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„Bauer sucht Frau“ – Klapo findet Trash?

Nun also Bauern mit Hormonstau… Warum eigentlich? Wir alle haben in unserem Leben schließlich schon mal einen Partner gesucht. – Wir alle haben vermutlich schon im Internet geflirtet („Hey, schöner Smiley! Ficken?“), Frauen in allen Lebenslagen angesprochen („Hey, coole Location, oder? Bist Du häufiger hier?“ – „Nein, ist erst meine zweite Beerdigung.“) oder haben einfach eine Arbeitskollegin angesprochen („Komm, ich zeige Dir, wie man am Fotokopierer seinen Hintern vervielfältigt!“)…

Und sicherlich mag das häufig albern, gestellt oder schichtweg peinlich gewesen sein. Aber was soll’s? Wir sind schließlich echte Männer, harte Kerle! – Hat zumindest meine Mami immer gesagt…

Was also macht es so interessant, wenn nun BAUERN eine Frau suchen, wenn sich doch jeder von uns überall zum Lackaffen machen kann? Sind sie etwa (bauern)trampeliger, gefühlskälter oder trotteliger als der normalsterbliche Sprücheklopfer mit seiner wachsam verharrenden, anatomischen Warteschlange? – RTL meint wohl, dass dem so ist und präsentiert derzeit mal wieder „Bauer sucht Frau“, das Format mit Klischees für groß und… schwein.

„Das Stroh musst Du verfüttern, Maderl. Nicht einsammeln!“ – „Ne, das wird meine Notbekleidung. Der Redakteur dieser Sendung reißt mir hinter der Scheune ständig die Klamotten vom Leib. Oder meinst Du, ich laufe bei 7 Grad Celsius freiwillig bauchfrei herum?“ – In den 70ern und 80ern hätte man dieses Bild noch als Werbeplakat für ein deutsches Sexfilmchen wie „Im Stroh, da wird gejodelt“ oder „Graf Porno bläst zum Euterstreich“ benutzt. Heute ist sogar diese titelgebende Selbstironie verflogen…

Wochenlang nun muss ich mir nun schon von meinen Arbeitskolleginnen (Fotos und Brustmaße auf Anfrage) anhören, wie kultig die Show doch sei. Vor allem Bauer Heinrich, der ständig schief singende und liegende Idiotenpapst mit seiner Psycho-Mutter, scheint eine besondere Faszination auf das weibische Geschlecht auszuüben. Sogar die BILD-Zeitung berichtete darüber, dass seine neue Flamme rausgeschmissen worden sei, da sie angeblich „müffelte“. Okay, wenn man ständig einen warme Kamera durch die Achseln durchgeschoben bekommt, könnte man sich eine gewisse Schweißtreibung durchaus vorstellen. So war es aber nicht, denn laut BILDblog.de erfreut sich die Schäferschnalle noch immer bester Anwesenheit. Puh, Da hat sie ja noch mal Glück – und Deostick – gehabt!

Nun habe ich die Sendung vorletzte Woche EINMAL für eine halbe Stunde gesehen und hatte danach bereits das Gefühl, mit der Serie aufgewachsen zu sein und nun eine gewisse Übersättigung zu spüren. Ist eigentlich irgendetwas langweiliger, verschiedene Bauern um herangekarrte Frauen buhlen zu sehen, von hypothetischen Sendeformaten wie „Schornsteinfeger sucht Braut“ und „Sklavenhändler sucht Schnäppchen“ mal abgesehen?

Allein der Gedanke, dass mit 17 Kameras in der Omaküche ein authentisches Flirtfeeling aufkommt, ist so abwegig wie Hühnerkacke auf der Spülbürste. – Wobei: Letzteres gab es ja in der vorletzten Ausgabe sogar, als ein älterer Bauer seine bekoteten (Hühner-)Eier unbedingt in der Küche sauber machen wollte. Das war dann schon ein wenig unterhaltsam, wenn auch kein echtes Trostpflaster ob des vorherrschenden Gefühls, dass hier gefaked wird auf Kuh-komm-raus! Aber solange das Franchise Milch gibt, darf beim Drehbuchautoren sicher gerne mal das Euter schwellen vor lauter Produktivität…

„Also, bei uns hat es gefunkt! Wir fahren sogar zusammen in den Urlaub!“ – „Ja, und zwar direkt ins Klischee! Da wollte ich schon immer mal hin, hihi!“ – Mit dem Omasessel in den siebten Himmel: Bauer Bruno ist glücklich, denn er konnte Anja endlich an sich binden. Aber bei SEINEM Oberlippen- und IHREM Damenbart ist eine gewisse klettverschlussartige Zusammengehörigkeit im Mundbereich ja auch vorprogrammiert.

