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Trashtest à la carte: „Das perfekte Dinner“

dinner-klein.jpgKochshows sind seit Jahren erfolgreich und so toll, dass man schon selber ganz dicke sein möchte. Alkohol- nicht esstechnisch! Da sie die Zukunft der Fernsehunterhaltung bedeuten, müssen diese Sendungen natürlich mindestens einmal bei ZUKUNFTIA besprochen werden. – Denn sonst redet ja eigentlich niemand mit ihnen. Ich schaute mir daher auf Vox jeweils ein- bis zweimal „Das perfekte Dinner“ an. Einmal die Ausgabe ohne Promis, und das andere Mal… eigentlich auch ohne. Genesungswünsche könnt ihr übrigens direkt an meinen Psychiater schicken. Wenn ICH sie in die Finger bekomme, esse ich sie sowieso nur sofort auf, raaarh!

„Das perfekte (Promi)-Dinner“ – In der Küchenschabenunterhaltung der letzten Jahre ist dies nur ein exemplarisches Showbeispiel für verkochten Ideenreichtum. Aber dennoch eines der präsentesten, obwohl diesen Scheiß nun wirklich keiner als Präsent erhalten möchte.

Um was geht es? – Hobbyköche aus aller Herren Bundesländer, die einen vermutlich nicht mal geographisch interessieren, treffen sich unter dokusoapiger Aufsicht in einer Privatwohnung, um abwechselnd zu kochen. Alles mit dem Ziel…, es halt zu tun. … ….

– Okay, ich weiß ja auch nicht, WARUM eigentlich, Okay?

Diese Menschen, die sich erst vor 3 Minuten kennen gelernt haben, heucheln dann in dieser Sendung Vertraulichkeit und Intimität: „Reich mir mal Deine beiden Klöpse, Ilse!“ – „Gerne. Aber ich heiße Schnucki, nicht Ilse. Und ich bin auch nur die Praktikantin des 8-köpfigen Kamerateams!“ – Wobei das mit dem künstlichen Lächeln aber manchmal noch nicht so gut klappt, wenn sich die Kamera mal wieder im rechten Mundwinkel festgefahren hat und der Soundingeneur gerade die Pobacken verkabelt, zwecks genauerer Verdauungs-Auswertung…

„Hmmm, lecker. Wir haben gerade den Regisseur dieser Sendung gegessen! Und dass er jetzt weg ist, finden wir gar nicht so übel.“ – Prost Sparzeit: Billiger kann ein Format wirklich nicht sein! Es würde mich aber trotzdem nicht wundern, wenn der Perlwein hier nur aus Morgenurin mit Mineralwasser besteht, um die Gewinn für den Sender vom 372-fachen der Produktionskosten noch irgendwie auf das 373-fache zu steigern…

Wildfremde versuchen sich dann gegenseitig zwischen Kameras und dem eigenen Egotrip („Ich darf essen! IM FERNSEHEN!!“) einen gemütlichen Abend vorzuspielen und auf eine lockere Krampfart tiefgründige Gespräche zu führen. Wenn möglich, mit Fress- und Wampe-anschwell-Bezug. Zum Beispiel, dass nur Frauen Basilikum schmecken können und Männer ihr Genital auf keinen Fall in ein Glas mit Chilisoße tunken sollten. Den Grund für diese seltsame Behauptung verschweigt dann jedoch die einsetzende Werbepause…

Trotz allem ist es wohl gut, dass sich der Gastgeber so viel Mühe mit der Deko gegeben hat. In der von mir gesehenen Sendung hatte Mr. „Fleischfarbene Badekappe“ daher vorsorglich rausgerupfte Grasplatten(!) auf dem Tisch verteilt. Ja, da schmeckt der Salat doch gleich viel besser, wenn man gleich sieht, dass man sich um den Nachschlag keine Sorgen machen muss! Und so eine Kellerassel oder ein Lindwurm, der sich im Laufe des Abends über den Tisch winden, gehen schließlich auch als Event-Verstärker durch. Marke: „Die letzte Folge Dschungel-Camp gesehen?“ – Wobei man aufpassen muss, bei den anwesenden „Promis“ keine schlechten Erinnerungen an ihren letzten Pauschalurlaub zu wecken.

