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Star Trek Enterprise – 1.04 – „Geistergeschichten“ („Strange New World“) Review



Wenn neue ST-Serien frisch aus der Gußform purzeln, so haben sie allesamt in der ersten Staffel das gleiche Schicksal zu befürchten: Wahnsinn und Speichelfäden, die sich langsam zum Erdboden vorarbeiten.

Laßt mich euch erinnern:

TOS, 4. Episode, Titel: „Implosion in der Spirale“ – Nicht nur der deutsche Titelgeber dieser Folge hatte damals das eine oder andere Problem mit dem Ding auf seinem Hals, sondern auch die Crew, die scheißelabernd aufeinander einzuschlagen begann. Grund: Virus.

Gut 20 Jahre später erwischte es die TNG-Crew. Diesmal schon in Folge 3. der selbe Virus wie damals. Nur knapp entgeht auch dieses Schiff damals der Zerstörung durch einen grottenschlechten Spezialeffekt… „Gedankengift“ nannte man das damals…

Vor lauter religöser Verzückung hatten unsere Freunde von DS9 ihren persönlichen Lattenschuß fast vergessen: Erst in Folge 18 („Meuterei“) durfte sich Sisko als verrückter Uhrmacher etablieren…

Bei Voyager machte man es sich dann einfach: Die Figuren bekamen generell das Etikett „schizophren“ auf die Stirn gepappt und durften es die nächsten 7 Staffeln nur in Ausnahmefällen entfernen. Immerhin wird die Crew in Folge 13 dann noch mal durch ein Energiewesen kontrolliert. Man weiß, was man den Fans schuldig ist: Bewusstseinsverlust. – Wie? Ja, das war zufällig auch der Titel der Folge…

Nun also auch „Enterprise“… Dort sind es verblödende Sporen, die für Aggressionen und unberechtigte Beschimpfungen sorgen. – Konnten wir von diesem Konzept irgendetwas Gutes erwarten? Will denn irgendwer zum x-ten Mal sehen, wie sich die Hauptfiguren misstrauen und sich gegenseitig Beinchen stellen? – Eigentlich nicht!

Doch manchmal kommt es anders als man spinnt…

Die Folge beginnt mit einem schönen, liebevollen Effekt: Während die Crew im schiffsinternen Darkroom speist, ziehen helle Streifen an der Wand vorbei. Licht, das vertrauensvoll von einem Planeten ausgesandt wurde, um die Fenster der Enterprise zu benetzen. Sofort springen alle auf und wir spüren:

Ja! Dieser Planet sorgt für Muffensausen. – Und damit meine ich nicht den später aufziehenden Sturm! – Kaum zu glauben: Ein fremder Planet ist bei „Enterprise“ (noch?) nicht eine weitere Langweilerkugel unter vielen. Kein Schwerkraft-Kettenkarussel, dem sich das Schiff verspielt anvertraut, sondern ein Geschenk Gottes.

Sofort fallen auch die etwas anderen Kameraeinstellungen auf: Archers Hund rennt im gleichbleibenden Abstand auf die Kamera zu. Die beiden Monde am Himmel werden vom Erdboden aus gefilmt, während die Crew staunend vorbeitrampelt. Am Lagerfeuer senkt sich die Kameraeinstellung sanft von oben auf die romantisierten Blaumänner herunter…

Wann hat man das je bei den Vorgängerserien gesehen? Angeklebt in einer Entfernung von 2,80 Meter hielt dort der Dummbrot-Kameramann stets in Augenhöhe voll drauf. Mitten auf die grobschlächtig dreinblickenden, gelangweilten Schauspielerfressen…

Ob „Enterprise“ die schönen Einstellung und netten Außenaufnahmen halten kann, dürfte eine der spannendsten Fragen werden. – Ist das Budget für die neue Serie denn so viel höher als bei Voyager, wo Außenaufnahmen regelmäßig im studioeigenen Wintergarten stattfanden? Oder vielleicht noch in der gepflegten Schrebergartensiedlung gegenüber?