Ich kann den zuständigen Redakteur zwischen den gezeigten Szenen direkt sprechen hören:

„So, jetzt legt Euch doch mal gemütlich auf die Wiese und bestaunt die Aussicht! Genauuuu! Und Du, Lieselotte, sagst jetzt mal mit gestelzter Stimme, dass dir die Industriedüngeranlage von Gegenüber landschaftlich total gut gefällt! Wir schneiden da später ein Bergdorf aus dem Zeichentrickfilm „Heidi“ rein, das merkt keiner… Und dann sagst Du, Hein, dass Du schon seit 3 Staffeln… ähm: JAHREN nicht mehr so viel Spaß hattest und legst Deinen Arm um sie. Ähm. Nein. ÜBER der Kleidung. Und pack die Melkmaschine weg, unsere Sonderausgabe „Bauer sucht Fetischbraut“ startet erst im Juni 2009!“

Unglaublich, wie Leute nach Jahren des Dokusoap-Terrors noch von gefilmten Alltagshandlungen fasziniert sein können! Ich gucke den Scheiß ja eigentlich nicht, kann aber alleine vom jahrelangen Durchzappen(!) keine Putztanten mehr sehen, die im fremden Haus nach Spinnweben im Dachgiebel suchen („So eine Sauerei! Hier könnte man ja nicht mal von der Decke essen!“) oder nach dem eigenhändigen Aufreißen der Bodendielen nicht verstehen können, warum der Waldboden unter dem Haus eigentlich nie mal ausgesaugt wurde.

Denn der öde Alltag ist das eigentliche Thema der Serie: Mag die neuen Frau das ihr bereitete Essen (Klöpse mit Karpern) oder hätte sie lieber etwas GANZ anderes (Klöpse pur)? Hat der Bauer ihr Gästezimmer richtig gestaltet oder blockiert ein Heuballen die Tür? Sagt der Bauer artig danke, wenn der Blowjob unter dem Tisch zur Zufriedenheit ausgeführt wurde oder grunzt er undankbar herum („Mama macht das aber besser!“)? – Der größte Spaß für den Zuschauer soll es dann wohl sein, wenn Großstadtfrauen das erste Mal Mistschaufeln müssen. – Die einen machen das sogar ganz gut („Guck mal! Ein Köttel in der Form des Eiffelturms. Wie romantisch!“), was man aber eigentlich erwarten darf, wenn Damen sich freiwillig fürs mentale Dreckschaufeln bei RTL melden.

„Waaas?! Das ist also eine Ähre? Die fühlt sich ja voll ekelig an! Hast Du nicht was Schleimiges, auch für die Zuschauer?“ – „Wieso? Ich bin doch schon auf dem Bild, oder etwa nicht?“ – Mauer sucht Unfallopfer: Dass ab und zu eines der Paare tatsächlich ihr Glück findet, ist ja wirklich schön für sie. Aber wer diese biologische Gesetzmäßigkeit bedeutsam oder interessant findet, sollte sich mal kritisch fragen, ob er auch eine Sendung mit dem Namen „Mensch macht Haufen“ oder „Lunge sucht Sauerstoff“ verehren würde…

Die anderen haben dann schon mal Angst vor Hühnern, Kühen oder dem von hinten drohenden Rektal-Richtmikrofon des mehrköpfigen Filmteams. Die Angst vor Tieren und deren Ausscheidungen ist dann zwar auch mal spaßig, aber halt nur maximal die eine Minute, die man braucht, um sich aus seinem DVD-Schrank ein faszinierenderes Filmchen zu ziehen… – Qualitativ ist mit ja bereits mit den nervigen „Raubkopierer sind Verbrecher“-Trailer vor dem Hauptmenü besser beraten als mit brünftigen Landwirten.

Wer zum Geier glaubt eigentlich, dass auch nur eine EINZIGE Frau bei dem ihr Anverdauten bleibt, wenn die Kamera ausgeschaltet ist?! Oder, um es mal umgekehrt zu beleuchten: Würde ICH als Single-Mann bei einer Show mitmachen, die Frauen aus vorurteilsbehafteten Berufen zu verkuppeln versucht? Würde ICH etwa sagen: „Hmmm… Diese Domina aus Hamburg will ich unbedingt kennen lernen! – Hat zumindest RTL gesagt. Ich glaube, ich schaue mir die mal für eine Woche an, breche bei gegenseitiger Sympathie sofort alle Brücken zu meiner Heimatstadt ab und werde Zuhälter am Kiez. Ich habe schließlich schon mal einen Wasserrohrbruch und meiner Mutter die Nase zugehalten! Wäre doch gelacht, wenn ich DAS dann nicht auch könnte, haha!“

Und dann dieser Bauer Heinrich! Ist der Trend denn immer noch nicht vorbei, dass man mit schief gesungenen Drecksliedern und tief gesunkenen Managern eine kurzfristige Karriere machen kann? Wofür haben wir vor Jahren eigentlich Slatkos Leiche auf dem Kirchturm aufgespießt, wenn der abschreckende Effekt gänzlich ausbleibt? Wie oft will man denn noch „KULT!“ rufen, nur weil irgendein Gehirnexporteur in eigener Sache wieder mal im Tonstudio geräuschvoll vor die Wand gelaufen ist?