Zwischendurch rennt der Gastgeber dann immer wieder in die Küche, gejagt vom Kameramann, der sich mit allerhand doofen Fragen bewaffnet hat („Ist das Fleisch oder ist Dir der Lederhandschuh in die Pfanne gefallen?“), welche aber am Ende alle wieder rausgeschnitten werden, zugunsten der noch uninteressanteren Antworten: „Nööö, das ist kein Handschuh!“

Und diese scheinbar unpassende Antwort wird dann bei der Nachbearbeitung dazu benutzt, um einen zynisch klingenden Märchenonkel nachträglich die Arbeitsschritte kommentieren zu lassen. Von einem kritischen „Aaaa-haa!“ über ein „Wollten wir ja nur mal gefragt haben.“ bis hin zu einem eher intellektuellen „Da haben die ja wieder gefressen wie die Schweine!“ werde da Texte eingesprochen, die einem Vox-Praktikanten beim Butter-Schälen eingefallen sein müssen.

„Hm, ich weiß nicht. Diese Schirmchen gehen zusammengefaltet ja ganz gut runter, aber dieses Glas ist mir doch einen Hauch zu knusprig!“ – Abgefüllt und ausgelacht: Die Kandidaten der Serie machen sich oft unwillkürlich zum Affen. Aber nicht zu sehr, denn im Hintergrund wird bereits einer für das Dessert gebraten!

Jetzt könnte man dem Ganzen ja noch eine gewisse Lehrwirkung für Hobbyköche mit Big-Brother-Fetisch zuschreiben, wenn die Küchenweisheiten nicht so unsortiert daher kämen: Wurde einem eben noch erklärt, dass man die braunen Zwiebelschalen – trotz des knusprigen Esseffekts – besser abmacht, wird einem 10 Sekunden später schon eingebläut, dass man den Pfefferstreuer nicht im Kochtopf lassen sollte, da geschmolzenes Plastik das Geschmackserlebnis beeinträchtigen kann. Derlei informatorische Stückware hilft einem überhaupt nicht weiter, wenn man mit dem Notizzettel an der Glotze lehnt, um die eingeblendeten Zutaten abzupauschen. Die übrigens nie kommen.

Überhaupt wird sich sehr viel Mühe mit dem Aussehen der Speisen gegeben: Selbst einen Eintopf würden die selbsternannten Küchenchefs (wäre ja auch doof, wenn sich alle Verrückten nur für Napoleon halten würden) nur dann servieren, wenn ein Quietscheentchen aus gepufften Fischmehlkringeln drauf schwimmen würde. – Klar, beim Kochen kommt es auch auf die Optik an (weswegen so mancher Gast eigentlich nicht hätte mitessen dürfen), aber wenn der gedörrte Seeigel vor seiner Zubereitung noch ein Gesichtspeeling erhält, darf man sich schon fragen, ob man hier nun satt werden oder nur einen neuen Neun-Live-Moderator herstellen will…

Das Essen an sich ist dann in etwa so spaßig wie umgekehrter Gesichtsstuhlgang: Milde nickend wird dann das Festessen in sich hineingeschaufelt, während der Koch im Hintergrund noch den letzten Schnittlauchhappen mit der Nagelfeile nachbearbeitet. Erst im nachträglichen Einzelgespräch kugeln sich die Fresser dann, und das nicht nur vor Lachen: „Diese kernlosen Trauben an der Tischdeko haben mir irgendwie gar nicht geschmeckt. Irgendwie wächsern, das Zeug! Konnte daher auch kaum die neunte Fasanenbrust im pürierten Honigmantel aufessen. Die war zwar ganz Okay, aber irgendwie hatte ich ab dem fünften Stück so ein komisches Ziehen im Bauch. Und das, obwohl ich jeden Bissen ganz vorsichtig mit einer Flasche Rotwein runtergespült habe!“

„Denen werde ich es zeigen, dass man eine Colaflasche nicht nur dafür verwenden kann, um sich damit jahrelang selber auf den Kopp zu schlagen, höhö! He, Moment mal! Was war denn jetzt doch gleich der ANDERE Verwendungszweck?!“ – Rolle rückwärts: Die Köche der Sendung zeigen hier, was sie eigentlich können. Also eigentlich ist das hier mehr ein Format für eine Kurzfilm-Serie…

