahin benötige ich eine echte Brille.

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