„Mimik? Selbstironie? Körpersprache? – Ist dieses Jahr leider auf dem Feld vergammelt. Aber ich habe stattdessen einen Spaten mitgebracht, damit wenigstens IHR das Gesicht verzieht. Und, wer will mal?“ (*Klonk*)

Also… Ob Bauern nun Frauen suchen oder demnächst eine gleichgeschlechtliche Beziehung: Der Dokusoap-Dreck der letzten Jahre hat seine besten Zeiten hoffentlich bald mal hinter sich. – Und da die besten schon, objektiv betrachtet, beschissen waren, gehören solche Sendeformate nur nach als Feldversuch ausgestrahlt.

Und mit „ausgestrahlt“ meine ich auf dem Weizenfeld, als Güllefontaine.


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Artikel

von Klapowski am 07.12.08 in TV-Review

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Kommentare (7)

  1. DJ Doena sagt:

    Les ich nicht.

    Nein, nicht weils zu lang ist, sondern weil ich nicht mal eine satirische Aufarbeitung dessen haben will, worüber ich jede Zurkenntnisnahme verweigere.

  2. Armleuchter sagt:

    Da srtimme ich DJ Doena zu.

    Was hat so eine Sendung hier verloren? Ist schon die zweite Entgleisung nach Musikantenhotel oder wie der Mist hieß. Das war alles arg an der Nullgrenze meiner Meta-Satire-Bewertungsskala, einfach weil „Thema verfehlt!“

  3. Flyan sagt:

    Also ich kann den anderen Kommentierenden da nicht ganz zustimmen. Durch diesen Artikel habe ich endlich Kenntnis von einer Sendung, die um mich herum ständig Thema ist und die ich nie gesehen habe, und das, ohne sie sehen zu müssen! Dann auch noch die Bestätigung zu erhalten, dass es sich wirklich um riesen Kuhdung handelt, nenne ich einen ungeheimen Service! Wo ist nochmal der PayPal Button?

  4. Klapowski sagt:

    Genau so ist es auch gemeint: „Zukunftia kotzt für Euch!“, das ist DIE Dienstleistung des neuen Jahrtausends.

    Ich zumindest kann an keiner TV-Kritik vorbeilesen, die meine „Lieblinge“ (Dokusoaps, Live-Brust-OPs, On-Air-Hinrichtungen, ect.) in Stücke reißt. Schließlich geben einem diese Artikel auch wieder Argumentationshilfen für einem selber! Zum Beispiel, wenn man mal wieder damit hadert, ob man schon wieder eine Serie auf DVD kaufen soll, oder ob es für ein paar Wochen nicht auch das normale Fernsehprogramm tut. (-> NEIN!)

    In diesem Sinne werden wir auch weiterhin bestimmte Sendeverbrechen abstrafen. Natürlich nur, damit es danach wieder heißt: Willkommen in der Welt der Silberscheiben! Hallo, „Knight Rider 2008“ auf DVD!

  5. Flutschfinger sagt:

    Ist Klapotzki (absichtlich falsch geschrieben) nicht großer Quantentheoretiker? Ich wäre als Laie ja mal wirklich sehr gespannt, was er denn hierzu sagt: http://trekmovie.com/2008/12/11/bob-orci-explains-how-the-new-star-trek-movie-fits-with-trek-canon-and-real-science/

  6. Klapowski sagt:

    Abgesehen davon, dass das eigentlich nicht so recht zu dem obigen Artikel passt, besitzt dieses Interview hat ja nun keine besondere Tiefe in Sachen Quanten & Co. Lernt man diese Grundlagen nicht inzwischen in der 2. Schulklasse?

    Die Kernaussage ist ja einfach, dass eine Zeitreise in die Vergangenheit vermutlich gar keine Änderung der Gegenwart bedeutet. Sofern diese Reise überhaupt möglich ist, ist eine Nicht-Änderung eigentlich sogar auch die Voraussetzung dafür. Zumindest, wenn wir das Kausalitätsprinzip als unantastbar betrachten (aber in der Quantenphysik ist ja eigentlich NICHTS 100%ig unantastbar und sicher).

    Ich merke gerade, dass ich Pädagoge hätte werden sollen. Wo sonst kann man so Sätze sagen, wie „wenn WIR dies betrachten“, obwohl 95% der Zuhörer gelangweilt auf ihr Handydisplay starren…?

    Jedenfalls ist das Interview nur eine Notwendigkeit, um nörgelige Hardcore-Trekkis vorab mit dem ruhig zu stellen, was sie kennen: Parallelwelten. Welch Zuuufall, dass die favorisierten physikalischen Theorien(!) des Bob Orci genau auf die Anforderung eines Remakes passen: Nämlich neue Schauspieler, neues Trek.

    Praktisch, oder?

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