Tja, so sieht eben eine Sendung aus, in der jeden Tag ein ANDERER aus der Gruppe ein Mahl bereiten muss… Schließlich darf man nicht zugeben, dass das Essen des anderen hammermäßig war, wenn man am Mittwoch selber mit pürierten Schweineohren ganz groß auftrumpfen möchte. Blöd nur, dass es fast jeder so macht und man dann SELBER ein Problem bekommt, wenn man einen unverzeihlichen Fehler begeht. – Wenn man zum Beispiel die frittierten Ü-Eier nicht richtig aus dem Aluminium gepellt hat…

Immerhin dürfen die Gäste zwischen den Gängen dann auch mal auf den Gang. Bewacht vom Kamerateam dürfen sie dann mal alleine durch das Haus ihres Gastgebers schlüren und mal gucken, was das für seltsam hautfarbene Motive auf dem Heft in der Nachttischschublade sind. Auch hier wird dann Lockerheit und ewige Freundschaft geheuchelt, nur für den Fall, dass jemand aus dem eigenen Bekanntenkreis diese Sendung sieht, der nach so einem Auftritt überhaupt noch Kontakt zu einem haben möchte.

Beim defekten Promidinner ist das Ganze im Prinzip das selbe. Nur kommen einem die Antagonisten dort noch mal eine ganze Kelle unbekannter vor… In „meiner“ Sendung war das eine Schickeria-Tante, die unentwegt nach ihrem Hausmädchen rief (vermutlich eine einmalig gebuchte Prostituierte, die einen Hauch von Glamour ausstrahlen sollte) und dafür sorgte, dass Oma Promi nicht unter Last ihrer Mahlzeiten – und der ihres Egos – zusammenbrach.

Dann war da noch ein undefinierbares, lippenaufgespritztes Objekt, vermutlich weiblich. Ihre besten Momente schienen so weit zurück zu liegen, dass selbst unsere Oma sie nicht mehr als „gute alte Zeit“ bezeichnet hätte. Das die doof war wie drei Tage altes Toastbrot, muss man wohl nicht extra erwähnen…

„Also WIR haben gerne bei der Sendung mitgemacht! Endlich mal ein Format, wo dumme Gänse dem Zuschauer zum Fraß vorgeworfen werden!“ – Brust raus, Zunge auch: Nachdem die 3 Mädels von der Denkstelle mal so richtig Muttis Küche verwüstet haben, zeigen sie sich noch mal so fotogen wie drei Wochen altes Hack. Was wohl die Jungs aus der Klasse zu diesem coolen Auftritt sagen werden, Kicher?

Zielgruppe dieser Sendungen sind vermutlich Frauen mittleren Alters und abgesenkten Intelligenzquotientens, die einfach mal ANDERE in der Rolle sehen wollen, in der sie sich ständig wiederfinden: Essen machen und dann inständig hoffen, dass Oma Gerda nicht so etwas hundsgemein-Kritisches sagt, wie „Kann ich mal den Salzstreuer haben?“ – Da muss man sich als gewissenhafte Hausfrau schließlich als heulendes Elend im Bett zusammenrollen und sich die eigene Unvollkommenheit eingestehen.

Nämlich, dass man nicht empathisch genug war, mit Daumen und Zeigefinger 200 Salzkrümel mehr über den Schokopudding zu verteilen, den Oma Gerda da nachwürzen musste.

Wir wollen es kurz machen: Wer DAS alles toll findet, bei dem hilft auch kein Geschmacksverstärker mehr.

Denn wo nichts ist, kann man auch nix verstärken…


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Artikel

von Klapowski am 07.07.08 in TV-Review

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Kommentare (4)

  1. Zue sagt:

    Erste!!!

    Wie hast du es geschafft, dir eine ganze Sendung von so einem Mist anzusehen?

  2. CronosZwo sagt:

    Joh, frage ich mich auch. Aber der Artikel ist gut.

    :)

  3. Donald D. sagt:

    Wie es Klapo schon mal schrieb: „Ich habe es für Euch getan, liebe Leser!“ (war eine ähnlich bekloppte Show, mit der er sich damals herumquälte.) Allein für Klapos Opfer müßte man ihn finanztechnisch entschädigen. Doch ich bin z.Zt. dafür einfach zu abgebrannt.

  4. Fragen sagt:

    Echt der Hammer die Show! ;)

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