Würde mich fast nicht wundern, wenn nach den ersten Etablierungsfolgen die Paramount-Kaffeekasse nur noch Staub und Weltallsporen enthalten würde. – So teuer sehen einige Szenen für den geübten Beobachter aus. Hoffen wir, dass die zur Zeit produzierten Folgen keine 2-Teiler sind, die im feststeckenden Schiffsfahrstuhl spielen und mit dem geflügelten Wort „Charakterepisode“ präsentiert werden…

Doch nun wird es wieder Zeit für ein kleines Wortspiel! – Aufgepasst: Dass „Enterprise“ wirklich frischen Wind in die Trek-Landschaft bringt, beweist der Sturm, der unseren Helden das Leben zur Hölle macht. Kein flirrendes Subraum-Partikel-Event, kein photonischer Döner-Regen, keine Plasma-Meisen, die da herabregnen und den beamtechnischen Abtransport frech unterbinden! Nein! Einfaches, stink- und sturmnormales Luftgesäusel im Geschwindigkeitsrausch! – Das ist simpel. Das verstehen wir. Das macht Sinn.

Auch die erstaunlich unfuturistischen Zelte und Schlafsäcke haben mir viel Spaß gemacht. Paramount. 15:30 Uhr. Der Braga pennt. Der Einkaufszettel sitzt. – Requisite aus dem Trekking-Laden gegenüber. Fein gemacht! (Rick Berman heranwink und am Kinn kraul)

Auch die Höhle hat mich verblüfft. Normalerweise benutzte man da ja seit Jahrzehnten das unschöne TOS-Schema: Künstlichste Pappfelsen, gut ausgeleuchtet. Dazu Sand und anderes Streugut wie in der Zirkusmanege ausgelegt. Zog man da mal die Federfelsen weg, hatte man gleich eine formschöne Drehkulisse für einen ostfriesischen Küsten“streifen“… War es diesmal etwa gar keine Kulisse??

Sehr spaßig: Der humorvolle Transporterunfall. Seit Jahren warte ich darauf, dass endlich mal jemand mit dem Kopf in der Wand materialisiert! Ein schöner „Zurückwurf“ des Verrauens zu der Beam-Technologie. Die Etablierung dieser Technik wäre der Tod für Episoden wie diese, die gerade dadurch leben, dass kleine Shuttles sich auf den beschwerlichen Weg machen.

Zur eigentlichen Story:

Sicherlich lässt die Zusammenfassung nicht viel Spannung erahnen, doch durch den Ent-typischen Geschwindigkeitsverlust in der Erzählweise können selbst extrem magere SF-Versatzstücke noch eine ansehnliche Wiederauferstehung feiern. Die selbe Geschichte wäre bei Voyager schon nach 20 Minuten mit allen nennenswerten Details erzählt worden und in einen Schiffstanz im Orbit gemündet, in dem gigantische „Sporenschiffe“ von einer winzigen Voyager Brandmale verpasst bekommen. Doch obwohl hier für Trek-Verhältnisse eigentlich gar nicht viel passiert (siehe auch die Folge von letzter Woche) ist man glücklich und zufrieden mit dem Gesehenen. Man kennt schließlich die stinklangweilige Alternative zu Genüge…

Der aufkeimende Wahnsinn der Festsitzenden erscheint greifbar und verständlich. In dieser gelungenen Düsterkulisse ist es auch für den Zuschauer einfacher, phantastische Gruselaliens mental an die Schattenfelsen zu heften!

Und Tucker und T`Pol liefern sich einen schönen, waffenlosen Zweikampf. Willensstärke und Köpfchen gegen Willensstärke und Hirnschmelze… Die ersponnene Geschichte, mit der der Captain die Situation bereinigt, hat mir ebenfalls gefallen. Kein grenzdebiles Gemorde und Geschieße wie in der letzten Trek-Serie, sondern eine fast TNG-würdige Lösung. Auch Picard quatschte stets alle Probleme in Grund und Boden. Solange, bis diese jaulend aufsprangen, in einem Baum verschwanden und mit blutenden Ohren ihre Kapitulation bekannt gaben. Das hat mir gefallen. SO regeln Erwachsene in einem komplexen Universum ihre Probleme, liebe Voy-Kinder!

Fazit: Weiter so, „Enterprise“! Wenn dann irgendwann noch mal eine richtig neue und innovative Story auf uns wartet, können wir dann auch mal über die Bestnote reden!

Note: 2


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Artikel

von Klapowski am 01.01.03 in Star Trek - Enterprise

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